Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Ein Experiment: Alexander Weischedel hat ein Jahr lang 1000 Euro monatlich bekommen

Macht das Grundeinkommen faul?

Alexander Weischedel  hat bei einer Verlosung ein Jahr lang Grundeinkommen gewonnen.
Alexander Weischedel hat bei einer Verlosung ein Jahr lang Grundeinkommen gewonnen. © Foto: Volkmar Könneke
David Nau / "06.12.17 08:00" could not be parsed by \DateTime constructor. Uhr
Berlin (MOZ) Am Nikolaustag 2016 gewann Alexander Weischedel bei einer Verlosung. Seither bekommt er 1000 Euro im Monat. Ein Jahr lang. Einfach so. Nun endet das Experiment. Wie hat sich sein Leben verändert?

Die frohe Botschaft erreichte Alexander Weischedel auf einem Discounter-Parkplatz. Der 33-Jährige hatte gerade Kisten aus der Wohnung seiner Freundin geholt, um sie in die gemeinsame Bleibe zu bringen und war dann noch zum Einkaufen gefahren. Von dort aus schickte er seiner Freundin eine Whatsapp-Nachricht.

"Dabei bin ich wohl irgendwie auf das E-Mail-Symbol gekommen", erzählt er. "Du hast gewonnen!", stand da. "Gewinnbenachrichtigungen sind ja eigentlich immer Betrug", sagt er. Dann las er die Mail genau: Er hatte tatsächlich bei der Nikolausverlosung des Berliner Vereins "Mein Grundeinkommen" gewonnen. Sein Gewinn: Ein Jahr lang jeden Monat 1000?Euro. Einfach so.

124 Grundeinkommen hat der politisch ungebundene Verein seit 2014 verlost. Das Ziel: Einen Eindruck davon bekommen, wie das Grundeinkommen die Menschen verändert. Es fehlen Erfahrungen: "Die Diskussion darüber ist teilweise eine Glaubensdebatte", sagt Michael Bohmeyer, Gründer von "Mein Grundeinkommen". Finanziert wird der Verein durch Crowdfunding. Immer wenn 12?000 Euro beisammen sind, wird ein Grundeinkommen verlost.

Die Idee, dass jeder Bürger unabhängig von seinem Lohn, Alter und Vermögen vom Staat ohne Bedingung monatlich einen festen Betrag erhält, blitzt in der öffentlichen Debatte immer wieder auf. Eine Art Grundeinkommen sei "völlig unvermeidlich", sagt Siemens-Chef Joe Kaeser. Schließlich würden Millionen Jobs durch Digitalisierung verschwinden. Auch in der Politik findet das Konzept den einen oder anderen Unterstützer: Der frühere thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) sprach sich schon 2006 für ein "solidarisches Bürgergeld" aus.

Kritiker befürchten, dass durch ein Grundeinkommen viele nicht mehr arbeiten gehen würden. Andere sehen darin das Ende des Sozialstaates, weil nicht mehr auf die Bedürfnisse des Einzelnen geachtet, sondern das Geld mit der Gießkanne verteilt werde.

Für Alexander Weischedel hat sich heute, ein Jahr nach dem Gewinn, wenig verändert. Zumindest auf den ersten Blick: Er wohnt noch immer in derselben Wohnung im 500-Seelen-Dorf Bergenweiler (Baden-Württemberg). Er fährt noch immer denselben Opel Astra. Er geht noch immer voll arbeiten, im Drei-Schicht-Rhythmus als Maschinenführer in einer Etiketten-Fabrik.

Wer erfahren möchte, was sich in Weischedels Leben verändert hat, der muss in sein Arbeitszimmer gehen. Dort, rechts neben dem Computer, steht eine schmale, weiße Vitrine. Darin sind die kleinen Veränderungen ausgestellt. Meist in Form von Papier. Zum Beispiel zwei Eintrittskarten zum Konzert des amerikanischen Sängers Bruno Mars. "Das war das erste, was ich von meinem Grundeinkommen gekauft habe", erzählt er.

Davor wäre das undenkbar gewesen, die 100 Euro pro Karte waren ihm und seiner Freundin einfach zu viel. "Mit dem Grundeinkommen im Hinterkopf haben wir gesagt: Das gönnen wir uns jetzt." Größere Anschaffungen hat er nicht finanziert. Dafür haben er und seine Freundin mehr unternommen. Sie reisten nach Ägypten, besuchten die Schweiz und Berlin und gingen zu einem Konzert der Söhne Mannheims.

Vor dem Gewinn des Grundeinkommens war für solche Unternehmungen am Ende des Monats nicht mehr genug übrig. In seinem Job in der Etiketten-Fabrik verdient Weischedel rund 1800 Euro netto. Für seine zwei Kinder zahlt er monatlich 630 Euro Unterhalt, nach allen anderen Fixkosten blieben nur etwa 300 Euro übrig.

Seine Arbeitszeit zu reduzieren, sei für ihn trotz der veränderten finanziellen Lage nie in Frage gekommen. "Ich bin niemand, der lange zu Hause sitzen kann." Auch wenn er weiterhin im Wechsel in der Früh-, Spät- oder Nachtschicht arbeitet: Er tut es mit einem anderen Gefühl. "Ich bin jetzt lockerer und entspannter, weil der innere Druck nicht mehr so hoch ist."

Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Befragung des Marktforschungsinstituts Splendid Research. Danach sagen nur neun Prozent aller Befragten, dass sie bei einem Grundeinkommen von 1000 Euro im Monat ihren Job an den Nagel hängen würden. Gleichzeitig aber glauben die Interviewten, dass rund jeder Vierte genau das tun würde. "Das zeigt, wie viel Misstrauen wir in unserer Gesellschaft haben", sagt Michael Bohmeyer. Grund sei die ständige Konkurrenz um begrenzt vorhandene Arbeitsplätze.

Alexander Weischedel glaubt, dass das Grundeinkommen für weniger Neid sorgen könnte. Heute seien viele Menschen neidisch, weil sie arbeiten gingen und kein Geld vom Staat bekämen, während andere nicht arbeiteten und stattdessen Geld vom Staat bekämen. Durch ein Grundeinkommen für alle entfalle dieser Mechanismus. "Auf etwas, das jeder bekommt, muss niemand neidisch sein."

Dass sich die Ergebnisse des einjährigen Experimentes nicht eins zu eins auf eine Gesellschaft übertragen lassen, ist Alexander Weischedel klar. Er glaubt aber, dass eine dauerhafte Zahlung die Menschen mutiger machen könne. Er selbst würde sich mit einem dauerhaften Grundeinkommen umorientieren, vielleicht sogar den Schritt in die Selbstständigkeit wagen.

Denn ein Traumjob ist die Arbeit in der Etikettenfabrik für ihn nicht. Den Plan für eine Selbstständigkeit hat er schon bis in kleinste Detail ausgearbeitet. Wenn er davon erzählt, kommt er ins Schwärmen. "Es hat etwas mit Fitness und Computerspielen zu tun", sagt er. Mehr Details will er aber nicht verraten. Wer weiß, ob er die Geschäftsidee in Zukunft nicht doch noch brauchen kann.

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2017 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG