Die Nato wird künftig häufiger Übungen in Polen, den baltischen Staaten und Rumänien durchführen. In Stettin und anderen Orten sollen Basen für schnelle Reaktionskräfte entstehen, die die Ostflanke des Bündnisses im Notfall vor Russland verteidigen können. Auch die Luftüberwachung der baltischen Länder, die bereits jetzt von Bundeswehr und anderen Armeen organisiert wird, wird weiter verstärkt. Selbst von Übungen auf ukrainischem Territorium ist die Rede. Kurz gesagt: Das westliche Militärbündnis wird auf seinem heute beginnenden Gipfel Dinge beschließen, die noch vor wenigen Monaten undenkbar gewesen wären. Ginge es nur nach dem Bedrohungsempfinden der Polen und Balten, dann wären aber auch diese Maßnahmen noch nicht genug. Und die Regierung in Kiew will gar der Nato beitreten.
Stellt man diese Entwicklung dem Hauptargument des Kreml und seiner Anhänger gegenüber - nämlich der These, dass der Konflikt um die Ukraine nur deshalb entstanden sei, weil sich Russland einer Einkreisung durch die USA und die Nato erwehren müsse, dann hat Moskau mit seiner aggressiven Politik genau das Gegenteil von dem bewirkt, was es erreichen wollte. Hatten die Generäle vieler Länder nicht jahrelang beklagt, dass die Regierungen den Militäretat kürzten, weil es kein Gefühl der Bedrohung aus dem Osten mehr gab? Selbst für die Annektierung der Krim zeigten viele im Westen noch Verständnis. Lange fragte man sich höchstens, wie weit der "verrückte Putin" zu gehen bereit sei. Erst die immer blutigeren Kämpfe in der Ostukraine haben die Stimmung verändert.
Natürlich muss es dennoch vor allem anderen darum gehen, das Töten unter den einstigen Brudervölkern zu beenden und damit die Spirale der Gewalt zu brechen. Deshalb waren auch die ersten Reaktionen positiv, als am Mittwoch plötzlich von Waffenstillstand die Rede war und Putin einen Aktionsplan präsentierte. Andererseits wird hinter jeder seiner Äußerungen inzwischen eine Finte vermutet. Dass seine Angebote am Vorabend des Nato-Treffens kamen, war gewiss kein Zufall. Geht es also nur darum, Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Bündnisses zu verstärken? Auf jeden Fall muss auf dem Nato-Gipfel auch eingehend über das weitere politische Vorgehen gegenüber Moskau debattiert werden.