Seit zwei Jahren fährt Katja Böhme regelmäßig nach Eisenhüttenstadt (Oder-Spree) ins Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR. Dort ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Forschungsprojekt „Bewahren der DDR-Alltagskultur aus Plaste“, das in Kooperation mit dem Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft der Fachhochschule in Köln läuft. Welche Kunststoff-Produkte gab es? Wofür wurden sie genutzt? Ist Ost-Plaste haltbarer oder brüchiger als ihr West-Pendant? Fragen, die nun anhand von Dosen, Löffeln, Bechern und Schälchen beantwortet werden sollen.
„Die Kölner, die die Idee zum Projekt hatten, machen die restauratorische Sicht und betrachten das Design aus kunstgeschichtlicher Perspektive. Wir beschäftigen uns mit dem Historischen“, erklärt Katja Böhme. Bei mehreren Museen fragten die Rheinländer an, am Dok-Zent­rum in Eisenhüttenstadt und dessen Plaste-Schätzen kamen sie nicht vorbei. „Man kann sagen, dass wir hier den größten Bestand haben. Ich hatte schon 1500 Objekte in der Hand“, verrät die Historikerin. „Und das sind bei Weitem nicht alle.“
Eine bis dato wichtige Erkenntnis lautet: Es ist höchste Zeit, ehe die Vergangenheit zu viele Risse bekommt. „Akten und Zeitzeugen werden zunehmend schlechter greifbar und damit die Geschichte der DDR-Plaste in Zukunft schwieriger nachvollziehbar“, sagt der Kölner Diplom-Restaurator Christoph Wenzel. Gegenwärtig beißen er und seine Kollegen sich durch den „fragmentarisch überlieferten Informationsbestand und versuchen, trotz fehlender Puzzleteile ein geschlossenes Bild zu zeichnen“. Zum Ende ihrer Forschungen im nächsten Jahr soll es eine Internetseite geben – mit Ratschlägen zur Erhaltung von Sammlerstücken und einer Datenbank.
Bis dahin wird Katja Böhme weiterhin in Kisten voller Erinnerungen kramen. „Ich bin immer wieder überrascht, wie vollständig wir im Haushaltswarenbereich sind. Ich würde sagen, wir haben bis auf wenige Lücken 90 Prozent der Produktpalette aus den damaligen Betrieben.“ Was sie jedoch noch benötigt, sind Zeitzeugen und Fotos vom Arbeitsalltag. „Ich suche Menschen, die in der Plaste­industrie gearbeitet haben.“
Beispielsweise im sächsischen VEB Presswerk Ottendorf-Okrilla, das unter anderem Kosmetikschränkchen und WC-Sitze produzierte. „Das war der größte plastverarbeitende Betrieb des Landes mit 2700 Beschäftigten.“ Dort wurden in den 1980ern jährlich bis zu 6700 Tonnen Polystyrol, 4700 Tonnen Polyethylen verarbeitet. Ein Aushängeschild des Ostens also. Wenn da etwas nicht planmäßig funktionierte, kümmerte sich die DDR-Staatssicherheit persönlich – selbst wenn es um ein stilles Örtchen ging wie 1986 in einem Ferienheim bei Dresden. Da fiel ein WC-Deckel nach dem Hochklappen stets zurück. Ein Fall für die Mielke-Truppe. Im Stasi-Bericht heißt es dazu: „Bei dem beanstandeten WC-Sitz handelt es sich um ein Produkt unter der Bezeichnung Modell 14010 zum EVP von 18,60 Mark. [...] Aus materialökonomischen und fertigungstechnischen Gründen wurde das Modell mit einem Filmscharnier ausgestattet, was … zu einer Materialeinsparung von 500 g Plastgranulat pro Sitz führte.“
Plaste war aber überhaupt ein Politikum in der DDR – spätestens seit 1958. Damals fand die Chemiekonferenz in Leuna statt, auf der Walter Ulbricht, Erster Sekretär des Zentralkomitees der SED, das Ziel diktierte, dass der Pro-Kopf-Verbrauch chemischer Erzeugnisse innerhalb von 1200?Tagen den im Westen zu übertreffen habe und bis 1965 die chemische Produktion zu verdoppeln sei. Es schien fast so, als ob der Siegeszug des Sozialismus durch eine Plastifizierung des Alltags beflügelt werden sollte.
Nahm bis Mitte der 1950er-Jahre Polyvinylchlorid (PVC) mit 40 000 Tonnen und einem Anteil von über 50 Prozent den ersten Rang in der ostdeutschen Plasteerzeugung ein, gewannen von nun an weitere Kunststoffe wie Polyethylen und Polystyrol an Bedeutung. Möglichst viele Produkte aus Holz und Glas sollten durch Plaste ersetzt werden. Das zur Produktion benötigte Erdöl wurde vom großen Bruder Sowjetunion importiert – ab 1963 strömte es über die 5000 Kilometer lange „Druschba-Trasse“ nach Schwedt (Uckermark).
Plaste sollte aber nicht nur billiger in der Produktion sein, betont die Historikerin. Es ging auch um Langlebigkeit. Vor allem das harte Meladur (Melaminharz) erfreute sich bereits in den 50ern großer Beliebtheit. Noch heute stehen in vielen Schränken in Ost-Haushalten grüne oder blaue Schalen aus diesem Stoff.
In der Bundesrepublik hingegen wurde das schlichte Meladur relativ schnell ausrangiert. Dort sollte Polypropylen Glanz in die Küchen bringen. Das war allerdings teuer, zu teuer für die DDR-Massenproduktion. „Man hing in der Entwicklung hinterher“, sagt Katja Böhme. Überhaupt habe es im Westen eine größere Fluktuation an Plasteprodukten gegeben – nach dem Motto: „Dinge kommen und gehen“. Im Osten wurde stattdessen Beständigkeit und „das Beste für den Werktätigen“ gepriesen.
Aber war die Qualität der Produkte dort wirklich besser? „Wir konnten das bisher nicht bestätigen“, bleibt Katja Böhme vorsichtig. Auch aus Köln heißt es: „Dem von uns näher betrachteten Bereich der Haushaltswaren aus Plaste kann man in der Tat eine vorwiegend gute Qualität attestieren. Was die Haltbarkeit dieser Waren angeht, können wir bis dato keine großen Unterschiede zu den Westprodukten erkennen.“ Die stärksten Zerfallserscheinungen in Form von Rissen weist laut Christoph Wenzel transparentes Polystyrol auf, aus dem unter anderem die langen Limonadenlöffel bestehen, die auch in Eiscafés zu finden waren. Das liege hüben wie drüben einerseits an der bereits unter normalen Umgebungsbedingungen geringen Dauerhaftigkeit des Materials.
Faltbecher für Camping-Ausflüge, stapelbare Eierbecher, Kakteengießkannen, Obst-Reiben, Geschirr und Möbel: Die Plaste-Produktpalette im Osten schien schier endlos. Um den Chemie-Schatz ins Rampenlicht zu rücken wurde ab 1961 in Katalogen dafür geworben. Unter anderem fanden sich da „Dessertteller mit Löffel aus farbigem Polystyrol im farbigen Klarsichtkarton für Pudding, Obst und Salate, völlig geruch- und geschmackfrei“. Zu entdecken gab es damals für die Konsumenten und gibt es heute für die Wissenschaftler viel. „Es wäre interessant, wenn in der minutiösen Weise, wie es in unserem Projekt geschieht, auch über westdeutsche Alltagskultur aus Kunststoff geforscht werden würde“, findet Katja Böhme. Allerdings sei die Ausgangslage in Ermangelung einer nahezu vollständigen Produktsammlung ungleich schlechter.
www.alltagskultur-ddr.de