Eine große Holzkiste, zentral auf der Bühne errichtet, umgeben vom Bassin, verwehrt den direkten Blick auf die Darsteller. Sie befinden sich im Inneren der Kiste, verstecken sich vor der Obrigkeit und vor ihrem Schicksal, das sie außerhalb ihrer Zuflucht zu fürchten haben.
Nackte Angst ist das Erste, was dem Publikum in der Dunkelheit entgegenschlägt, aufgenommen von den drei Nachtsichtkameras, die zuerst die Frau, dann den jungen Studenten und später den Mann im Anzug im Visier haben. Die Drei sind geflohen – vom Tiananmen-Platz, dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Die chinesische Demokratiebewegung ist im Verlauf des Jahres 1989 ins Stocken geraten angesichts der zunehmenden Gewalt, die ihr von den Machthabern entgegenschlägt. Am 3. und 4. Juni eskaliert die Situation, als die Demonstrationen auf dem Platz niedergeschlagen werden. In der von Panzern abgeriegelten Stadt gibt es Tote. Einige sprechen von Hunderten, andere von Tausenden.
„Das Stück beruft sich zwar auf das Tiananmen-Massaker, aber es bleibt trotzdem allgemeingültig. Es gibt keinen großen Unterschied zwischen dem Prager Frühling, den Protesten im Iran und den jetzigen Protesten in China“, sagt Regisseur Thomas Marciniak. Gemeinsam mit dem künstlerischen Leiter der BrotfabrikBühne, Nils Foerster, möchte er dem kaum beachteten Werk Gaos zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen.
Dem chinesischen Autor wurde wegen seiner Kritik am kommunistischen Regierungssystem 1990 die Wiedereinreise in seine Heimat verboten. Seitdem lebt er im Exil in Paris. Trotz des Literaturnobelpreises von 2000 sind er und sein Werk weithin unbekannt. Marciniak und Foerster wollen das ändern und widmeten dem Oppositionellen ihr sogenanntes „Werkstück VI“.
Die Inszenierung ist eine Mischung aus interaktivem Theater und Videokunst. Die „Flucht“ wird auch live im Internet übertragen, je Aufführung immer wieder neu geschnitten vom Videokünstler Thorsten Fleisch. „Die Übertragung ist eine logische Konsequenz der Umsetzung des Stückes, auch um den Druck auf das Publikum zu erhöhen, das zwischen der Kiste und den Leinwänden sitzt“, so Marciniak. Die Kameras kontrollieren die drei Verzweifelten, wie sie sich gegenseitig Vorwürfe machen und angesichts ihrer beklemmenden Situation mit sich selbst kämpfen. Herausragend gespielt wird dabei die Rolle der jungen Frau von Mandy-Marie Mahrenholz, die sich anfangs mit ihrer Todesangst quält und zum Ende hin immer mehr emanzipiert.
Vorstellungen: 28.–30.10., 20 Uhr, Caligariplatz 1, Berlin-Weißensee, Kartentel. 030 4714001