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24.02.2012 18:29 Uhr - Aktualisiert 24.02.2012 19:05 Uhr

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Polnische Ausstellung über Vertreibung bricht Tabu

Meseritz (Miedzyrzecz) Die Darstellung der deutschen Vergangenheit ist gerade in den kleineren Orten östlich der Oder, die seit 1945 zu Polen gehören, bis heute ein Problem. Eine mutige Ausstellung im einstigen Meseritz bricht jetzt mit manchem Tabu.

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Direktor Andrzej Kirmiel hat unter anderem eine wertvolle alte Luther-Bibel aufgenommen.  

Direktor Andrzej Kirmiel hat unter anderem eine wertvolle alte Luther-Bibel aufgenommen.

© Heinz Köhler

"So kam der 26. Juni 1945, wo wir um 10 Uhr Abschied von unserer Heimat nahmen. Tränen über Tränen, das Weinen und Schreien hörte nicht auf. Begleitet von einigen Russen ging es in Richtung Oder. Die erste Plünderung wurde bei Meyers Berg durchgeführt und die Hälfte des Gepäcks (40 Kilo pro Person) wurde uns abgenommen. Wir schafften täglich 15 bis 20 Kilometer zu Fuß. Kurz vor der Oder wurde den Menschen das Letzte, was sie noch besaßen, weggenommen."

Der Augenzeugenbericht von Günther Gutsche ertönt aus einem alten Telefon, das jeder Besucher im Museum von Miedzyrzecz abnehmen kann. Auf Polnisch, Deutsch oder Englisch sind auch die Erinnerungen von Maria Wojtczak zu hören. Einer Polin, die damals Haushälterin beim deutschen Pfarrer von Meseritz war und im Winter 1945 erlebte, wie Soldaten der Roten Armee Frauen vergewaltigten und viele Männer ermordeten.

Es sind ungewohnte Berichte für die heutigen Bewohner des Ortes. "Vom Leid der Deutschen wollte man in Polen lange nichts wissen", sagt Andrzej Kirmiel. Der 54-jährige frühere Lehrer leitet seit zwei Jahren das Museum in der 80 Kilometer östlich von Frankfurt gelegenen Kreisstadt.

Der Ort Meseritz lag immer an der Grenze zwischen Deutschen und Polen. Schon vor mehr als 1000 Jahren kamen hier katholische Mönche ins damals heidnische Land der Polanen. Sie wurden erschlagen und gelten deshalb bis heute als erste Märtyrer des christlichen Polens.

Später war die Geschichte ähnlich verzwickt und verstrickt. Die Stadt wurde 1248 nach Magdeburger Recht gegründet, blieb aber trotz ihrer überwiegend deutschen Bevölkerung bis 1792 polnisch. Danach gehörte sie zu Preußen, behielt aber bis zum Ende des Ersten Weltkriegs weiterhin den polnischen Adler in ihrem Wappen.

Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass gerade hier jetzt eine so objektive Ausstellung über die deutsche Vergangenheit zu sehen ist. Der "Heimatkreisverein Meseritz", dessen Museum sich im westfälischen Paderborn befindet, sowie Andrzej Kirmiel und sein Team haben dafür zusammengearbeitet.

Der Besucher kommt aus dem Staunen nicht heraus. In einer Vitrine liegt eine etwa 50 Kilogramm schwere Luther-Bibel aus dem Jahr 1650. "Das prachtvollste Stück von etwa einem Dutzend deutscher Bibeln, die bisher im Archiv verstaubten", berichtet der Museumschef. Selbst ein Exemplar von Hitlers "Mein Kampf" ("In der Nazizeit bekam jedes Brautpaar so ein Buch") fand sich.

Doch auch die Geschichte der Juden, die hier lebten, sowie Angehöriger der ukrainischen Minderheit, die 1947 aus Ostpolen hierher vertrieben wurden, wird beleuchtet. Kirmiel musste dafür so manchen Widerstand überwinden. "Die Thora aus der einstigen Synagoge von Meseritz befindet sich vermutlich bis heute im katholischen Priesterseminar Paradies, ganz in der Nähe. Doch dessen Leiter lehnt es ab, mit mir darüber zu reden", berichtet er. Ein Mitglied des Museumsrates erhob die Forderung, dass - "wenn wir schon zeigen, dass Ukrainer hier angesiedelt wurden" -, auch dargestellt werden müsse, was diese Nation den Polen im Krieg angetan habe.   Dietrich Schröder

Der Museumsdirektor erwartet deshalb, dass es auch Angriffe gegen ihn und die Ausstellung geben wird. Andererseits kommt schon jetzt ein Drittel der Museumsbesucher aus Deutschland. Künftig dürften es noch mehr werden.

Das Museum ist bis Ende März dienstags bis freitags, 9 bis 16 Uhr, sowie sonntags, 10 bis 16 Uhr, geöffnet. Ab 1. April am gesamten Wochenende.

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