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Was die Unfallforscher dazu sagen

Wer ist ein Raser?

Im Visier der Polizei: Schon ein bisschen schneller fahren kann bei einem Unfall fatale Folgen haben.
Im Visier der Polizei: Schon ein bisschen schneller fahren kann bei einem Unfall fatale Folgen haben. © Foto: picture alliance / dpa
Ina Matthes / 20.05.2017, 17:27 Uhr
(MOZ) Bridget Driscoll will tanzen gehen. Im Londoner Zentrum überquert sie eine Straße. Dort ist gerade auch Arthur James Edsall, Angestellter einer Autofirma, mit seinem Benz unterwegs. Benz rammt Bridget. Die 44-Jährige stürzt unglücklich und stirbt. Das war am 17. August 1896. Bridget Driscoll gilt als erste Unfalltote der Autogeschichte. Zeugen berichten, Edsall sei mit "enormem Tempo" gefahren, "schneller als die Feuerwehr". Ein Raser. Höchstgeschwindigkeit seines Benz: etwa 13 km/h.

Damit wäre er beim Blitz-Marathon in Brandenburg vor einer Woche locker unterm Radar durchgetaucht. Anders als die 7015 Geblitzten. Wie müssen die sich jetzt schimpfen lassen? Raser? Oder Schnellfahrer? Die Polizei nennt keine Zahlen, aber viele der Zu-Schnellen hatten vielleicht nur zehn km/h zu viel auf dem Tacho. Sind zehn km/h drüber schon Raserei oder eine Bagatelle? Im Frankfurter Stadtzentrum zum Beispiel gibt es eine abschüssige Straße, eine Foto-Strecke. 30er- Zone. Wer hier nicht abbremst, ist schnell um ein hässliches Bild reicher und 15 Euro ärmer.

Zehn km/h, das scheint wenig. Unfallforscher Markus Egelhaaf von der Dekra sieht das anders. Beziehungsweise - seine Zahlen sagen etwas anderes. Lassen wir uns auf ein Rechenexempel ein: Ein durchschnittlicher Pkw ist mit Tempo 30 unterwegs. Da läuft hinter parkenden Autos eine Fußgängerin auf die Straße. Der Fahrer sieht die Frau, erkennt die Gefahr, bremst. Sein Auto legt noch 13,3 Meter zurück, bis es knapp vor der Frau zum Stehen kommt. Bei Tempo 40 hingegen braucht das Auto fast 20 Meter, bis es steht. Entscheidend ist die Strecke, die der Pkw fährt, bis der Fahrer die Bremse durchtritt. Der Dekra-Forscher rechnet mit einer Reaktionszeit von einer Sekunde. Bei 30 Km/h fährt das Auto in der Zeit ungebremst rund acht Meter; bei Tempo 40 elf Meter. Das heißt, das schnellere Auto prallt mit der Fußgängerin zusammen und hat dabei noch fast 35 km/h drauf. Das kann tödlich enden. Da fühlt sich "etwas schneller fahren" plötzlich anders an.

Autofahren ist Physik. Und wer sich in anderthalb Tonnen Blech geborgen fühlt, unterschätzt die rasch. Etwas mehr Gas geben ist auch für den Fahrer riskant. Weil die Wucht bei einem Aufprall steigt. Forscher der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin zeigen das bei Crashtests. Krachen anderthalb Tonnen bei einem Auffahrunfall mit Tempo 60 auf ein voranfahrendes Auto statt mit Tempo 50, ist der Aufprall deutlich heftiger: Zwanzig Prozent mehr Geschwindigkeit bedeuten 44 Prozent mehr Energie beim Crash. Soweit die Zahlen. Bei den Tests sehen schon bei Tempo 50 weder Auto noch Dummies im Nachhinein gut aus.

Die abschüssige Straße in Frankfurt ist jedenfalls nicht ohne. Hier liegen eine Schule und zwei Märkte. Wer da 40 fährt, fährt fahrlässig. Oder, wie Markus Egelhaaf sagt: Ein Raser ist, "wer andere gefährdet". Rasantes Fahren verursacht die meisten tödlichen Unfälle. In unserem Land, wo Freiheit an unbegrenzte Geschwindigkeit auf der Autobahn gekoppelt ist, bessert sich das nicht wirklich. Das zeigen die Daten des Statistischen Bundesamtes.

Arthur James Edsall, der Fahrer des 13 km/h-Boliden, kam 1896 übrigens straffrei davon. Die Zeugenaussagen widersprachen sich zu sehr. Der Richter schloss das Verfahren mit dem Satz: "Ich hoffe, so etwas passiert nie wieder."

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