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Zum Laichen zieht es die Heringe in den Greifswalder Bodden. Doch sie haben seit ein paar Jahren deutlich weniger Nachwuchs. Müssen wir uns sorgen um das Silber der Ostsee? / Von Ina Matthes

Serie zur Ostsee: Zu warm zum Sattwerden

Ina Matthes / 05.07.2017, 12:32 Uhr
Stralsund (MOZ) Der Anfang des Fischbrötchens ist Auge. Zwei große dunkle Punkte kleben an einer daumennagelkleinen Glasnudel. Dieses Fädchen ist selbst unterm Mikroskop kaum zu erkennen. Es ist die Larve eines Herings, der später vielleicht zwischen zwei Schrippenhälften landet. Die Glasnudel-Larve ist knapp drei Wochen alt und immer hungrig. "Sie kann etwa anderthalb bis zwei Tage ohne zu fressen überleben, länger nicht", sagt Christopher Zimmermann, Chef des Thünen-Institutes für Ostseefischerei in Rostock. Zusammen mit seinem Kollegen Patrick Polte ist Zimmermann mit dem Forschungsschiff "Clupea" im Greifswalder Bodden unterwegs. Heringslarven zählen. Mit einem schlauchartigen Netz fischen Zimmermann und Polte Kleinkram aus dem Wasser: Larven, Krebstierchen, Algen.

Von März bis Ende Juni schippert die "Clupea" durch den Bodden. Dann versammeln sich hier die Heringe der westlichen Ostsee zum Laichen. Es ist der zweitkleinste Bestand von insgesamt vier Heringsbeständen im Baltischen Meer. Im Wochenrhythmus werfen die Biologen ihre Netze aus, an 36 festgelegten Stellen. Ihr Job ist es, Empfehlungen für das Fischerei-Management in der Ostsee zu geben. Deshalb wollen sie wissen: Wie entwickelt sich der Nachwuchs der Heringe? Und: Wie viel Fisch kann im nächsten Jahr gefangen werden, ohne dass die Bestände in die Knie gehen?

Der Hering ist der Brotfisch in der Ostsee. Das war er schon im Mittelalter. Er hat die Hanse reich gemacht, das mächtige Städtebündnis, zu dem auch Frankfurt (Oder) gehörte. Der Hering wurde geräuchert und gepökelt und in Europa als Fastenspeise massenhaft gehandelt. Frankfurt (Oder) war ein Umschlagplatz. Daran erinnert heute noch ein Hering aus Metall an der Rathausspitze.

Die Zeiten der reichen Hanse sind vorbei. Und auch die Blütezeit der silbrigen Fische vor den Küsten Mecklenburg-Vorpommerns. Im Greifswalder Bodden gibt es seit den 90er-Jahren weniger Heringe. Zwar gelang es Mitte der 90er-Jahre, den Abwärtstrend zu bremsen, weil die Fischer weniger fangen durften. Aber gerade macht der Hering den Rostocker Fischereibiologen etwas Sorge. "Der Bestand wirkt jetzt so, als ob wir nicht im grünen, sondern im gelben Bereich sind", sagt Christopher Zimmermann. Alarmstufe gelb für den Hering. Das heißt jetzt nicht, dass der Fisch vorm Aussterben stünde. Aber nach der Zählung der Wissenschaftler schaffen es in den letzten Jahren immer weniger Heringslarven von der Glasnudel mit Augen zum Fischfilet zwischen zwei Brötchenhälften. Der Hering hat seit 2004 weniger Nachwuchs, die starken Jahrgänge bleiben aus. 2014 war ein schwacher Jahrgang, 2016 noch schwächer. Und 2017? "Das sieht nicht gut aus", befürchtet Zimmermann.

Möglicherweise verhungern die Larven. Das könnte an zu warmem Wasser liegen. Im Winter hält sich der westliche Hering im Öresund auf. Die Wassertemperatur dort scheint den Startschuss zum Kinderkriegen im Frühjahr zu geben. Dann schwimmt der Hering in seine Kinderstuben in den Greifswalder Bodden. Die Wissenschaftler sehen in der Ostsee einen Trend zur Erwärmung. Wie stark sie sich erwärmt und in welchen Gebieten, das ist noch nicht ganz klar. Aber was die Fischereibiologen seit Jahren beobachten: Die Heringe laichen früher. "Das sind im Mittel vier bis fünf Tage, aber auch mal zehn Tage", sagt Zimmermann. Nur: Wer zu früh kommt, findet nicht genug zu fressen. Grundnahrungsmittel der Fischlarven sind vor allem kleine Krebstiere, die sich wiederum von pflanzlichem Plankton ernähren. Dessen Wachstum wird vom Licht gesteuert. Die Planktonblüte im Frühjahr scheint sich aber nicht nach vorn zu verschieben. Das heißt: Wenn die fünf bis sechs Millimeter winzigen Heringslarven aus dem Ei schlüpfen, sind noch nicht genug Plankton und nicht genug Krebse zum Sattwerden da. Zwar kommen die Larven mit einer Notfallration - einem Dottersack - zu Welt. Doch der reicht nur eine Woche.

Hunger ist es nicht allein, der dem Heringsnachwuchs plagt. Es sind auch wuchernde Mikro-Algen, die das Wasser trüben. Sie nehmen den großen Algen und dem Seegras das Licht, woran die Heringsweibchen ihre Eier kleben. "Die Seegraswiesen gehen zurück", sagt Philipp Kanstinger von der Umweltschutzorganisation WWF. Vermehren sich bestimmte Algen zu stark, sinkt der Sauerstoff im Wasser, und die Larven ersticken in ihren Eiern. Die Ostsee krankt an den Abwässern, dem Dünger, den die Flüsse in den 70er- und 80er-Jahren hineinspülten. "Die Einleitung hat zwar abgenommen, aber es sind zu viele Altlasten da", sagt Kanstinger. "Die Ostsee hat sich nicht wirklich erholt. Und jetzt zeigt der Klimawandel sein hässliches Gesicht."

Trotzdem gilt die Ostsee im Vergleich zu anderen Meeren als halbwegs intakt und nicht leer gefischt. Bei Flunder, Scholle, Sprotten sehen die Fischereiexperten keine Probleme. Aber: Die Dorschbestände sind geschrumpft. Den Hering sah Christopher Zimmermann im April noch im "grünen Bereich", jetzt ist er vorsichtiger geworden. Wenn die Biologen mit der "Clupea" auf Fahrt gehen, fischen sie neben den Larven auch ausgewachsene Heringe aus dem Bodden. Nach einer Viertelstunde hängen 130 Fischleiber im Stellnetz. Die Matrosen pulen sie aus den Maschen. Christopher Zimmermann und Patrick Polte wiegen und messen die Tiere. 25 bis 29 Zentimeter sind sie lang und 150 bis 180 Gramm schwer. "Das ist normal für den westlichen Hering", sagt Zimmermann. Wenn es den Hering zum Laichen in den Bodden zieht, machen auch die Fischer Jagd auf ihn. "Dann ist der Hering fettreich", sagt Günther Grothe vom Verband der Kutter-und Küstenfischer Mecklenburg-Vorpommerns. Im nächsten Jahr soll er 39 Prozent weniger Hering fangen dürfen. Das empfehlen die Fischereibiologen. Grothe nimmt die Zahl gelassen. Die Entscheidung über die Fangmengen des kommenden Jahres treffen im Herbst die EU-Fischereiminister, und die korrigieren die Zahlen nach seiner Erfahrung oft nach oben. Außerdem, sagt er, habe das Land Ausgleichszahlungen in Aussicht gestellt. Um den Hering macht sich Grothe nicht zu viele Sorgen. Dass Bestände schwanken, sei natürlich. "Es ist genug da", findet er und hofft, "dass es weitergeht und wir einen gewissen Aufschwung bekommen".

Der Klimawandel könnte dazwischenfunken. Er ist die Unbekannte in der Rechnung der Biologen und Umweltschützer. Kann der Hering sich an wärmeres Wasser anpassen? Oder wandert er ab - in kühlere, nördliche Gewässer?

Doch Fischer Günther Grothe hat gerade andere Sorgen. Es gibt immer weniger Küstenfischer - von 1000 zur Wendezeit sind noch 180 Berufsfischer geblieben. Und die machen sich auch noch untereinander Konkurrenz beim Verkauf an die Fischindustrie, verderben die Preise. "Wir müssen uns zusammenschließen. Eine Adresse - ein Preis". 48 Cent bekommt der Fischer derzeit für das Kilo Hering. Zwei bis 3,50 Euro zahlt der Tourist für das Fischbrötchen. Davon bleiben beim Fischer nur ein paar Cent hängen.

Lesen Sie den dritten und letzten Teil unserer Serie am 5. August: Land im Fluss - wie das Meer die Küsten formt

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