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Aussehen Die Gesellschaft hebt die Jugend aufs Podest / Immer mehr lassen sich Falten wegspritzen, operieren und helfen nach mit Cremes und Drinks

In Würde ewig schön?

Selbstbewusst und schön: Eines der Kalendergirls der Fotografin Esther Haase.
Selbstbewusst und schön: Eines der Kalendergirls der Fotografin Esther Haase. © Foto: Esther Haase
Ulrike Schleicher / 17.10.2017, 06:52 Uhr - Aktualisiert 25.10.2017, 19:21
Frankfurt (Oder) (MOZ) Seit mehr als 20 Jahren trägt Angela Vollrath den Beinamen "die deutsche Barbie". Um wie die Puppe auszusehen, hat sie sich unzählige Male operieren lassen: "Barbie ist die ideale Frau für mich", sagte sie im Mai in einer Talkshow. Ihrem Vorbild gleicht die Frau, die ihr Alter nicht verrät, jedoch nicht besonders: Die Lippen sind unnatürlich dick wie bei einem Karpfen, Augen, Stirn und Wangen fast unbeweglich. Und trotz Botox und Silikon tritt nach und nach ein, was für Angela Vollrath das Schlimmste ist: Sie altert.

"Ich finde am Altwerden nichts Schönes. Ich möchte keine 1000 Falten im Gesicht." Sie verurteile andere, die so aussehen, jedoch nicht. Nur - in Würde altern, das komme für sie nicht in Frage: "Ich will lieber in Würde ewig schön aussehen."

Über die Ansicht der mageren Frau mit den blondierten Haaren und den großen Brüsten kann die Schweizer Politologin, Regula Stämpfli, nur den Kopf schütteln. Die Autorin des Buches "Die Vermessung der Frau" erklärt in 15 Kapiteln - zum Teil sehr überspitzt - die Hintergründe eines Schönheitsdiktates, das Frauen dazu bringt, perfekt sein zu wollen. Ihre nicht ganz neue These: Schönheit ist subjektiv. Wobei heutzutage das Subjekt die Kosmetik- und Schönheitsindustrie sei. Sie allein setze die Standards, so Stämpfli. Im Schlepptau die ihr treu ergebenen Frauenmagazine.

Letztere haben Ende der 60er Jahre erstmals mit der Bezeichnung von Cellulite als "kosmetisches Problem" die Sucht der Frauen nach Selbstoptimierung eingeläutet. Gleichzeitig stiegen damals auch die Werbebudgets für Kosmetikprodukte. Der weibliche Körper samt Gesicht wurde zur Problemzone erklärt. "Das ist bis heute so", ist die Bilanz von Corinna Luca, die Autorin des Buches "Am liebsten sind mir die Problemzonen, die ich noch gar nicht kenne".

Dank Photoshop ist es noch extremer geworden: Scheinbar makel- und alterslose Models präsentieren uns Mode, Cremes, Lotionen und Nahrungsergänzungsmittel. Dass Werbedesigner deren Körper und Gesichter am Computer so gestalten, wissen heute die meisten. In die Falle tappen sie trotzdem: Aus Unsicherheit kaufen sie Produkte, die scheinbar die Lösung für die "Probleme" sind.

Dabei hat "Schönheit sehr viel damit zu tun, wie wir uns selbst wahrnehmen", erklärte Regula Stämpfli der sich vor dem Altern fürchtenden Angela Vollrath in der Talkshow. Fühle man sich wohl, auch im Job etwa, dann beurteilten einen auch die anderen positiv. Dann stehe nicht das Äußere im Vordergrund. Und ein junger Mann ergänzte: "Für mich fängt das Unglück damit an, wenn ich mich mit anderen vergleiche." Am besten, man bewerte weder sich noch das Gegenüber - "das ist mein Rezept zur Zufriedenheit."

Bei Männern fängt die Entwicklung hin zur Selbstoptimierung von Gesicht und Körper erst an. "Man würde bei einem Mann auf dem Foto nie alle Falten wegretuschieren", sagt ein Werbedesigner aus München. Es sei noch normaler, wenn Männer nicht perfekt sind. Lange Zeit reichten die ihnen spätestens seit dem 19. Jahrhundert zugewiesenen Attribute aus: Klug, funktional und zweckdienlich. Vorbei: "Die Schönheitsindustrie hat den Mann als Konsumenten entdeckt. Die Kultur, so scheint es, feminisiert sich zusehends", schreibt Paula-Irene Villa, Professorin für Soziologie und Gender-Studien in München in einem Dossier über die Schönheit.

Die Anti-Aging-Industrie bedient sich der Sehnsucht nach Jugendlichkeit: Wer es sich leisten kann, geht zum Schönheitschirurgen. Straffen, Glätten, Saugen und Spritzen - alles, um das Altern wenigstens eine Weile lang aufzuhalten. Tendenz steigend: Insgesamt führten Fachärzte im vergangenen Jahr fast 48?000 Operationen und fast 52?000 kleine Gesichtsveränderungen durch. Nach einer Umfrage der Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie in Düsseldorf ging die Zahl der operativen Eingriffe zwar zurück, trotzdem stieg die Anzahl der Maßnahmen insgesamt.

An vorderster Stelle steht die Fettabsaugung. Fast 5900 Frauen und 1200 Männer ließen sich Polster entfernen, die sie auch durch Training und Diät nicht los wurden. Erst danach kommen Operationen an der Brust. "Nichtchirurgische, ästhetische Behandlungen gewinnen deutlich an Bedeutung", heißt es in der Studie. Sie machten inzwischen mehr als 40 Prozent aller ästhetischen Behandlungen aus (siehe Infoboxen). Bei Männern gewinnt die Reduktion der so genannten Männerbrust an Bedeutung, dann folgen Lid und Kinnstraffung.

Egal, ob OP, teure Cremes und Injektionen - jeder muss selbst entscheiden, wie er mit dem Altern umgeht. Aber offensichtlich muss man mehr tun, als nur das Äußere zu pflegen. So wie etwa der 100-jährige Wilhelm Fiebiger aus dem Westerwald, der oft Gastvorträge zum Thema"Jung bleiben" hält. Fiebiger fühlt sich "wie 40" und arbeitet jeden Tag: "Ich habe einen Garten, ein Haus, ich hacke Holz, mähe Rasen, putze Fenster", erzählt er.

Zudem absolviert er täglich die "Fünf Tibeter" und macht dreimal täglich zehn Minuten einen Kopfstand: Seine Ernährung besteht aus Obst, Nüssen und Rohkost. "Zweimal am Tag." Der Lebensstil allein sei nicht entscheidend, meint er: "Ich lebe mit Gott und liebe die Menschen."

Auch die ehemalige Balletttänzerin und das jetzige Model, Eveline Hall, ist sehr diszipliniert. Zwei Stunden täglich absolviert die schlanke 72-Jährige nach eigenen Angaben ein Training und hört für den Geist nebenbei englische und französische Nachrichten. Trotzdem: "Im Gesicht sieht man das Alter." Botox kommt für sie nicht infrage. Und viel Geld für teure Cremes gebe sie auch nicht aus.

Alle Folgen unserer Serie können Sie im Internet nachlesen: www.moz.de/gutleben

Mittel gegen Falten - kostspielig mit umstrittener Wirkung: Eine nicht-operative Behandlungsform ist das Botulinumtoxin- den meisten wohl vertraut unter dem Handelsnamen Botox. Mit diesem hochgiftigen Wirkstoff werden Muskeln geschwächt, beziehungsweise gelähmt, heißt es auf der Internetseite der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch Plastische Chirurgie. So lassen sich etwa die Zornesfalten an der Stirn reduzieren. Der Effekt halte bis zu sechs Monate. Im Schnitt kostet eine Behandlung zwischen 300 und 600 Euro.

Kollagendrinks sollen die Haut von innen straffen. Das versprechen Hersteller wie Quris Healthcare (Elasten) und Dr. Niedermaier Pharma (Regulatpro Hyaluron). Inhaltsstoffe sind bei beiden Produkten Kollagen-Peptide sowie ein Cocktail aus Vitaminen und Mineralien, der vom Körper resorbiert werden soll und über die Blutgefäße in die tieferen Hautschichten gelangt. Empfohlen wird eine dreimonatige Kur. Der Preis pro Monat liegt zwischen 60 und 70 Euro.

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