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Wer ein hohes Alter anstrebt, sollte sich möglichst gesund ernähren / Für ein langesLeben müssenaber mehrere günstige Umstände zusammenkommen

Das lange Leben und der Speisezettel

Japaner und Schweizer liegen in der Lebenserwartung ganz vorne.
Japaner und Schweizer liegen in der Lebenserwartung ganz vorne. © Foto: Pixabay
Christoph Weymann / 18.10.2017, 16:17 Uhr - Aktualisiert 26.10.2017, 13:44
Frankfurt (Oder) (MOZ) In manchen Weltgegenden scheinen die Menschen massenweise mit dem Privileg eines gesunden, hohen Alters verwöhnt zu werden. Anfang des 20. Jahrhunderts sagte man bulgarischen Bauern einen Methusalem-Bonus nach. Spätestens seit den 1960er Jahren galten dann etwa Kreter und die Bewohner der japanischen Okinawa-Inseln als besonders langlebig.

Die Ursache einer regional konzentrierten, beneidenswert zähen Gesundheit wird meist auf dem Speisezettel der glücklichen Alten gesucht. Bulgarischer Joghurt, viel Gemüse und wenig Reis in Okinawa, die Mittelmeerküche der Kreter sollen dafür verantwortlich sein. Nur hat die Vorstellung, man könnte sich mit der richtigen Länderküche gesund essen und mit Fisch, Joghurt oder notfalls mit Fischjoghurt sehr alt werden, mit der Realität nicht viel zu tun.

Das Erreichen eines hohen Alters hänge normalerweise zu einem Drittel von der individuellen genetischen Ausstattung ab, erklärt Michael Ristow, Ernährungsmediziner und Professor für Energiestoffwechsel an der ETH Zürich. Bei Menschen, die 110 Jahre und älter werden, spiele die Genetik aber eine noch viel größere Rolle. Die typischen Überlebenstipps der Rekordhalter - vom Schnaps übers Rauchen bis zu drei Eiern täglich - sind deshalb vor allem ein Beweis dafür, dass sie über eine so robuste Konstitution verfügen, dass sie essen können, was sie wollen, bestätigt Alessandro Cellerino, Professor für Physiologie an der Scuola Normale Superiore in Pisa und Gastwissenschaftler am Leibniz-Institut für Alternsforschung - Fritz Lipmann Institut in Jena.

Für die Lebenserwartung der allermeisten Menschen seien allerdings zu zwei Dritteln die Lebensumstände verantwortlich, sagt Ristow. Dabei spiele die Psyche ebenso eine Rolle wie die Umwelt - so sei die Lebenserwartung in einer Großstadt durchschnittlich geringer als auf dem Land. Außerdem betont der Spezialist für die Physiologie des Alterns die Rolle der körperlichen Aktivität. Etwas Ausdauersport zu treiben, sei der einfachste und bewährteste Beitrag zu einem längeren Leben.

Bei der Ernährung fangen die Schwierigkeiten schon damit an, dass sich kaum sagen lässt, welche Rolle sie unter den Umwelt- und Lebensstilfaktoren genau spielt. "Die Ernährung ist für die Gesundheit extrem wichtig", sagt Cellerino und verweist darauf, dass Übergewicht ein erhöhtes Risiko für eine ganze Reihe von Krankheiten mit sich bringt. Leicht übergewichtige Menschen über 60 lebten im Durchschnitt aber "länger, als diejenigen, die dünn sind", weil sich dadurch manche Krankheiten besser überstehen ließen, betont Ristow.

Andererseits kann eine leicht verringerte Nahrungsaufnahme einen lebensverlängernden Effekt haben. Tierversuche haben gezeigt, dass eine solche "Kalorienrestriktion" zu einer erhöhten Lebenserwartung führen kann. Auch das hohe Alter, das viele in Okinawa erreichten, wird oft vor allem darauf zurückgeführt, dass es dort traditionell üblich war, sich nicht ganz satt zu essen. Hierzulande scheint man eher zu hoffen, sich ausgerechnet durch zusätzliche Zwischenmahlzeiten wie das vermeintliche "Superfood" Goji-Beere, die außer einer hohen Pestizidbelastung wenig zu bieten hat, nebenbei ein langes Leben anknabbern zu können.

"Es gibt sicherlich Nahrungsmittel, die eine positive Wirkung haben", sagt Alessandro Cellerino und verweist auf Fisch, der Omega-3-Fettsäuren enthält, sowie kalt gepresstes Olivenöl und Nüsse, deren lebensverlängernder Effekt in einer spanischen Studie gezeigt wurde - "aber eine Diät für Langlebigkeit existiert nicht".

Immerhin zeigte eine vor Kurzem veröffentlichte Studie der Universität Harvard, dass das konsequente Einhalten einer gesunden Ernährung mit einem geringeren Sterberisiko belohnt wurde. Bei Teilnehmern, die bis zu 12 Jahre lang eine Mittelmeerdiät mit viel Fisch und Käse machten, lag es um 16 Prozent niedriger.

Wie eine Befragung in sieben Ländern dazu führte, dass Kreta zum kulinarischen Vorbild erklärt werden musste, weil dort "der Herzinfarkt fast unbekannt war", hat der streitbare Lebensmittelchemiker und Ernährungspublizist Udo Pollmer genüsslich in seinem "Lexikon der populären Ernährungsirrtümer" beschrieben. Die Experten mussten wohl lange schlucken, um eine Ernährung zu loben, bei der die Bewohner über 40 Prozent ihrer Kalorien in Form von Fett zu sich nahmen.

Der Zusammenhang passte bis vor wenigen Jahren nicht ins Weltbild der Ernährungsratgeber. Inzwischen sitzen nicht mehr die Fette, sondern Kohlehydrate auf der Anklagebank. "Zuckerhaltige Lebensmittel und andere Kohlenhydratträger, die im Darm rasch in Zucker umgewandelt werden, sind ungünstig in Bezug auf die Lebenserwartung", bestätigt Michael Ristow.

Der Grund: Zucker wird unabhängig von den Mitochondrien verstoffwechselt, so dass diese "Kraftwerke der Zelle" unterfordert sind. Wenn sie, etwa durch Sport, beansprucht werden, ist das gesünder und stärkt die Abwehrkräfte. Außerdem bewirke viel Zucker einen ungünstig hohen Insulinspiegel, erinnert Ristow und rät daher: "Zucker, so weit es geht, weglassen!"

Das sollte bei Kaffee nicht mehr schwerfallen. Denn der Genuss des Aufgusses, dem im Gegensatz zu seinem hilfreichen Bruder, dem Tee, lange eher negative Eigenschaften unterstellt wurden, hängt einer Ende 2015 veröffentlichten US-Studie zufolge mit einer geringeren Sterberate zusammen.

Tatsächlich raten Experten wie Pollmer dazu, bei der Wahl des Essens vor allem auf den eigenen Bauch zu hören, aufzuhören, wenn man satt ist und eine Mahlzeit nicht als Therapie zu sehen. Im

Übrigen sind seit einigen Jahren auch in Japan nicht mehr so viele Hundertjährige aktenkundig: Viele von ihnen waren nur noch auf dem Papier am Leben, weil die Verwandten nicht auf die Rente verzichten wollten.

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