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Stefan Klug 26.06.2017 16:51 Uhr - Aktualisiert 27.06.2017 13:59 Uhr
Red. ,

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Im Goldrausch

Klaipeda (MOZ) Jedes Jahr das gleiche Bild. Ganze Heerscharen von Urlaubern wälzen sich in gebückter, ja schon fast devoter Haltung die Strände der Ostsee entlang. Den Blick starr auf die Grenze gerichtet, an der sich Wasser und Land kreuzen. Eine hübsche Muschel oder einen Donnerkeil gar wollen sie finden, suchen aber tatsächlich nach - Bernstein. Jene meist bräunliche Klumpen, die sich seit Jahrmillionen unter dem Bett der Ostsee geformt haben und auch als deren Gold bezeichnet werden. Einst standen hier gewaltige Kiefernwälder, die Bäume bis zu 40 Meter hoch. Temperaturen wie in den Tropen sorgten dafür, dass reichlich Harz floss. Und jenes, das seinerzeit relativ schnell von der Luft ausgeschlossen wurde, kann rund 50 Millionen Jahre später gefunden werden.

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Erfolgreicher Fischzug. Igoris Osnac am Strand in der Nähe von Klaipeda (Memel). Der Bernsteinexperte holt immer ein paar Nuggets aus der Ostsee.

© sklug

Was für die Touristen ein reines Freizeitvergnügen ist, wurde für andere Lebensaufgabe. So fischt Igoris Osnac schon vor dem Frühstück an der Küste Litauens mehr Bernstein aus der Ostsee, als eine sächsische Großfamilie im gesamten Campingurlaub dem Strand von Boltenhagen entreißen kann. Zum einen ist das dem Umstand geschuldet, dass hier - nördlich der größten Bernsteinvorkommen im Gebiet von Kaliningrad - der Ostseegrund deutlich reichhaltiger mit dem fossilen Harz gesegnet ist. Aber auch das Fischen ist wichtig. Denn im Gegensatz zu den Touristen macht der 53-jährige nicht am Strand Beute. Er steht meist hüfttief im Wasser. Für ihn ist das Bernsteinfischen nicht Zufallsprodukt, sondern Ergebnis genauer Recherche vor Ort. Im Informationszentrum des Küstennationalparks (Pajurio regioninis parkas) zwischen den Städten Klaipeda (Memel) und Palanga kann sich der geneigte Besucher nicht nur über Flora und Fauna der Region informieren. Hier erfährt er auch, wo Bernstein zu finden ist und wie man ihn von Glas oder Plastik unterscheidet. Vor allem aber, welche Faktoren auf Erfolg bei der Suche verweisen. Da Bernstein nur eine geringe Dichte besitzt, schwimmt er in zehnprozentiger Salzlösung oben. Doch das Ostsee-Wasser weist mit nur knapp drei Prozent einen deutlich geringeren Salzgehalt auf. Daher sinkt das Urzeit-Harz in die Tiefe, aber langsam. Hier wird es, abhängig vom Wellengang, Richtung Küste befördert, weshalb besonders nach starker Dünung die Chancen gut für die Fischer stehen. Doch nicht überall. Denn Algen und Treibholz sorgen für zusätzlichen Transport. Die aufgewirbelten Nuggets werden von den Pflanzen umschlossen und diese wiederum bleiben im Idealfall am Treibholz hängen, das irgendwann an der Küste landet.

Igoris Osnac stapft also nicht einfach los. "Ich schaue, wo sind Möwen, denn die suchen in den Algen Nahrung", erklärt der gebürtige Klaipedaer, der schon zu Sowjetzeiten verbotener Weise als Jugendlicher dem Bernstein nachjagte. Und wenn in Seegras oder Algen-Nähe auch Treibholz ist, schlüpft er in den wasserfesten Anzug, greift sich einen großen Käscher und geht knapp hüfttief ins Wasser. Dort schürft er dicht über dem Meeresboden, einige Male, bis ein Viertel Netz voll ist. Am Ufer wird dann sortiert. Eine Methode, die auch beim Besucher schon beim ersten Mal Erfolge zeitigt, wenngleich in bescheidenem Maße. Denn der ideale Monat fürs Bernsteinfischen sei der November, wenn die Herbststürme über die Ostsee jagen, erklärt der Fachmann. Keine gute Zeit, um im Baltikum Urlaub zu machen, fügt er aber augenzwinkernd hinzu.

Doch man kann Amber, wie Bernstein weltweit genannt wird, in ganz Litauen kaufen. Gefühlt immer und überall. Die Preise richten sich nach Art und Größe, Farbe und Schliff und ob es Einschlüsse fossiler Tiere oder Pflanzen gibt. Auf Grund des Überangebotes und der gigantischen Preisspanne wird der Laie schnell unsicher, ob die angepriesene Ware tatsächlich echt ist. Bei Osnac ist hier guter Rat nicht teuer, sondern kostenlos. Die sicherste Methode sei aber zugleich die riskanteste. Denn Bernstein brenne. Wer also sein Collier abgefackelt habe, könne sicher sein, dass es echt war, gibt der Experte scherzend zur Kenntnis. Schonender wäre, es in besagter Salzlösung zu versenken, wo es oben schwimmen müsste. Ein eher wenig praktikabler Weg im Geschäft oder am Stand. Bleibt die einfachste Art, die Echtheit zu prüfen. Dafür wird der Bernstein an der Innenhand ordentlich gerieben. Kurz, bevor Blasen auf der Haut entstehen, sollte diese deutlich nach Harz riechen. Wer dieses Erlebnis hat, darf beruhigt zugreifen. Zudem fühlt sich Bernstein warm an, im Gegensatz zu anderen Edelsteinen, Glas oder Steinen.

Alles andere ist reine Geschmackssache. Es gibt Bernstein in verschiedenen Farben, von schwarz bis weiß. Ersterer ist besonders wertvoll und ihm wird heilende Wirkung vor allem für die Schilddrüse zugeschrieben. Am häufigsten kommt jener vor, dessen golden-braunes Aussehen synonym für die ganze Gattung verwendet wird. Gefundene Stücke sind an der Oberfläche meist trüb und rau. Mit mittlerem und feinem Sandpapier jedoch lassen sie sich leicht bearbeiten und erhalten so schnell eine glänzende und transparente Oberfläche, die auch den Blick ins Innere freigibt. Und der ist mitunter wie eine Zeitreise viele Millionen Jahre in der Erdgeschichte zurück.

Landesinfo Litauen:

Litauen ist das südlichste der drei baltischen Länder, östlicher Ostseeanrainer und zugleich die größte der drei baltischen Republiken. Hauptstadt ist Vilnius, Landeswährung der Euro.

Anreise: Der internationale Flughafen von Vilnius liegt nur sechs Kilometer vom Zentrum entfernt.

Von Berlin Tegel fliegen Air Baltic und LOT, von Schönefeld aus bedient Ryan Air dreimal die Woche die Strecke.

www.lithuania.travel

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