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Wenn der Tod Erlösung sein wird Abschied nehmen in Würde

Heike Ottilige / 22.09.2017, 18:18 Uhr
Gransee (MOZ) Die progressive supranukleäre Blickparese (progressive supranuclear palsy, PSP; auch Steele-Richardson-Olszewski-Syndrom) ist eine degenerative Erkrankung des Gehirns, speziell der Basalganglien. Die Basalganglien sind Bereiche im Gehirn, die eine wichtige Rolle bei der Steuerung automatischer Bewegungen spielen. Ihre Schädigung kann zu Problemen beim Bewegen und beim Halten des Gleichgewichtes, bei der Augensteuerung, der Schlucksteuerung und der Sprechsteuerung führen. PSP ist verwandt mit der Parkinsonschen Krankheit, die Krankheiten ähneln sich in vielen Symptomen. Nicht selten wird die geringer verbreitete PSP für eine Parkinson-Erkrankung gehalten. PSP wird mit anderen Parkinson-ähnlichen Erkrankungen unter dem Begriff atypische Parkinson-Syndrome oder Parkinson-plus zusammengefasst.

Die progressive supranukleäre Blickparese (PSP) wurde erstmals 1964 von John Steele, Clifford Richardson und Jerzy Olszewski beschrieben. Der Neurologe Richardson war von einem Freund konsultiert worden, der über Unbeholfenheit, Sehprobleme und leichte Vergesslichkeit klagte. Richardson beobachtete den Verlauf der Erkrankung und entdeckte ähnliche Symptome auch bei anderen Patienten. Olszewski und Steele, ebenfalls Mediziner, hatten die Läsionen, die sie in den Gehirnen verstorbener Patienten mit vergleichbarer Symptomatik entdeckten, untersucht. Die PSP ist eine seltene Krankheit. Trotzdem ist sie nach der Parkinson-Krankheit die zweithäufigste Bewegungsstörung. Es wird geschätzt, dass sechs bis sieben von 100000 Menschen im Laufe ihres Lebens an PSP erkranken.

Die Symptome der PSP können sehr verschieden sein, sie treten in variierender Reihenfolge auf und verstärken sich zunehmend (progredienterVerlauf) - Symptome können aber auch ganz ausbleiben. Auf eine PSP weisen hin:

• zunehmende Schwierigkeiten beim Bewegen der Augen, meist nach unten (Blicklähmung), Diplopie, Verschwommensehen, welches nicht sicher objektivierbar ist

• plötzliche, unvorhersehbare Stürze und Gangunsicherheit

• Sprechprobleme: zunehmend schlechter verständlich, leise

• Erkrankungsbeginn in der zweiten Hälfte des Lebens

Im Gegensatz zum verwandten Morbus Parkinson wird das dort charakteristische Zittern oder Schütteln von Armen und Beinen (Tremor) bei PSP nur selten beobachtet.

Die PSP kann derzeit nicht geheilt werden. PSP führt im Durchschnitt in drei bis zehn Jahren zum Tode.

Quelle: www. wikipedia.de

(eh) Die Anzeige sorgte für Aufsehen. Unter der Rubrik "In stiller Trauer" möchte Sieglinde Spielhagen von Angehörigen, Freunden und Weggefährten Abschied nehmen "zu einem Zeitpunkt, da die körperlichen und geistigen Kräfte gerade noch ausreichen, die Freude des Augenblicks zu empfinden."

Dietger Spielhagen ist in Sorge, dass der anberaumte Termin für die Abschiedsfeier, die zugleich eine Jubiläumsfeier sein soll, fast schon zu spät sein könnte. Immerhin sind es bis zum 21. Oktober - einen Tag nach ihrem Kennenlernen vor 54 Jahren - noch einige Wochen. "Der Zustand meiner Frau darf sich nicht zu schnell verschlechtern", bangt der 77-Jährige.

Drei Jahre ist es her, als bei seiner Frau die tödliche Diagnose Progressive Supranukleäre Blickparese (PSP) gestellt wurde, eine sehr seltene Funktionsstörung des Gehirns, verwandt mit Parkinson. Während jedoch Morbus Parkinson zwar nicht heilbar, aber therapierbar ist, gibt es gegen PSP kaum wirksame Medikamente.

Die verlangsamten Bewegungen seiner Frau hatte Spielhagen erst gar nicht bemerkt. Gegen ihr verzögertes Sprechen bekam sie einen Herzschrittmacher eingesetzt, der jedoch nichts bewirkte. Erst nach einem Badeunfall wurde Sieglinde Spielhagen intensiver untersucht und die Ursache festgestellt.

Das Ehepaar fiel in ein tiefes Loch. "Ich hatte Angst vor einer Depression", erzählt Dietger Spielhagen. "Aber es war klar, dass meine Frau auf mich angewiesen sein würde, also musste ich gesund bleiben und kämpfte erfolgreich dagegen an." Stets ist er an ihrer Seite, hilft beim Laufen, beim Essen, fährt sie zu Ärzten und Behandlungen und stellt einiges auf die Beine, um ein wenig Lebensqualität zu erhalten, auch wenn er weiß, dass sie sterben wird. Dieser Ohnmacht vor dem Tod, der eine unumstößliche Tatsache ist, möchte er etwas entgegensetzen. Aber es ist auch Wut, die ihn antreibt. Spielhagen ist wütend auf die Krankheit, die seine Frau so leiden lässt und wütend darauf, dass ihr nicht professionell und aktiv geholfen werden darf, sie von ihren Leiden zu erlösen. Er ist ein absoluter Befürworter der Sterbehilfe und hält es nicht für die Aufgabe des Staates, zu bestimmen wie lange man am Leben bleiben muss. "Man muss nicht um jeden Preis leben."

Die öffentliche Einladung zur Abschieds- und Jubiläumsfeier hat durchaus polarisiert. Zunächst schlug die Dame in der Anzeigenabteilung die Hände über dem Kopf zusammen. Sie wollte sie zunächst nicht annehmen, zu ungewöhnlich erschien ihr der Text. Doch schließlich konnte Dietger Spielhagen sie überzeugen. Als diese Hürde genommen und die Anzeige erschienen war, kamen die ersten Beileidsbekundungen. "Die Leute haben nur den Namen gelesen und nicht den Text darunter. Sie dachten, Sieglinde sei schon tot." Spielhagen lacht. Es klingt bitter. Es folgten einige Absagen mit der Begründung, man wolle seine Frau in Erinnerung behalten, wie sie einst war. Das kann er nicht verstehen. "Bedeutet es, sie sollte sich am besten nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen?"

Die Mehrzahl derer, die sich von der Einladung der Eheleute angesprochen fühlen, können ihre Beweggründe, bereits zu Lebzeiten Abschied nehmen zu wollen, jedoch akzeptieren und haben zugesagt.

Fröhlich und gelassen soll es dabei zugehen. "Wir werden nicht trauern. Dafür gibt es keinen Grund. Der Tod wird eine Erlösung sein." Die Verständigung zwischen Sieglinde Spielhagen und ihrem Mann ist schwierig geworden. Dennoch soll alles so ablaufen, wie sie sich das gemeinsam wünschen.

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