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Antje Jusepeitis 25.08.2017 17:35 Uhr

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Oranienburger Sven O. Winter baut Theaterdekorationen

Oranienburg (MOZ) ¦ Sven O. Winter (49) erlernte von 1985 bis 1987 den Beruf des Möbeltischlers. Von 1987 bis 1989 arbeitete er als Bau- und Möbeltischler, leistete von 1989 bis 1991 Zivildienst. Im Jahr 1990 gehörte Sven O. Winter zu den Gründern des Theaters Homunkulus, agierte als dessen technischer Leiter. Er organisierte Figurentheaterfestivals in Deutschland und Italien, nahm an europäischen Theaterfestivals teil.

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Hinter der Tür liegt sein privates Refugium. Foto Jusepeitis

© MZV

¦ Für Film- und Fernsehproduktionen lieferte er Ausstattung und Puppentrick, errichtete die Seebühne Hiddensee mit Restaurant. Seit 1996 arbeitet er selbstständig als Theaterbauer, richtete seine Werkstatt mit Tischlerei, Schlosserei, Schneiderei, Malsaal und Plastikerei im Gewerbegebiet an der Lehnitzschleuse Oranienburg ein. Er liefert Ausstattungen für fast alle großen deutschsprachigen Theater- und Opernhäuser.

¦ In Oranienburg stellte er die Technik für den Theaterkurs der Kreisvolkshochschule, schuf Dekorationen für den Festumzug 800 Jahre Oranienburg sowie für das Theater Rheinsberg.

Zudem baut er für Messen und ist spezialisiert auf Krankenhaussanierungen und Möbelsystembau.

(mae) Seine Werkstatt für Theaterbau gründete Sven O. Winter 1996. In Kremmen geboren stand er seither schon auf nahezu allen bedeutenden Bühnen im deutschsprachigen Raum - als Theaterbauer. Die politische Wende in der DDR hat er in übertragendem Sinne überspielt. "Homunkulus", ein Figurentheater, trägt die Schuld daran. Seither ist ständig Theater um den heutigen Oranienburger.

Eine alte Diva, ein junger Schauspieler, ein Puppenspieler, Maler, ein Grafiker - eine Gruppe Künstler war es, die Sven O. Winter ans Theater heranführte. Der Sommer 1989 rüttelte heftig an der am 13. August 1961 errichteten Mauer um die DDR. Ein Bruch schien möglich. Die politische Wende begann, brachte für Sven O. Winter, wie für viele, unerwartete Wendungen.

"Über 100 Ecken wurde damals an mich die Bitte herangetragen, für ein Projekt Modelle zu bauen. Die Truppe wollte in Berlin-Pankow das erste private Theater der DDR gründen", erinnert er sich.

Der ausgebildete Bau- und Möbeltischler leistete damals gerade seinen Zivildienst. Das zusammenbrechende DDR-System verschuf ihm Spielraum, das Angebot anzunehmen, Figuren und Ausstattung nach seinen Vorstellungen zu schaffen. Er stieg in der Berliner Florastraße erstmals auf die Bretter, die die Welt bedeuten, versah sie mit seinem Schliff, wurde ein Elternteil von "Homunkulus", von Menschen geschaffenen kleinen, künstlichen Wesen eines Figurentheaters. Die Familie wuchs.

"Plötzlich konnten wir reisen, fuhren zu europäischen Theaterfestivals, lernten Theatergrößen kennen." Das Haus in der Florastraße16 in Pankow, ein ehemaliges Kino, wurde zum Wohn- und Spielort. "Wir haben produziert wie die Wilden." Gespielt wurden vormittags und nachmittags für Kinder und Jugendliche, am Abend für Erwachsene, beispielsweise von Anton Tschechow. "Immer in unserer Interpretation. Über die Kulissen, Requisiten, Bilder und den Tonfall erzählt ein Figurentheater schon eine Menge. Deshalb müssen insbesondere diese Dinge ganz klar sein, erst recht, wenn Kinder zuschauen", sagt Sven O. Winter. Er agierte als technischer Leiter des "Homunkulus", konnte sich ausprobieren beim Erschaffen von Menschlein und ihrer Ausstattung, dachte sich Geschichten selbst aus. "Bald gab es zwei Gruppen. Eine bespielte unser Haus in der Florastraße, die andere war auf Tour. Während der Fahrten haben wir überlegt, wie wir neue Stücke dramaturgisch umsetzen, wie wir was erzählen wollen". Erzählen von den Themen der Menschheit, von Liebe, Hass, Eifersucht, Suche nach dem Sinn des Lebens, Ausgrenzung, Toleranz, Identität, Mut, Verzweiflung. "Unsere Crew verschmolz für das Leben auf der Bühne. Es wurde miteinander gelebt und geliebt für das Figurentheater und das Publikum", beschreibt Sven O. Winter. Wie auf der Bühne blieben Konflikte innerhalb der Figurentheatertruppe nicht aus.

Im verflixten siebten Jahr trennten sich die "Homunkulus"-Mitglieder. "Der Ensemblebruch tat echt weh." Bis zu diesem Zeitpunkt, 1997, hatte die Gruppe unter anderem Gastspiele auf Hiddensee gegeben. Die Gruppe sah hier eine Chance. Der Möbeltischler baute die dortige Seebühne auf. Inzwischen hatte er sich 1996 mit einer eigenen Werkstatt als Theaterbauer selbstständig gemacht. Seither, zunächst in Pankow, ab 1997 in Oranienburg, schuf der 49-Jährige unter anderem Säulen, Schiffe, Pferde, Sonnen, Adler und das "schwarze Kabinett": Holzrahmen, bespannt mit schwarzem Moltontuch. Jede einzelne 3 mal 1,50 Meter hoch, werden sie zu Wänden, Türen, Raumteilern. Fast alle Schulen in Oberhavel nutzen dieses flexible, schwarze Wandsystem inzwischen für ihre Theateraufführungen.

Auch für den 800-Jahre-Festumzug in Oranienburg im vergangenen Jahr hat die Theaterbau-Werkstatt Aufsteller und Planen gefertigt. Im vergangenen Sommer gestaltete Sven O. Winter das Bühnenbild zu "Tosca" am Hecken theater der Kammeroper Rheinsberg mit. Weil er stets akribisch arbeitet, in jedes Detail Herzblut fließen lässt, verliehen ihm seine Kollegen "Das goldene Sägeblatt", umrandet von zwei goldfarbenen Plastikähren im Holzrahmen. Es hängt im Büro seiner Werkhalle an der Lehnitzschleuse in Oranienburg. Hier, unter den Klängen klassischer Musik, baut er seit 20Jahren Requisiten, Bühnenaufbau, ja ganz ganze Bühnenbilder für zahlreiche große Häuser. Er lässt Theaterwelten entstehen. Fahrende Bäume, auf- und untergehende Sonne, schwebende Wolken, Wände, alles muss beweglich, begehbar, stabil und zugleich leicht transportierbar sein. Aktuell arbeitet er an Ausstattung für "das Musical "Jesus Christ Superstar" in Oldenburg. Zudem wartet er auf Nachricht aus Dortmund. Das Haus dort wünscht sich Ausstattung für die Verdi Oper "Nabucco". Der Oranienburger hat sich vor dem Beginn seiner Produktion immer gern zum Projekt und dem Stück belesen, Ideen gesammelt mit Bühnenbildner und Techniker diskutiert. "Meist bin ich zur Premiere gegangen. Dafür ist längst keine Zeit mehr." Sein Job habe sich verändert: "Alles muss express gehen. Wir sind Dienstleister geworden".

Tischler, Schlosser, Maler, Schneider, Plastiker gehören zum Team. Früher hatte Sven O. Winter selbst Angestellte. Ähnlich einem Drama auf der Bühne jedoch musste er sie nach dem Wegfall der Bezahlung einer kompletten Produktion und der sich ändernden Auftragslage nach und nach entlassen. Jetzt holt er sich Leute für Projekte dazu. Auftraggeber waren unter anderen die Deutsche Oper in Berlin, das Theater in Basel und Show-Events der "Apassionata" oder die Oper Innsbruck.

Oft entwirft er für das Berliner Ensemble Dinge. Zum Beispiel den etwa sieben Meter großen Kopf aus Stahl und Kunststoff, bei dem aus Nase, Mund und Ohren über drei Etagen gespielt wurde, oder das Schiff, das bei der Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm" in die Zuschauer fährt, dort zerbricht und sich in eine Insel verwandelt.

Gebaut hat der kreative Kopf zudem den Prototyp des Seemobils für den Ziegeleipark Mildenberg. Ein weiteres Unikat steht auf seinem Grundstück, wo er mit Tochter und Frau lebt, an der Pinnower Schleuse: Der zum Wohn- und Arbeitszimmer ausgebaute Bauwagen im Schwarz-Grün-Ton des Theaterbau-Logos. Ganz privat wird aus Theaterbau so wieder Theaterspiel.

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