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Antje Jusepeitis 30.08.2017 17:40 Uhr

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Kreuzbruch an die große Glocke hängen

Kreuzbruch (MOZ) (tja) Drei Köter und 'ne Kneipe - was soll ein Dorf wie Kreuzbruch mehr zu bieten haben? "Viel mehr, als man erwartet", sagt Liebenwaldes Bürgermeister Jörn Lehmann.

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Das Lokal an der Berliner Chaussee prägt noch heute das Ortsbild. Das Lindeneck ist die einzige Gaststätte in der vor 300 Jahren gegründeten Gemeinde.Foto: privat/Kreisarchiv

© MZV

Er behauptet dies nicht einfach so - er weiß es. Zum einen, weil er als Stadtoberhaupt den Ort mit verwaltet. Zum anderen liest sich Jörn Lehmann in die Geschichte des Fleckchens ein, das vor 300 Jahren gegründet worden ist. Gerade am 31.Juli erteilte er den Druckauftrag für sein neues Buch: "300 Jahre Kreuzbruch 1717 bis 2017". Es ist eine von inzwischen zahlreichen Publikationen zur Geschichte Liebenwaldes und Umgebung. "Das ist mein Ausgleich zur Arbeit", sagt der Hobbyhistoriker.

Er fand heraus, dass die Kreuzbrucher im wahrsten Sinne des Wortes einiges an die große Glocke hängen können. "In der ersten Kreuzbrucher Kirche - geweiht am 25. November 1731 - hing die Glocke aus dem Oranienburger Schlosspark, mit der dort Wildtiere zur Fütterung angelockt worden sind. Der Glockenumzug war eine Anordnung des Königs, Friedrich Wilhelm I.", erzählt Jörn Lehmann in seinem neuesten Buch unter anderem.

Richtig Schlagzeilen machte Kreuzbruch in den 1990er Jahren, als die damalige Gemeindevertretung beschloss, keine Steuern mehr zu erheben. "Das wurde mit der Eingemeindung nach Liebenwalde hinfällig", erklärt der jetzige Liebenwalder Bürgermeister.

Auf 100 Seiten zeichnet er die Entwicklung des heutigen Liebenwalder Stadtteils nach und erklärt, weshalb das einstige Sumpfgebiet besiedelt worden ist. "Der Soldatenkönig, jener Friedrich Wilhelm I., Enkel des Großen Kurfürsten", verfügte im Jahr 1717 die "Urbarmachung des Kreuzbruches und der Wahse auf der Feldmarkung Kreuzbruch".

Noch immer hatte sich die Mark nicht von den Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges erholt. "Aber der König brauchte Steuern, deshalb war er an weiterer Neuansiedlung interessiert, genau wie sein Großvater und sein Vater. Der König verfügte, dass die Kirche und das Schulhaus aus dem Fachwerk der stillgelegten Papierfabrik im nicht weit entfernten Eichhorst am Finowkanal erbaut werden sollen. Aufgefüllt wurde das Fachwerk in Kreuzbruch mit Lehm", so Jörn Lehmann. Einige seiner eigenen Vorfahren, so genannte Erbsitzer (Bauern), gehören zu den Gründern Kreuzbruchs. Ackerbau und Viehzucht dominierten das Leben in den zurückliegenden drei Jahrhunderten auf diesem dem Moor abgerungenen Landfleck.

Der birgt jedoch unerwartete Schätze. "In etwa 90 Metern Tiefe liegt ein Braunkohleflöz. Im Jahr 1887 wurde begonnen, einen Schacht zu graben, um die Kohle abbauen zu können. Um den Schacht zu stützen, wurden eiserne Spezialringe benötigt. Diese trafen am Bahnhof Oranienburg ein, erregten dort Aufsehen und sind mit Pferdefuhrwerken weiter nach Kreuzbruch gebracht worden", beschreibt Jörn Lehmann. Allerdings drang immer wieder Grundwasser in den Schacht ein: "Je mehr abgepumpt worden ist, desto mehr lief nach." 1889 musste das Vorhaben mit dem fast poetischen Namen Angra Pequena (Portugiesisch: Kleine Bucht) aufgegeben werden. So blieb die Kohle liegen.

Abtransportiert wurden hingegen die 36 Raketen, die einst die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR hier, genau wie in Osterne/Badingen oder Beetz bei Kremmen, lagerte. Offiziell hieß der Standort Klosterfelde. Die Kasernengebäude, erbaut ab 1960, erweitert in den 1970er-Jahren, "stehen zwar an der Klosterfelder Straße im Wald, jedoch auf Kreuzbrucher Gemarkung", so Jörn Lehmann.

Der Liebenwalder geht in einem weiteren Kapitel seines bebilderten Streifzugs durch die Historie der Gemeinde außerdem auf die Todt-Organisation ein. Genauer handelt es sich um die Stabsstelle des NSKK - Nationalsozialistisches Kraftfahrerkorps. Es gehörte zum Todt-Trupp. Dessen Gebäude befanden sich entlang der Berliner Straße. Am Ortseingang stehen die ehemaligen Offiziershäuser.

Daneben gab es eine Gaststätte und ein Kino. Zum Ensemble gehörte auch die Baracke, in der die Gemeindevertretung tagte, bevor das Gemeinschaftshaus erbaut worden ist. Die ein- bis zweistöckigen NSKK-Bauten zogen sich damals bis zum Oder-Havel-Kanal. Kreuzbruch war der Verwaltungssitz für die rund 70000 Mann starke Truppe im Naziregime. Diese war - laut Wikipedia - eine paramilitärische Bautruppe, die den Namen ihres Führers Fritz Todt (1891 bis 1942) trug, der von Adolf Hitler eingesetzt worden war. Sie wurde nach Kriegsbeginn vor allem für Baumaßnahmen in den von Deutschland besetzten Gebieten eingesetzt. Bekannt wurde sie durch den Ausbau des Westwalls, den Bau der U-Bootstützpunkte an der französischen Küste sowie des "Atlantikwalls" (verbunkerte Artillerie- und Verteidigungsstellungen). Ab 1943 baute sie die Abschussrampen der V1- und V2-Raketen. In der Organisation kamen auch Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge zum Einsatz.

"Entlang der Landesstraße L 21 von Zehlendorf aus ist der Todt-Trupp auch in Kreuzbruch aktiv gewesen", fand Jörn Lehmann heraus. Baumaßnahmen dokumentiert seine neueste Lektüre ebenfalls. Vom Einschwenken des 300 Tonnen schweren Brückenteils über den Oder-Havel-Kanal nahm er selbst eine ganze Fotoserie auf. Einige Aufnahmen sind im Kreuzbrucher Geschichtsbuch abgedruckt. "Das war schon ein Ereignis. Viele Leute schauten an diesem 11. August 1999 zu."

Ein Hingucker in Kreuzbruch ist das nicht weit von der Brücke in Richtung Zehlendorf liegende Dorfgemeinschaftshaus mit Feuerwache. Nicht nur für Ortsvorsteher Dietmar Dessau, seit 2003 im Amt, zählt es zu den prägnantesten Gebäuden seines Ortes. Rund 190 Einwohner leben aktuell hier. Zum Vergleich: Im Jahre 1734 wurden 66 Kreuzbrucher gezählt. "Die höchste Bevölkerungszahl - 317- gab es nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals kamen zahlreiche Flüchtlinge und Aussiedler hierher", so Lehmann.

Der Fachwerkbau der ersten Kirche wurde 1876 abgerissen. Die Glocke aus dem Oranienburger Schlosspark wurde gestohlen. Das jetzige Gotteshaus ist im Frühjahr 1878 eingeweiht worden.

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