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09.08.2017 12:55 Uhr

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Pilgern ins "Santiago des Nordens"

Frankfurt (Oder) . Die Reformation feiert auch in der Prignitz ihr 500-jähriges Jubiläum. Zwar setzte das zentrale Ereignis dort deutlich später ein, dafür aber mit umso größeren Folgen. Noch heute sind Spuren dieser turbulenten Zeit in den Kirchen und Städten zu finden. Zudem erinnern im Rahmen des Jubiläumsjahres zahlreiche Veranstaltungen an die Umwälzung des Glaubens und die damit verbundenen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Auswirkungen.

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Die Wunderblutkirche im heutigen Bad Wilsnack galt als berühmtestes Pilgerziel Nordeuropas.

© Michael Richter

Lange blieb die Prignitz streng katholisch, trotz Luthers Erfolgen im ganzen Land. Einer der Gründe war gewiss die Wunderblutkirche Sankt Nikolai im heutigen Bad Wilsnack. Denn als Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine berühmten 95 Thesen gegen den Missbrauch des Ablasses an die Wittenberger Schlosskirche schlug, war der Glaube an den Ablass vom Fegefeuer rund 150 Kilometer weiter nördlich in der Prignitz eine der wichtigsten Einnahmequellen: Die Wunderblutkirche galt als berühmtestes Pilgerziel Nordeuropas und wurde sogar als "Santiago des Nordens" bezeichnet.

Der Legende zufolge wurden 1383 nach einem Brand der Kirche drei unversehrte Hostien gefunden, die Blutflecken aufwiesen. Schon bald ereigneten sich weitere Wunder und mehrten den Ruf des "Heiligen Blutes". So wurde beispielsweise von der Heilung kranker Menschen und der sofortigen Erblindung eines Ritters berichtet, der über die Wunderbluthostien spottete. Natürlich wurde er alsbald geheilt, als er versprach, das heilige Blut zu besuchen. "Noch bis lange nach Beginn der Reformation wanderten jährlich hunderttausende Pilger nach Wilsnack, um Hilfe bei verschiedensten Gebrechen und Problemen zu erhalten. Zudem sollte die Wallfahrt das Fegefeuer verkürzen, denn je eine Meile Weg zur Wallfahrtskirche gab einen Tag Ablass, eine Umrundung sogar 42 Tage", sagt Mike Laskewitz, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Prignitz e.V.

Und bis heute lebt die Tradition des Pilgerns in der Prignitz weiter. Engagierte Fördervereine und Einzelpersonen kümmern sich um die Beschilderung der Wege und die Betreuung der Pilger, die heute vor allem Selbstbesinnung mit Naturgenuss verbinden wollen. Zum Beispiel auf dem Annenpfad zwischen Heiligengrabe, Alt Krüssow und Bölzke. Seit 2011 besteht dieser Weg, der sich mit seinen 22 Kilometern bestens als Tagestour eignet. Eine weitere Tour ist der 130 Kilometer lange Pilgerweg von Berlin nach Bad Wilsnack, der seit 2006 besteht. Er verläuft durch verschiedene Naturlandschaften, kleine Dörfer und Städte. Ziel ist die Wunderblutkirche in Bad Wilsnack.

Mit der verspäteten Reformation der Prignitz und der Verbrennung der Hostien im Jahr 1552 durch Wilsnacks ersten protestantischen Prediger Joachim Ellefeld fand die Wallfahrt schließlich ein jähes Ende. Heute hat die Wunderblutkirche den Status eines Denkmals mit nationaler Bedeutung, und es geschehen wieder Wunder: "Die Geschichte der Wunderblutlegende wurde einst auf zwölf hölzernen Legendentafeln dargestellt, die seit etwa 1460 im Chor der Wunderblutkirche an der sogenannten Porlaube angebracht waren. Die Holzbilder galten als verschollen, wurden jedoch kürzlich auf einer Empore der Kirche wiederentdeckt", berichtet Laskewitz.

Anlässlich des Reformationsjahres führen die Kirchengemeinde Bad Wilsnack, der Förderverein Wunderblutkirche Bad Wilsnack e.V., die Kirchengemeinde Werben und das Kloster Stift zum Heiligengrabe noch bis 1. November das gemeinsame Ausstellungsprojekt "Sünde, Tod und Fegefeuer - Bildmedien vor und nach der Reformation" durch. Für die Ausstellung wurden die Legendentafeln restauriert und gesichert. Zudem wurde die Porlaube mit Planen so visualisiert, dass dem Besucher ein spektakulärer Eindruck des früheren Innenraums der Kirche vermittelt wird.

Im Reformationsjahr ist ebenso in der Stadt Perleberg einiges geplant: Das Ausstellungs- und Veranstaltungsprojekt "Religionen - Reformation - Räume", auf dem Kirchplatz in Perleberg eröffnet wurde, führt anschaulich durch verschiedene Veranstaltungsorte zwischen St.-Jakobi-Kirche, Klosterresten, Bürgerbauten, Judenhof und Museum am Mönchort, wo Glaubensfragen, Stadtkultur, Baustruktur und Stadtsanierung thematisiert werden. Und zum Abschluss des Reformationsjahres wird das Musical "Martin Luther" am 31. Oktober in Perleberg aufgeführt. Die Kinder der Christenlehregruppen aus dem gesamten evangelischen Kirchenkreis Prignitz erzählen in dem Musical in der St. Jacobi-Kirche Szenen aus dem Leben Martin Luthers. Mitreißende Melodien und Episoden aus dem Alltag des Reformators versetzen die Zuhörenden in die Zeit vor 500 Jahren. (tmb/db)

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