to_top_picture
Anmelden
Anmelden

Freitag, 22. September 2017
ABO-ButtonePaper-ButtonKONTAKT-Button


Sie haben 8 von 10 Gratis-Artikeln gelesen.
x
Registrieren Sie sich jetzt und lesen Sie im Monat bis zu 20 Artikel kostenlos.
Jetzt kostenlos registrieren
Bereits registriert? Bitte anmelden

04.04.2017 17:42 Uhr

service/ueber-uns/maerkischer-sonntag/artikeldetailansicht/dg/0/

Humordienstleister, Bestsellerautor und Leidenschaft für die Mark Brandenburg

Frankfurt (Oder) (MäSo) Christian Eisert schreibt für Comedy-Größen Gags auf "Knopfdruck" und flotte Reisebücher

service/ueber-uns/maerkischer-sonntag/artikeldetailansicht/dg/0/1/1564450/
  weitere 3 Bilder

Machte sich auch als Gagschreiber für Harald Schmidt und Ingo Appelt einen Namen: Der Berliner Christian Eisert.Fotos: privat

© privat

Schneebedeckte Gipfel, dunkle Wälder, picobello saubere Ortschaften - die Schweiz erscheint vielen als Idylle pur und als perfektes Urlaubsland. Doch kaum jemand ahnt, dass die Eidgenossen jahrzehntelang in fast jedem Krieg Europas mitmischten, Prostitution noch vor Einführung des Frauenwahlrechts legalisierten und vorsichtshalber bis vor kurzem noch seine Brücken nach Deutschland verminten. In dem Land, das kleiner ist als Niedersachsen, sind die Kontraste groß und die Menschen großartig - findet zumindest Bestsellerautor Christian Eisert. In seinem neuen Sachbuch "Viele Ziegen und kein Peter" (Ullstein Verlag) beschreibt der Berliner, wie er die Alpenrepublik per Bus, Bahn und Boot genau so durchstreifte, dass sich auf der Landkarte das Wort "Schweiz" ergab.

Neben der witzigen Beschreibung Schweizer Alltags kommt so manche Merkwürdigkeit ans Tageslicht. So beschreibt Eisert, der schon 2014 mit seinem Nordkorea-Buch "Kim & Struppi" Aufsehen erregte, das "Rückwärtsfahrverbot" in unserem Nachbarland. In der dortigen "Verkehrsregelnverordnung" heißt es dem Buch zufolge: "Es soll nur dann rückwärts gefahren werden dürfen, wenn die Weiterfahrt oder das Wenden nicht möglich ist." Begründung: In der Schweiz würden überdurchschnittlich viele tödliche Verkehrsunfälle durch Rückwärtsfahren verursacht.

Bis vor ein paar Jahren kannten Christian Eisert höchstens Insider - vor allem weil er als Gagschreiber für die großen Comedy-Shows des Landes arbeitet, u.a. für die "Nils-Ruf-Show" oder "Switch Reloaded". Für Harald Schmidt, Oliver Pocher und Ingo Appelt war er aber auch schon tätig. Gags sozusagen auf Knopfdruck zu schreiben, ist für den 40-Jährigen Alltag. Oft muss er innerhalb von drei Stunden liefern. Dabei gibt es noch Vorgaben der jeweiligen Redaktion. "Ich schreibe Gags dabei völlig unabhängig von meiner persönlichen Verfassung. So wie ein Unfallchirurg. Wenn der zu Hause Ärger hat, muss er seine Schwerverletzte ja trotzdem vernünftig zusammenflicken und kann ihr nicht, aus Wut über die Gattin, den Kopf amputieren", schmunzelt Christian Eisert. Der versteht sich den eigenen Worten nach als Humordienstleiter. "Gagschreiben ist vor allem eine Technik und lässt sich lernen. Das kann ich mit großer Überzeugung sagen, denn ich bilde seit Jahren Autoren aus", so der einstige Absolvent der Berliner Journalistenschule.

Für einen guten Witz müsse er nicht zu allen Themen bis ins kleinste Detail Bescheid wissen. "Man braucht aber schon einen guten Überblick über die allgemeine Nachrichtenlage." Vor allem müsse der Gag zünden - bei einem breiten Publikum. "Und das ist gar nicht so einfach", erklärt der Berliner. Bis zu 120 Euro zahlen TV-Produktionsfirmen für einen guten Witz, der es in eine Fernsehsendung schafft. Das sind je nach Format acht bis zwölf Jokes. Doch die Konkurrenz ist groß - freiberufliche Gagschreiber arbeiten über ganz Deutschland verteilt.

"Da muss man schon am Ball bleiben. Fast tagtäglich. Doch ein gutes Frühstück lasse ich mir nicht nehmen." Wenn Christian Eisert arbeitet, beispielsweise ein Buch schreibt, dann sitzt er gewöhnlich ab 6 Uhr am Schreibtisch. Das erste Frühstück gibt's dann gegen 8 Uhr: Haferflocken mit frischen Früchten und Milch. Gegen 10 Uhr folgt Frühstück, Teil 2. "Sehr gerne frühstücke ich an frischer Luft, auf dem Balkon oder wie zuletzt im Urlaub, an Deck eines Bootes." Das ankerte übrigens mitten auf einem Brandenburger See.

Apropos Brandenburg: Eisert outet sich als leidenschaftlicher Spaziergänger - am liebsten in der Mark. "Ich liebe die Weiten dieser Region: Den Blick in die Ferne schweifen lassen, ohne ein Haus zu sehen, nur das wechselnde Farbenspiel der Landschaft. Hier finde ich Urwälder, Auen und Sandwüsten." Der Berliner schwärmt besonders von der Uckermark, von Spreewald, Oderbruch und Märkischer Schweiz. Gern fährt er durch Alleen, durch kleine märkische Dörfer mit ihren niedrigen Häusern und alten Gehöften, den altehrwürdigen Schlössern und Herrensitzen. "Als Kind verbrachte ich die Frühlingsferien immer nördlich von Berlin in einem kleinen Dorf am See. Das war herrlich." Die Brandenburger, also die echten, hätten zudem einen unverwechselbaren, robusten Charme, betont der Gag-Schreiber augenzwinkernd.

Er durchstreife aber nicht nur Feld und Flur, sondern auch ganz gern mal Städte. "Neulich bin ich sogar durch die ganze Schweiz gestreift. Im Sommer fahre ich gern morgens zum Baden. Allerdings, so richtig Freizeit habe ich selten. Irgendwie ist ein Autor immer im Arbeitsmodus und saugt wie ein Schwamm Neues und Ungewöhnliches auf." Womit Christian Eisert wieder bei seinem aktuellen Lieblingsthema Schweiz wäre.

Genüsslich berichtet er über ein bizarres und merkwürdiges Land, das den paranoiden Mythos pflege, weltweit einzigartig zu sein. Aus diesem Grund hätten sich die Eidgenossen mal eine "terrorzellenartig organisierte Geheimarmee" geleistet, Atombomben geplant und das Land mit Bunkern übersät. Das Land der Widersprüche sei "beängstigend reich und beruhigend normal, beängstigend nationalistisch und beruhigend selbstkritisch". Eiserts Fazit: "Tiefe Gräben und Abgründe nicht nur in der Natur. Eine Mischung aus Zerrissenheit und einem unbedingten Willen zur Harmonie."

Christian Eisert sucht nach den Ursachen dieser Zerrissenheit und beschreibt sie mit historischen Exkursen und etlichen Alltagsbeispielen. So kommt u.a. der Medienkrieg um die Basler Zeitung zur Sprache. Viele Einwohner würden sich dem Blatt, das als Sprachrohr des rechts-außen-Milliardärs Christoph Blocher gilt, verweigern. Da kann es schon mal vorkommen, das am Briefkasten die Notiz klebt: "Näi - jetzt machsch die BaZ wider in dis Wägeli und fahrsch wyter."

Der Autor trifft auf seiner Tour u.a. auch einen Penner, der von "Scheiß-Deutschen" keinen müden Rappen annimmt und einen Geschäftsmann, der die Demokratie ablehnt - sie führe zu einer "Diktatur des Durchschnitts". Es liest sich flüssig, wie Eisert in teuren Hotelzimmern übernachtet, sündhaft teure Frühstücksbrötchen isst oder sich über den in Schweizer Bädern montierten, drehbaren Duschkopf KWC Fit Chromline L1100 amüsiert. Typisch fürs Buch ist auch der Bericht über die Alpenfestung "Reduit", die laut Eisert fast ein Viertel des Landes unterkellert und deren Eingänge teils als Kuhstall oder Waldhütte getarnt sind. Der Satriker trifft jemanden, der solch einen Bunker kaufte. Für solche Leute gibt es vor Ort sogar eine eigene Bezeichnung: "Bünkeler".

Von Jens Rümmler

Artikel empfehlen

Artikel kommentieren

Seite empfehlen

Nachricht an die Redaktion

Druckversion

Lesen Sie auch...

Artikel kommentieren   Lesezeichen setzen   Nachricht an die Redaktion   Druckversion

Regionalnavigator

Landkreiskarte Brandenburg Ostprignitz-Ruppin Potsdam-Mittelmark Brandenburg/Havel
MOZ

Ort, PLZ oder Redaktion