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06.07.2017 14:47 Uhr

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Helge Schneider: Die "singende Herrentorte" blödelt wieder

Frankfurt (Oder) (Mäso) Viele kennen ihn von seinen Klamaukfilmen, dem "Katzeklo"-Song und diversen Blödel-Liedern. Dabei zählt der Essener zu den wohl besten Instrumentalisten des Landes: Die Rede ist von Helge Schneider, der u.a. Saxophon, Gitarre, Geige, Flöte und Trompete spielt. Noten lesen kann er eigenen Aussagen nach zwar kaum, dennoch gilt er auf vielen Instrumenten als Virtuose. Schneider, der nicht nur sein Publikum, sondern gern auch sich selbst verschaukelt, ist daneben Buchautor, Schauspieler, Regisseur und Entertainer. Er dürfte nicht nur der am meisten unterschätzte Künstler Deutschlands sein, sondern auch sein schrägster Komiker.

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Helge Schneider gilt als der wohl schrägste Humorist Deutschlands.

© promo

Am 14. Juli 2017 will er in seinem Programm "240 Jahre singende Herrentorte" in der Berliner Waldbühne einige seiner Talente unter Beweis stellen. Einen konkreten Plan habe er für seinen Auftritt aber noch nicht.

Dies sei ja sein Erfolgsgeheimnis, flachst der frühere Tierpfleger, Polsterer und Gärtner im Gespräch. Improvisieren sei vielleicht sein größtes Talent. Er wisse nie, wie sein Auftritt endet: "Ich glaube, die Leute mögen das. Und für mich ist diese Freiheit beim Konzert wichtig. So wird es von vornherein ein schöner freier Abend - fernab von Zwängen." Comedy-Shows meide er dagegen. Geplante bzw. gespielte Witze sind nicht sein Ding. "Eine Ausnahme war Harald Schmidt, ein ernstzunehmender Mann, eine Autorität", findet Helge, der sich selbst seit Jahren als "singende Herrentorte" bezeichnet.

Wie er auf den Titel der neuen Show "240 Jahre singende Herrentorte" kam? Ganz einfach: "Was die wenigsten wissen: Bereits 1777 wurde der erste Helge Schneider geboren", grinst der Westfale. Er betreibe Ahnenforschung, seitdem er auf seinem Dachboden einen Mikro-Chip aus Holz fand - mit Informationen über seine Vorfahren, aber auch mit Stücken von Beethoven. "Mein Problem ist nur, dass ich kaum Noten lesen kann", kalauert der in Mühlheim an der Ruhr geborene Komiker in einer Tour. Was man von Schneiders Geschichten ernst nehmen kann und was nicht, darf jeder ganz individuell entscheiden.

Durchaus glaubwürdig und ernsthaft wirkt im Gespräch dagegen sein Lob für die Parkbühne Weißensee. "Die finde ich sehr gut. Die Bühne liegt leider an einem Wohngebiet, weshalb man dort nicht zu lange und zu laut spielen darf." So sei er halt auf die Waldbühne ausgewichen, seufzt der Barde. Es folgt ein süffisantes Grinsen. Sein Publikum unterscheide er im Übrigen nicht nach Ost und West, Nord oder Süd, sagt Helge Schneider auf Nachfrage. Seine Fans seien so und so sehr speziell.

Nerven würde ihn allerdings zunehmend das Filmen per Handy in den ersten Konzertreihen. "Die denken echt, ich merke das nicht. Ein paar Mal musste ich schon ermahnen: Schluss jetzt damit." Er habe die Bühne deshalb auch schon mal kurzzeitig verlassen. Nur Fans, die mit ihm Selfies (gemeinsame Handy-Fotos) knipsen wollen, gingen ihm noch mehr auf den Zeiger. "Das geht mir wirklich auf den Wecker!" Dass diese neuartige Form von Fan-Pflege heutzutage offenbar dazugehört, will der 61-Jährige nicht gelten lassen.

Auf das große Sommer Open Air in Berlin freue er sich dagegen. "1974 trat ich das erste Mal in der "Eierschale" im damaligen Westberlin auf", erinnert sich der Künstler. Nach drei Stücken habe er aber abgebrochen. Die Chemie zwischen ihm und den Besuchern stimmte nicht so recht. In der Waldbühne spielt Schneider nach 18 Jahren zum zweiten Mal. "Ich hatte mir eigentlich überlegt, diesmal ohne Band aufzutreten. Vielleicht auch ohne Instrument." Das verstärke die Diskrepanz zwischen der Zuschauermenge und ihm selbst. Diesen Plan verwarf er aber wieder. Warum, fällt Helge Schneider gerade nicht ein.

Der eigenwilligen westdeutschen Ulknudel Privates zu entlocken ist schwer. Schneider lebte laut Medienberichten mit unterschiedlichen Partnerinnen und hat laut Wikipedia sechs Kinder von vier Frauen. Da wechselt der Künstler lieber schnell das Thema. Große Tourneen will er zukünftig nicht mehr bestreiten, da diese zu sehr an der Gesundheit zehren. Von seiner neuen Jazz-CD werde er in der Waldbühne nichts spielen. Kommentar: "Die CD war so auch gar nicht geplant." Das Berliner Olympiastadion sei ihm für Konzerte zu groß und zu unpersönlich und außerdem benötige er jetzt Wasser. Zum Trinken, nicht zum Waschen.

Ob selbst für Improvisationstalente die Gefahr besteht, sich zu wiederholen? Diese Gefahr gebe es immer: "So wie man sich jedes Mal beim Frühstück mit Brötchen und Ei wiederholt." Womit auch gleich das Thema Sonntagsfrühstück angerissen wäre. Ein festes Ritual gebe es in der Familie nicht. Vor allem müsse beim Morgenmahl Ruhe herrschen. Das sei doch schon viel wert.

Dann geht's zur Pressekonferenz ins Café K. im schicken Westend. "Gibts was Neues", fragt Helge Schneider in die Runde. Die versammelte Journalistenschar, die Hälfte ganz offensichtlich selbst Helge-Fan, lacht sich eins. Einige punkten mit Detailwissen von früheren Auftritten des Komikers in Berlin, andere fragen nach oder amüsieren sich über die spontanen Gags des Humoristen.

Der spielte schon im zarten Alter von fünf Jahren Klavier und mit zwölf Cello. Obwohl Helge Schneider als hochbegabt galt, brach er später die Schule ab und begann eine Lehre zum Bauzeichner. Am Duisburger Konservatorium begann er nach einer Sonderbegabtenprüfung ein Klavierstudium. Sein weiteres Interesse galt jedoch dem Jazz. Seit nun genau 40 Jahren verdient Helge Schneider sein Geld mit Musik und Komik, zuerst ab 1977 mit "Peter Burschs Bröselmaschine".

Legendär wurde 1994 sein Auftritt bei "Wetten dass ... !?", bei dem er seinen Hit "Katzeklo" sang. Es folgten ein Doppelalbum, eine "Goldene Schallplatte", ein Kriminalroman sowie der Kultfilm "Texas - Doc Snyder hält die Welt in Atem". Nach und nach zog sich der Künstler zuletzt jedoch von der großen Bühne zurück, um dem Starkult um seine Person zu entkommen. In seinen Konzerten widmet sich Helge Schneider wieder mehr der Jazzmusik, weniger seinen schrägen Blödel-Nummern, für die ihn seine Fans aber lieben. Sein zweiter Film "00 Schneider - Jagd auf Nihil Baxter" lief ebenfalls sehr erfolgreich im Kino.

Jens Rümmler

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