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06.07.2017 15:03 Uhr

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Schräge Vögel aus London

Frankfurt (Oder) (Mäso) Wer "The Tiger Lillies" nicht kennt, der könnte im britischen Trio eine total ausgeflippte und abgedrehte Band sehen. In ihren Konzerten kommen die Musiker in Clownsmasken und mit einer melancholisch-theatralischen Bühnenshow daher. Doch dieser erste Eindruck täuscht. Denn hinter jeder Menge dunklem britischen Humor verbirgt sich u.a. ein ausgefeiltes Brecht-Weill-Programm, in dem die "Lillies" Klassiker des Dramatiker-Komponisten-Duos mal ganz anders interpretieren. Viele sehen in den Londonern gar die "Urväter des Brechtschen Punk-Cabarets". Es ist ein Mix, den es weltweit nur einmal gibt.

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Martyn Jacques (vorn links) gründete vor 28 Jahren die Tiger Lillies.

© promo

Am 15. Juli gastiert die Gruppe um Frontmann Martyn Jacques erstmals im Berliner Admiralspalast. Es ist eins der wenigen Konzerte, das die schrille Formation in diesem Jahr in Deutschland gibt. Ansonsten tourt die Combo u.a. durch Norwegen, Litauen, Australien und die Türkei. "Einen Auftritt auf Sylt gibt's aber auch", betont Martyn Jacques. Wir sprachen mit ihm über die skurrile Show und natürlich über sein Sonntagsfrühstück.

Das Morgenmahl fällt bei ihm "ausgesprochen britisch" aus, wie er schmunzelnd erklärt. Dazu gehören beim Künstler u.a. Speck, Eier, Würstchen und auch mal gebackene Bohnen. "Ja, ich mag es wirklich britisch. An deutsches Frühstück möchte mich nicht so recht anpassen." Salat auf einem Frühstücksteller sei für ihn eher eine Herausforderung. Grünzeug und Gemüse komme ihm nicht auf den Tisch. Das klingt beinahe so, als hätte Jacques etwas falsche Vorstellungen von deutschen Frühstücksgewohnheiten. Zu Hobby und Familie kann er nicht so viel sagen: Sein Hobby, die Musik, habe er schließlich vor fast 30 Jahren zum Beruf gemacht. Kinder hat er keine.

Apropos: Angefangen hat alles einmal mit einer Zeitungsanzeige, die Sänger Jacques Ende der 80er Jahre in England aufgab. Ganze zwei Musiker meldeten sich: Adrian Huge, der spätere Schlagzeuger der "The Tiger Lillies" sowie Bassist Phil Butcher. Eine unvergleichliche neue Band war geboren. Seitdem feiert die Combo, die heute in anderer Besetzung spielt, auf dem ganzen Globus Triumphe. Heraus kamen dabei bislang sage und schreibe 44 CDs, darunter auch Doppelalben, sowie fünf DVDs und drei Bücher. Mit ihrer Mischung aus Cabaret-Sounds der Goldenen Zwanziger, anarchischer Oper und Gypsy-Musik schufen die Interpreten ihren ganz eigenen und unverwechselbaren Stil.

Die schräg-komödiantischen Texte kennen keine Tabus und lassen große Künstler wie Bertolt Brecht und Jacques Brel wieder aufleben. Mit melancholischen Klängen und rabenschwarzem Humor scheinen sie direkt aus dem düsteren Londoner Stadtteil Soho dem Viktorianischen Zeitalters zu entstammen.

Gepaart mit handwerklichem Können und einer ausgefeilten Performance kann man der einzigartigen Kombination aus radikaler Oper, Theater und Varieté nur schwer widerstehen. Im Juli präsentieren die Post-Punk-Pioniere im Admiralspalast Songs des neuen Albums "Cold Night in Soho", ihre literarische Vertonung des Struwwelpeter und die besten "Tiger Lillies"-Songs live.

In Berlin spielte die Gruppe nach den Worten ihres Chefs bereits mehr als zehn Mal, kleinere Zirkusshows der Anfangsjahre nicht mitgerechnet. An der Bundeshauptstadt schätzt Martyn Jacques u.a. die verschiedenen Kieze und Gesichter. Ganz allgemein mag er an Metropolen Kanäle, Märkte und Friedhöfe. Die Antwort auf die Frage nach Brandenburg fällt etwas unpräzise aus. Dem Vernehmen nach kennt der Barde von der Mark nicht so viel. Allgemein mag er den Osten jedoch, wie der Mit-Fünfziger betont: "Besonders kommunistische Wandmalerei und Design." Beim international renommierten Tanzfestival im thüringischen Rudolstadt sei die Band schon aufgetreten.

Auch am 15. Juli widmen sich die "Tiger Lillies" in bester Tradition von Bertold Brecht den düsteren Seiten des Lebens. Das komödiantische und rührende Großstadtpanorama scheint wie geschaffen für den schwarzen Humor und die Agonie der Briten. Döblins "Berlin Alexanderplatz" lässt grüßen.

Mit Berlin hat das Ganze aber letztlich nur bedingt etwas zu tun. "Das Publikum erwartet eine sehr kalte Nacht im roten Licht Sohos der 80er Jahre", sagt Martyn Jacques. Er selbst wurde im Londoner Vorort Slough geboren. Zu seinem Leben vorm Start der "The Tiger Lillies" ist so gut wie nichts zu erfahren. Nur, dass er als junger Mann im Londoner West Ende lebte, gibt er Preis. Ob er tatsächlich obdachlos war und auch mal über einem Bordell wohnte - wie verschiedene Medien berichteten - bleibt unklar. Die künstlerische Arbeit der letzten Jahre würden zumindest dazu passen.

Doch zurück zur Show, die mit dem Aufmarsch der Heilsarmee beginnt. Mal melancholisch, mal aggressiv und so blueslastig wie selten, geht's los. In einem Amüsierbezirk herrschen raue Sitten und ein barscher Ton. Alkohol und Drogen spielen eine Rolle. Abgründe werden teils drastisch dargestellt. Vor allem eins ist greifbar: Gefühlskälte.

Martyn Jacques selbst sitzt am Flügel und spielt Akkordeon. Dazu kommen u.a. Schlagzeug, Kontrabass und Theremin (bei dem mit Händen in einem elektromagnetischen Feld Töne erzeugt werden). Mit letzterem Instrument schaffen die Musiker u.a. Klänge einer verfremdeten Polizeisirene. Auf die Idee muss man erst einmal kommen.

Die Konzertshow schwankt ständig zwischen Party und Abgrund. Der teils pantomimische Einsatz der geschminkten Gesichter unterstützt Gesang und Schauspiel. Wie Martyn Jacques dazu die Augen rollen lässt, ist einzigartig. Für den Künstler selbst ist das alles halb so wild, wie er sagt. Eine gewisse Anspannung spüre er aber nach wie vor, um so näher der Auftritt rückt. Routine sei hingegen das Auftragen des Make ups vorm Konzert. "Dafür benötige ich um die 20 Minuten."

Auf Bertold Brecht und Kurt Weill kam Jacques, nachdem ihm seine Nachbarin von der "Dreigroschenoper" berichtete. "Das hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen." Das Theaterstück, das 1928 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm (heute Berliner Ensemble) uraufgeführt wurde, spielt bekanntlich in Londons Soho. Brecht und Weil prägen das Schaffen der "The Tiger Lillies" bis heute.

Jens Rümmler

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