Das Nachrichtenportal für Brandenburg

Hier staunen Sie Bauklötzer!

Dieter Schäfer in seinem Element - beim Bau einer Burg
Dieter Schäfer in seinem Element - beim Bau einer Burg © Foto: Jens Rümmler
27.07.2017, 12:54 Uhr
Berlin () Zuerst läuft Dieter Schäfer am "Haus des Lehrers", dann an der Kongresshalle am Alexanderplatz vorbei. Später kommen eine Spandauer Kirche und Grunewaldturm ins Blickfeld. "Und schauen Sie hier: Die Friedrichswerdersche Kirche." Dieter Schäfer erklärt die Bauten, kennt viele Details aus deren Historie. Der Berliner ist allerdings kein Stadtführer, sondern Fan von ANKER-Bausteinen. Seit Jahrzehnten spielt er damit und war so schon "Architekt" vom Brandenburger Tor und anderen altdeutschen Stadttoren.

Da staunt mancher Bauklötzer! Denn was Besucher in der Privatschau des früheren Drogisten an der Pichelsdorfer Straße in Berlin sehen, ist kein x-beliebiges Spielzeug. "Es handelt sich um original erhaltene ANKER-Steinbaukästen, die erstmals um 1880 im thüringischen Rudolstadt gefertigt wurden", erklärt Dieter Schäfer. Schon vor dem Ersten Weltkrieg sei ANKER ein international gefragtes Markenspielzeug gewesen, so der 79-Jährige. Die ANKER-Steinbaukasten-Freunde, deren Chef Schäfer ist, wollen dieses Kulturgut bewahren. "Mein Vater vermachte mir vor 65 Jahren drei Kästen. Seitdem spiele ich mit den Steinen aus Quarzsand, Kreide und Leinölfirnis. Auf Trödelmärkten erstand ich hunderte weitere Kästen." Oft kämen auch Erben zu ihm, die mit dem alten Spielzeug Verstorbener nichts anfangen könnten.

Rund 1200 ANKER-Steintypen gab es einst. 600 davon beherbergt Schäfers beeindruckende Privatschau in der Spandauer Wilhelmstadt. Insgesamt katalogisierte er um die 175000 Steine aus ca. 500 historischen Spielkästen. Mit einer Anleitung können jeweils vorgegebene bekannte Monumente oder Fantasie-Gebäude errichten werden.

Die Idee stammt von den Brüdern Otto und Gustav Lilienthal, den Pionieren der Luftfahrt. Ihnen gelang es jedoch nicht, die Geschäftsidee gewinnträchtig zu vermarkten. Für 1000 Goldmark verkauften sie laut Dieter Schäfer einst die Rechte an den Unternehmer Friedrich Richter, der damit einen internationalen Erfolg landete. Mit dem Inhalt von ANKER-Steinbaukästen spielen bis heute Freaks aus der ganzen Welt, darunter in den USA und in Chile. "Eine ANKER-Hochburg ist Holland", betont Schäfers Spielkameradin Gertrud Linke. Sogar in Eisenhüttenstadt gebe es einen "Spielfreund" ergänzt Dieter Schäfer.

Wesentlich für den Erfolg der ANKER-Steinbaukästen war die Entwicklung eines Ergänzungssystems. Die Grundkästen, die sich auch Familien mit kleinem Einkommen leisten konnten, ließen sich durch zusätzliche Ergänzungskästen aufstocken. Allen Kästen lagen genaue "Baupläne" bei. Diese orientierten sich anfangs an der Stilepoche der Gründerzeit. Später folgten weitere Baustile, die die tatsächliche Architektur jener Zeit wiederspiegelte.

Dann führt Dieter Schäfer durch sein Reich: Kirchen und Bergfriede zeigt der gebürtige Spandauer. Aber auch Mühlen, Bahnhöfe und Leuchttürme sind seinen Worten nach "ankerfähig". Eine Herausforderung sei einst der "Nachbau" des Spandauer Rathauses gewesen. "Da verbaute ich um die 11000 Steine." Das Gebilde habe eine Bauhöhe von etwa 1,30 Meter erreicht. Ziel sei stets, einen möglichst hohen Wiedererkennungswert mit den originalen Gebäuden zu erreichen. "Unsere Bauwerke halten allein durch das Gewicht der Steine. Hier wird nicht gesteckt oder geklebt. Eine gute Statik ist wichtig - wie beim richtigen Mauern", erläutert der rüstige Rentner. Letztlich spiele er aber einfach gern und vergesse ein paar Stunden die Welt um sich herum. "Jeder hat so seinen Spleen und ich halt den meinen", schmunzelt er.

Nur etwas hatten die Spielfreunde vor ihrem Ausstellungsumzug 2016 vom Gotischen Haus nicht auf der Rechnung: die stark befahrene Pichelsdorfer Straße. Die durch PKWs erzeugten Vibrationen brachten schon so manchen Bau ins Wanken. Schäfer hätte es wissen können: "Ich wurde in diesem Haus, unserem heutigen Spiel-Domizil, vor fast 80 Jahren geboren", lächelt der Rentner. So müssten die Spielzeug-Gebäude regelmäßig ausgebessert werden. Zu "Einstürzen" komme es in der Regel aber nicht.

Dass es historisches Spielzeug heute schwer hat, davon können die Steinbaukasten-Freunde ein Lied singen. Vieles scheint aus der Zeit gefallen, manches geriet einfach in Vergessenheit. "In Zeiten von Computer und Internet wollen wir dennoch an dieses Geschichte erinnern", sagt Dieter Schäfer. ANKER-Steine seien ein pädagogisch wertvolles Spielzeug, das bei Kindern Motorik und Kreativität fördere. Immer mehr Kita-Gruppen oder Schulklassen kommen dienstags zu "Spieltagen" oder lassen sich das Funktionsprinzip erklären. In Rudolstadt gibt es sogar wieder eine Manufaktur, die ANKER-Bausteine produziert. Noch bis 1963 wurden hier Bauklötzer gefertigt - beispielsweise zum Nachbauen der Ostberliner Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee).

Heute erwartet Besucher in der Pichelsdorfer Straße 86 eine der bundesweit umfangreichsten Sammlungen von ANKER-Steinbaukästen. Hier wird u.a. über Bestand und Geschichte dieses Spielzeugs informiert. Wer mag, kann vor Ort mit den Steinen spielen. "Für Klein und Groß bieten wir die Möglichkeit, selbst Erfahrungen beim Bauen und Konstruieren mit ANKER-Steinen zu sammeln", so Dieter Schäfer.

Dessen eigene Familie rümpft dagegen die Nase, wenn er von seinen Bausteinen schwärmt. Wer ihn in Sachen ANKER-Bausteine mal beerben könnte, sei völlig ungewiss. Weder Sohn noch Enkelkind interessiere sein Hobby sonderlich. Seit Jahrzehnten höre er nur: "Lasst ihn doch spielen. Wenn's ihm gefällt." Dann sei er wenigstens beschäftigt, gibt Schäfer den O-Ton naher Angehöriger wieder.

Kommentare

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2017 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG