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24.08.2017 12:43 Uhr

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Eve Büchner ist der Schrecken der Airlines

Potsdam (Mäso) Stundenlange Verspätungen, Anschlussflug verpasst oder wieder mal ein Streik der Piloten. Fast jeder Passagier hatte auf Airports dieser Welt schon mal solchen Ärger. Auch die Vielfliegerin Eve Büchner aus Potsdam kann davon ein Lied singen. Hochschwanger verpasste sie mal den Anschlussflug nach San Francisco. Vor Jahren hing sie sechs Stunden auf Sardinien fest. "Damals gab es lediglich Coupons für einen Kaffee", erinnert sich die alleinerziehende dreifache Mutter.

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Taffe Geschäftsfrau: Eve Büchner, Chefin mehrerer Firmen und dreifache Mutter lebt in Potsdam, Palo Alto (Kalifornien) und Florida.

© promo

Das Malheur wollte sie nicht hinnehmen und wälzte die EU-Verordnung, die ihr eine Entschädigung zusichert. Nach einem Jahr gab sie entnervt auf, das Kalkül vieler Fluggesellschaften. Doch eine Geschäftsidee wurde geboren: Seit 2012 treibt Eve Büchner mit ihrer Firma refund.me (www.refund.me / "Zahl es mir zurück") bei unpünktlichen und ausgefallenen Flügen für ihre Kunden Geld ein. Fällig sind zwischen 250 und 600 Euro, je nach Verspätung (ab drei Stunden) und Entfernung.

Die EU-Verordnung Nr. 261/04 regelt die Zahlung eindeutig. "Doch die meisten Reisenden kennen das 25-Seiten-Papier gar nicht. Auch bei Annullierung und Überbuchung besteht Anspruch. Unsere Erfolgsquote liegt bei 98 Prozent", erklärt Eve Büchner. Für die Strecke Berlin - Mailand gebe es beispielsweise 250 Euro, für Berlin - Palma 400 Euro. Für den Flug von der Hauptstadt nach Florida würden 600 Euro fällig - pro Ticket, versteht sich. Von der Entschädigung behält refund.me 15 Prozent, landet der Fall vor Gericht 25 Prozent. Bislang sammelte die gebürtige Finsterwalderin weltweit mehrere Millionen Euro für hunderttausende Kunden ein. 2017 will die taffe Unternehmerin erstmals schwarze Zahlen schreiben.

Wie refund.me funktioniert? "Eigentlich ganz simpel. Kunden gehen auf unsere Internetseite oder nutzen unsere Smartphone-App. Nach Eingabe der Flugnummer prüft unser System blitzschnell, ob Anspruch auf Entschädigung besteht. Ist das der Fall, kommt von uns per E-Mail eine Vollmacht", erklärt die studierte Journalistin und Betriebswirtin das Prozedere. Die Software habe sie mit IT-Experten aus den USA entwickelt. Der komplette Ablauf - von der Anfrage bis zur Zahlung - werde zu 95 Prozent online abgewickelt.

Spitzenreiter bei den "Entschädigern" seien Billigairlines, informiert Sandra Rosenberg von refund.me. "Wegen sehr eng getakteter Flugpläne und knapp bemessenen Zeiten zwischen Anschlussflügen sind sie besonders anfällig für Unregelmäßigkeiten", so Sandra Rosenberg. "Fluglinien, gegen die 2016 die meisten Ausgleichsansprüche wegen Verspätungen entstanden, waren Ryanair (Platz 1), Vueling und Air Berlin", ergänzt Eve Büchner. "Billigairlines wie Ryanair führen unsere Statistik deshalb an, weil sie zunächst versuchen, Passagiere nicht fair und den Rechtsvorschriften entsprechend zu entschädigen", so Büchner. Sie sieht in zuständigen deutschen Bundesministerien akuten Handlungsbedarf: "Es kann nicht sein, dass Fluglinien, die gegen geltendes Recht verstoßen, Landerechte in Deutschland bekommen. Hier sind Verkehrsminister Dobrindt und Verbraucherschutzminister Maas gefordert, einzuschreiten."

Eve Büchner sagt das recht unaufgeregt. Die Atmosphäre in den Büros direkt am Potsdamer Bassinplatz wirkt ohnehin ganz entspannt. Draußen ist gerade Markttag. Eine Kollegin bringt Käsekuchen aus Teltow, eine andere schwärmt von "Rostocker Rahmbutter". Im Sommer und an Feiertagen scheint sich allerdings die halbe Welt im Holländischen Viertel gleich um die Ecke zu treffen, schmunzelt Eve Büchner. Die frühere Moderatorin bei MDR und n-tv wohnt mit ihren drei Söhnen nicht weit entfernt in der Berliner Vorstadt. Zum Haushalt gehören auch Tiere, darunter vier Hühner und ein Hahn. Es scheint der Kontrast zum manchmal hektischen Arbeitsalltag zu sein.

In der Berliner Vorstadt steigt auch meist ihr Sonntagsfrühstück: Einer der Söhne bringe vom Bäcker Schrippen und Brötchen, darunter immer fünf Schoko-Croissants. Darauf gibt es u.a. selbstgemachte Pfirsichmarmelade und Manuka-Honig aus Neuseeland. Eve Büchner trinkt dazu gern Zistrosentee, wie sie betont.

Rund 50 Mitarbeiter sind mittlerweile weltweit für die Firma aktiv. "Diese Dezentralität hat sich bewährt. Unsere Teams stimmen sich per Mail, Skype und Telefon ab." Alle Fäden laufen am Potsdamer Bassinplatz zusammen.

Eve Büchner springt manchmal zwischen den Themen hin und her. Englisch ist dabei fest in ihrem Deutsch-Sprachschatz verankert. Die 42-Jährige lebt privat in drei Welten: in Potsdam, Palo Alto (Kalifornien) und Florida.

Eher am Rand erwähnt die Märkerin, dass sie Chefin von drei weiteren Unternehmen ist. U.a. unterstützt sie Firmen mit innovativen Geschäftsideen, so genannte "Start-ups". Wie sie dieses Pensum bewältigt? "Das ist alles eine Frage der Organisation. Trotz der oft aufreibenden Jobs sind mir meine Jungs natürlich das Wichtigste. Von 16 bis 21 Uhr widme ich mich ihnen voll und ganz. Danach geht's wieder an die Arbeit, oft auch in Nachtschichten."

Dennoch: Auf der Couch lümmeln und entspannt ein Buch lesen würde sie gern mal wieder. Den stetig anwachsenden Stapel ungelesener Zeitungen arbeite sie meist Kaffee schlürfend von Zeit zu Zeit ab.

Aufgewachsen ist Eve Büchner bei Finsterwalde. Hier leben auch ihre Eltern, die sie so oft wie möglich besucht. "Natürlich sind wir auch zu Weihnachten hier. Diese Tradition ist mir wichtig." Im Sommer schippert die Potsdamerin dagegen mit Kind und Kegel auf dem eigenen Kahn über die Havelseen.

Als Reporterin habe sie einst Probleme aufgezeigt und über deren Lösung berichtet. "Heute will ich nicht nur berichten, sondern Dinge selbst verändern, getreu dem Motto meiner Oma: Man muss versuchen, die Welt etwas besser zu machen." Ihr Erfolgsgeheimnis sei nicht allein Innovationskraft oder die eigene Power, sondern sich aus Deutschland "rauszudenken". Das ist auch eine Anspielung auf übertriebene Reglementierung, Bürokratie und eher traditionelles Denken.

In Klischees will sich Eve Büchner nicht pressen lassen. "Ich wollte immer meinen eigenen Weg gehen und das habe ich auch geschafft." Mitten in diesen Satz hinein spricht eine automatische Computerstimme: "Es ist 12 Uhr." Eine Frühstücksstunde mit Eve Büchner verging wie im Flug. Apropos Flug: Eve Büchner muss los - zum Flughafen Tegel. Einen Billigflieger habe sie jedoch nicht gebucht.

Jens Rümmler

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