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"Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst ..."

Jens Rümmler / 02.10.2017, 16:55 Uhr
Frankfurt (Oder) (Mäso) Fernsehtalker, Zeitungskolumnist, Radio-Kommentator und Buchautor: Für Hajo Schumacher könnte mancher Tag gern 30 Stunden haben. Dazu kommen Charity-Veranstaltungen und die Mitgliedschaft in etlichen Medien-Jurys. Oft laufen TV-Sendungen mit dem studierten Politikwissenschaftler zeitgleich auf verschiedenen Kanälen. Dann müssen Fans des meinungsfreudigen Star-Reporters schon mal hin- und her zappen. Manche kennen ihn auch nur unter seinem Pseudonym Achim Achilles, unter dem er Vorreiter der Laufbewegung in Deutschland war und das Sportgeschehen per Buch und Zeitungsartikel bis heute begleitet.

Ach ja, Vater ist Hajo Schumacher, übrigens Träger eines Doktortitels, auch - und da kommen wir nochmal aufs Thema Bücherschreiben zurück. Denn gerade sorgt sein Sachbuch und Ratgeber "Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst ..." (Eichborn Verlag) bundesweit für Aufsehen. In herzerfrischender Weise beschreibt der Autor sein aufregendes Leben zwischen Polit-Diskussionen und heimischem Küchentisch sowie den Spagat zwischen Kumpel und Autoritätsperson für seine beiden Söhne Hans (11) und Karl (22). Mit anderen Worten: Es geht um den ganz normalen Wahnsinn, den wohl jeder Vater durchlebt und durchleidet.

Wir wollten bei einem "Sonntagsfrühstück" genauer wissen, um was es dem gebürtigen Münsteraner in Erziehungsfragen geht und wie er lebt. Privat ist bislang relativ wenig über Schumacher bekannt. Zu Hause sei seine Frau "die Chefin", wie der frühere "Spiegel"-Redakteur gleich zu Beginn betont. Gerade habe sie Psychologie studiert. Die meisten ihrer Kommilitonen hätten die eigenen Kinder sein können, ist zu erfahren.

Die Idee zum neuen Buch existiert im Grunde genommen seit der Geburt des ersten Sohnes, so der Autor. "Der Wechsel in die Vaterrolle bedeutet ja einen fundamentalen Wandel im Leben: Zeit, Kontostand, Verantwortung, Emotionen, Partnerschaft - alles verändert sich blitzartig und dauerhaft. Da ich meine Sorgen, Probleme, Freuden, eben alle Erlebnisse am liebsten durchs Schreiben bewältige, entstand dieses Buch nahezu automatisch", erklärt der Wahl-Berliner. Die ersten Reaktionen zeigen, dass er mit seinen widersprüchlichen Empfindungen nicht allein auf dieser Welt ist. "So helfe ich mir und anderen. Das fühlt sich gut an."

Die Grundlage fürs Buch bildeten seine Kolumnen für Berliner Morgenpost und Hamburger Abendblatt, die er völlig neu zusammenstellte und mit vielen ergänzenden Textteilen versah. Er habe sich keinesfalls einfach nur etwas von der Seele geschrieben, wie er sagt. "Im Gegenteil. Therapeutisches Schreiben erfordert den Mut, in die eigenen Abgründe zu blicken, die eigenen Ansprüche ehrlich zu betrachten und sich das gelegentliche Scheitern einzugestehen. Oft wird das Vatersein ja als totale Erfüllung dargestellt, als ständiges Glück. Quatsch. Es ist eine große Aufgabe, die auch so manche Erlebnisse aus der eigenen Kindheit wieder ans Licht zerrt, die Konflikte mit den eigenen Eltern und natürlich das Vorhaben, alles besser zu machen", so Hajo Schumacher über seine ganz persönlichen Erfahrungen. Spätestens nach der dritten durchwachten Nacht wegen Erziehungssorgen habe er begonnen, mit seinen Eltern Frieden zu schließen.

Apropos Eltern: Was macht der gefragte Medienmann anders, als früher Mutter und Vater und wie haben sich die Zeiten geändert? Schumacher überlegt nur kurz. Dann sprudelt es aus ihm heraus: "Mein Kindheit war okay, aber recht bescheiden: Wir hatten kein Auto, eher enge Behausungen, keine tollen Urlaube, wenig teure Klamotten. Die Anschaffung eines Farbfernsehers war ein Mega-Ereignis. Ich fand das als Kind manchmal doof. Heute merke ich, das alles da war, was ich als Kind brauchte. Meine Söhne wachsen in anderen Zeiten auf, im permanenten Überfluss, ob es die digitale Welt ist, der allgegenwärtige Konsum, der Wettbewerb der Eltern untereinander, die unzähligen Optionen an Berufen, die man lernen kann. Dieser Überfluss schafft neue Probleme. Wie bringt man dem Nachwuchs bei, verantwortungsbewusst auszuwählen, auch mal Nein zu sagen, den Wert von Dingen oder Beziehungen zu wertschätzen." Kinder würden letztlich die Erwachsenen spiegeln. Nach dem Motto: Wenn Vati unbedingt Flachbildschirm und ein dickes Auto braucht, dann halten es Kinder für völlig normal, ihr Leben als permanentes Statusspiel zu begreifen, so der Buchautor. "Mehr, mehr, mehr. Mit dieser Mentalität retten wir die Welt eher nicht!"

Diese Lebensauffassung wird im Hause Schumacher auch gelebt - allerdings weniger beim Sonntagsfrühstück. Denn ein gemeinsames Morgenmahl gebe es in der gemütlichen Schöneberger Altbauwohnung eher selten, da die Familienmitglieder zu unterschiedlichen Zeiten aufstehen. "Der Große ist gern in Klubs unterwegs, ich laufe frühmorgens, der Kleine lümmelt vor dem Fernseher oder guckt Youtube. Deswegen haben wir das gemeinsame Essen am Sonntagabend zum Familienritual erhoben. Egal, ob Frühstück oder Abendessen, Hauptsache, alle um einen Tisch." Versammelt sich die Familie doch zum gemeinsamen Frühstück, dürfen Avocado, Tomate und Feta nicht fehlen. Dazu kommt alles was mit Eiern zu tun hat. "Verbannt haben wir überzuckerte Flakes. Nach anfänglichem Gemaule haben alle kapiert, dass ein frischer Haferbrei mit Obst und Joghurt einfach leckerer ist."

Bei Freizeitaktivitäten genießt Hajo Schumacher den Luxus, Arbeit und Hobbys oft kombinieren zu können: Wenn er beispielsweise joggt und das Erlebte anschließend in Kolumnen verarbeitet. Daneben hört er gern Radio und trifft sich zum Chillen mit Freunden. "Meine Söhne haben mich daran erinnert, wie schön es ist, mit vertrauten Menschen einfach nur abzuhängen. Dafür bin ich den Jungs sehr dankbar." An Berlin liebt er den "sympathischen Irrsinn", an Brandenburg Natur und Idylle. "Es gibt so einen typischen Geruch von Wald und Sandboden, den findet man nur in Brandenburg."

Zuletzt hat er diesen Duft jedoch nicht so häufig wahrgenommen - weil so viel zu tun war. Hajo Schumacher schreibt nicht nur für Zeitungen, er kommentiert das politische Geschehen u.a. für RTL, N24 und WDR. Im rbb ist er Dauergast der Polit-Talkrunde "Thadeusz und die Beobachter". Der 53-Jährige ist u.a. Mitautor der Autobiographien von Roland Koch und Klaus Wowereit. Er bringt es auf bislang 18 Bücher!

Auf die letzte Frage, ob er nicht ein paar Arbeitsfelder aufgeben und dafür mehr freie Zeit genießen könne, kommt die Antwort kurz und bündig: "Jetzt klingen Sie wie meine Frau beim Sonntagfrühstück."

Jens Rümmler

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