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Ein Mutmacher radelt um die Welt

Christiane Flechtner / 02.10.2017, 17:45 Uhr
Berlin (Mäso) Das Gehen fällt ihm schwer, und auch das räumliche Sehen ist ihm abhanden gekommen. Seit ein Gehirntumor ein Teil von ihm ist, hat sich das Leben von Sven Marx grundlegend verändert. Auf eine Operation und die teilweise Entfernung des Gehirns folgten drei Monate Intensivstation mit halbseitiger Lähmung, künstlicher Ernährung und Beatmung. Danach standen drei Monate Reha auf dem Programm. Der einst so reiselustige Berliner war komplett ausgebremst und musste wieder essen, sitzen und gehen lernen. Doch all das hat ihn nicht schwächer, sondern stärker gemacht. Und auch wenn Marx nun heute mit vielen Behinderungen zu kämpfen hat, ist Reisen nach wie vor seine große Leidenschaft.

Am 23. April hat sich der engagierte Mann nun vom Brandenburger Tor aus auf die Reise seines Lebens gemacht: Unter dem Motto "Inklusion braucht Aktion" will er in den nächsten 18 Monaten auf seinem Fahrrad rund 29.000 Kilometer durch alle Kontinente zurücklegen - und transportiert dabei eine Fackel: die Inklusionsfackel des großen Netzwerks "Inklusion für Deutschland" als Zeichen für die Gleichstellung von Behinderten.

Marx hat als Tauchlehrer in Ägypten gearbeitet und ist in seinem Leben schon immer viel gereist. Und er liebte es, mit dem Motorrad unterwegs zu sein. All das kann er heute nicht mehr tun. "Aber es hilft niemanden, seinem alten Leben nachzutrauern", sagt er. Und während das Laufen ihm große Probleme bereitet, hat er das Radfahren für sich als gute Art der Fortbewegung entdeckt.

"Ich habe 2012 nach meiner Hirnoperation geschworen, dass ich mir eine Weltreise spendiere, wenn ich das Alter von 50 Jahren erreiche. Und in ein paar Wochen ist nun soweit", erklärte er am Start seiner Reise. Und so machte sich Marx per Drahtesel von Berlin über Strausberg durch das östliche Brandenburg in Richtung Danzig auf den Weg. Seine geplante Route führt über Polen, Litauen, Lettland, Estland, Finnland, Russland, Japan, Vietnam, Laos, Thailand, Malaysia, Singapur, Australien, Neuseeland, USA, Kuba, Marokko, Portugal, Spanien, Frankreich, England und Holland zurück nach Berlin. Übernachten wird er meist im Zelt - um Geld zu sparen.

Der Anfang war allerdings holprig und ungemütlich: Nach einer grandiosen Veranstaltung am Brandenburger Tor und einer Runde um die Siegessäule verabschiedete sich Marx im Schneeregen und Graupelschauer. Die ersten Nächte im Zelt waren - trotz Zwiebeltechnik der Kleidung - bitterkalt. Auch die Wege waren löchrig und schlecht. "Solche Wege strengen mich sehr an, meine Augen funktionieren ja nicht mehr so toll und ich bin immer sehr angespannt, um schnell abspringen zu können", sagt er. Doch der Globetrotter biss sich durch: Nur mit seiner eigenen Körperkraft kämpfte er sich durch Polen, Litauen, Lettland und Estland.

Drei Wochen nach seinem Aufbruch in Berlin ließ er das Rad dann erst einmal stehen. Am 10. Mai schloss er seine Frau Annett in Helsinki in die Arme, denn für seinen 50. hatten die Beiden etwas ganz Besonderes geplant: den besonderen Tag mit Kuchen am Nordkap zu feiern. Allerdings ging es dorthin per Zug und per Auto statt mit dem Rad.

Nach diesem Einschnitt ging es für den nun 50-Jährigen allein weiter - durch Russland. Leider erhielt er nicht das Ein-Jahres-Visum, sondern nur eines für drei Monate. Die Zeit, das riesige Land zu durchradeln, war also knapp. Er trat in die Pedale, Tag für Tag. Ende Mai erreichte Sven Marx den Baikalsee. Zuvor hatten ihm die Berge zu schaffen gemacht. Aber es heißt ja: Wer sein Rad liebt, der schiebt! Und auf der langen und hügeligen Strecke hat der Globetrotter oft geschoben.

Dann ging es weiter: Er ist durch traumhafte Landschaften geradelt und hat sein Zelt in Wäldern und an Seen aufgebaut. Er hat sein Rad auf Sandstraßen geschoben, große Hitze ertragen und musste sich von lästigen Fliegen beißen lassen. Doch die große Gastfreundschaft ließ alle Strapazen schnell vergessen. Fremde Menschen luden ihn zum Essen ein, zeigten ihm den Weg, halfen bei der Überquerung einer gesperrten Brücke. Am Baikalsee lernte er Didi aus Passau mit seinem voll ausgestatteten Toyota kennen. "Er hat mich dann samt Fahrrad in den ersten Juniwochen durch die Mongolei mitgenommen und mir so - wegen des eingeschränkten Visums - zeitlich aus der Patsche geholfen", erklärt der Globetrotter.

Dann war nach rund 11.000 Kilometern Wladiwostok erreicht, und der Plan war, schon bald mit der Fähre nach Japan überzusetzen. Dies geschah dann am 20. Juli. Mehr als einen Monat verbrachte der Globetrotter in diesem Land. Schilder konnte er dort nicht lesen. Und wegen der vielen Hügeln hat er ausreichend Zeit mit Schieben zugebracht. Die nächste Station ist nun Thailand. Dorthin wird er fliegen - samt Fahrrad im Frachtraum der Maschine. "Es ist anstrengend, aber jeder Tag ist ein Geschenk und hält unendlich viele Überraschungen bereit" resümiert er seine Radtour bis jetzt. Fest stehe jedenfalls, dass er nicht aufgeben werde, sondern seine Welttour komplett durchziehen möchte.

Und was er anderen mit auf den Weg geben kann: "Es ist nicht leicht, mit lebensgefährlichen Diagnosen zu leben, aber ich kann nur jedem raten, der eine lebensverändernde Krankheit hat: Gebt auf! Aber nicht Euch, sondern gebt Euer altes Leben so schnell wie möglich auf!"

Weitere Infos und ein Reiseblog von Sven Marx unter www.sven-globetrotter.com.

Christiane Flechtner

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