Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Herzerfrischende Häppchen zum Lachen und Staunen

Jens Rümmler / 02.10.2017, 17:53 Uhr
Berlin (Mäso) In Berlin gilt sie als Lesebühnen-Queen. Vielen ist sie bekannt als Radio-1-Kolumnistin, anderen von ihrem monatlichen Artikel in der taz-Reihe "Immer bereit": Lea Streisand aus Berlin-Pankow

kennt die Hauptstadt wie ihre Westentasche - wenn sie denn eine solche hätte, lacht die sympathische Autorin. Die veröffentlichte jetzt zwei Bücher zeitgleich: "War schön jewesen", ein Buch mit frecher Schreibe und Berliner Schnauze, das dennoch hintergründige Fragen aufwirft. Die herzerfrischende Lektüre reicht Lea Streisand in kleinen Häppchen, bestehend aus den besten Radio- und Lesebühnentexten sowie Zeitungsartikeln der Autorin. Doch wer einmal anfängt zu lesen, will alle Häppchen sofort haben und mit dem Lachen und Staunen gar nicht mehr aufhören.

Ähnlich verhält es sich mit Buch Nummero Zwei: "Im Sommer wieder Fahrrad" (beide Ullstein-Verlag), ein humorvoller wie bewegender Roman, in dem die Hauptfigur, eine junge Frau namens Lea, ihr Verhältnis zur eigenen Großmutter, einer Schauspielerin, Regieassistentin und Lebefrau schildert. Lea beschreibt darin u.a., wie sie durch den Weltstadt-Wahnsinn "tobt", bis sie mit Anfang 30 schwer erkrankt. Während ihre Freunde das Leben in vollen Zügen genießen, ringt die Protagonistin zeitweise mit dem Tod. Doch aus der unglaublichen Vita ihrer Oma Ellis schöpft Lea wieder Kraft. Am Ende steht eine (autobiografische) Story zweier starker Frauen - Oma und Enkelin - die den Wirren ihrer Zeit trotzen.

Nach ihrer außergewöhnlichen Großmutter befragt, winkt die Berlinerin ab: "Ich glaube gar nicht, dass Mütterchen so besonders war. Ich glaube, sie war einfach ein Kind ihrer Zeit, eine Frau mit widerständigem Geist, die sich nicht die Butter vom Brot hat nehmen lassen und stets ihrer eigenen Überzeugung gefolgt ist. Besonders waren ihr schöner Humor, ihre Spielfreude und ihre Begabung als Geschichtenerzählerin." Sieht Streisand Parallelen zwischen sich selbst und "Mütterchen": "Das müssen die Leser entscheiden."

Die Idee, zwei Bücher gleichzeitig herauszubringen, sei nicht auf ihrem Mist gewachsen, betont die 37-Jährige: "Kurz nach dem Start meiner Radio Eins-Kolumne "War schön jewesen" im Mai 2014 rief Ullstein an und sagte: "Lea, wir wollen einen Erzählband von dir!" Nachdem ich kurz darauf in der "Hörbar Rust" erzählte, ich hätte einen Roman in der Schublade, klingelte wieder das Telefon und Ullstein rief: "Den wollen wir auch!" Nun habe man halt Zwillinge.

Die Recherche für ihren Roman begann Lea Streisand den eigenen Worten nach bereits vor 20 Jahren. So lange sie auf Lesebühnen auftrete, habe sie auch Geschichten über Mütterchen geschrieben. Das Schreiben ihrer aufsehenerregenden Kolumnen sei wie Kochen. "Zuerst sammle ich die Zutaten für die Geschichten, das mache ich tagtäglich nebenbei. Beim Einkaufen, in der Bahn, am Frühstückstisch. Zuhause lege ich mir die Stücke zurecht, sortiere sie, überlege, was womit zusammen passen würde", lacht die gebürtige Berlinerin. Manche Stücke seien schnell verderblich, weil sie sich auf tagesaktuelle Ereignisse beziehen. Die müssten sofort verarbeitet werden. "Anderes muss in meinem Kopf noch reifen, lagern, manchmal vergessen werden wie in einer Speisekammer."

Stehe ein neuer Studiotermin zum Einsprechen oder ein Veröffentlichungstermin in der Zeitung an, dann folge die Zeit des Kochens. "Dann setze ich mich an den Schreibtisch und schreibe das Zeug nieder, was in meinem Kopf vor sich hin gegart, gesiedet, gebraten und gebacken hat." Wenn die Geschichten fertig sind, müssen sie noch "mindestens eine Nacht auskühlen, dann werden sie angerichtet und präsentiert". Dabei würden die verantwortlichen Redakteure und Redakteurinnen behilflich sein. "Dann ist das Essen fertig. Guten Appetit!"

Lea Streisand ist zwar Berlin-Fan und absoluter Lokalpatriot, aber in ihrem alten Kiez rund ums Bötzowviertel nur noch selten anzutreffen. "Das graue, heruntergekommene und doch bunte Bötzowviertel meiner Kindheit ist heute nicht mehr da. Statt seiner ist etwas Neues entstanden, ein sogenannter Kiez in Pastellfarben für reiche Leute. Mit meiner Kindheit hat das nichts mehr zu tun", seufzt die lebenslustige Frau, die Neuere deutsche Literatur und Skandinavistik studierte.

Zu ihren absoluten Berlin-Highlights zählt Streisand den Berliner Fernsehturm, dem sie sogar schon eine Ode widmete. "Das war ein Auftragswerk", erzählt Streisand. "Ich sollte eine Berlin-Geschichte für eine spezielle Postkarten-Edition verfassen mit der Vorgabe, es solle eine Berliner Sehenswürdigkeit drin vorkommen. Da die einzige Sehenswürdigkeit, die mir wirklich was bedeutet, der Fernsehturm ist, habe ich eine Ode an ihn geschrieben. In neun Strophen. Zur Melodie von Beethovens Neunter."

Kein Wunder, dass sich Lea Streisand mit dem höchsten Bauwerk Deutschlands mittlerweile ganz gut auskennt. War das Wahrzeichen der Hauptstadt bei seiner Fertigstellung 1969 der zweithöchste Fernsehturm der Welt, so gilt er heute als vierthöchstes freistehendes Bauwerk in Europa. Über eine Million Besucher gelangen jährlich per Fahrstuhl in die "Silberkugel". Den Berliner Funkturm im Westteil der Stadt überragt er um schlappe 220 Meter. Neben Brandenburger Tor und Siegessäule ist er DAS Symbol Berlins. In seiner Hauptfunktion dient der denkmalgeschützte Bau aber nach wie vor als Sendestandort diverser Sender für Radio und Fernsehen. Besucher schätzen Aussichtsplattform und Drehrestaurant in etwas mehr als 200 Meter Höhe.

Ihr Sonntagsfrühstück nimmt die Autorin aber nicht im Fernsehturm-Restaurant, sondern an ihrem aktuellen Wohnort im Norden Berlins ein. Wo das genau ist, will sie nicht sagen. Ein guter Kaffee und Obst gehören meist dazu. "Der Sonntagmorgen ist der einzige Morgen in der Woche, an dem mein Mann und ich zusammen frühstücken. Öfter wäre auch nicht gut für unsere Beziehung. Er ist ein schrecklicher Morgenmuffel. Liebe ... Watt willste machen!"

Und Ihr Verhältnis zum Umland? Besonders in der warmen Jahreszeit geht es raus ins Märkische: "Ich liebe Brandenburg mit seinen Wäldern und Feldern und Dörfern und Seen. Als Kind bin ich in jedem Urlaub mindestens einmal ins Wasser gefallen. Besonders der Barnim und die Uckermark haben es mir angetan."

Jens Rümmler

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2017 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG