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Der Hüter des Ost-Schlagers

Kenner der Schlagerszene Ost: Siggi Trzoß
Kenner der Schlagerszene Ost: Siggi Trzoß © Foto: promo
Jens Rümmler / 27.11.2017, 18:39 Uhr
Berlin (Mäso) Sein Nachname ist zwar ein Zungenbrecher, doch seine Mission eindeutig: Die Bewahrung von Schlager-Liedgut Ost. Radiomoderator Siegfried Trzoß spielte und interviewte in seinen Sendungen fast alle Stars, die hierzulande Rang und Namen haben. Von Julia Axen bis Inka Bause, von Frank Schöbel bis Hans-Jürgen Beyer. Buchdrucker, Lehrer, Kinderheimleiter und Bürgermeister von Hoppegarten (Märkisch-Oderland) war er aber auch schon. Doch der umtriebige Entertainer versteht sich nicht nur als Hüter des Ost-Schlagers. Trzoß singt mittlerweile selbst und brachte es auf bislang fünf CDs. Daneben textet er auch für andere Künstler.

Zwar feiert Siggi, wie ihn Freunde und Fans nennen, im August 73. Geburtstag, doch ans Aufhören denkt das Unikum längst nicht: "Im Gegenteil, ich zieh' weiter voll durch", lacht der gebürtige Wollsteiner (heute Polen). Am 2. Juli stieg seine 600. "Kofferradio"-Sendung, die sonst im Bürgerradio "Alex-Berlin" läuft, aber zum Jubiläum im Berliner Kino "Babylon" groß zelebriert wurde.

Erst springt er zwischen den Schlager-Jahrzehnten und Stationen der eigenen Karriere hin und her, dann schwärmt der singende Moderator von Achim Mentzel und Peter Wieland. Im nächsten Moment beklagt der Dampfplauderer, dass er zu Bürgermeister-Zeiten weder Telefon noch Auto hatte. Wer die Materie nicht halbwegs kennt, hat Schwierigkeiten zu folgen.

Sein Sonntagsfrühstück lässt er sich heute an seinem Wohnort in Berlin-Köpenick schmecken. "Sehr gern mache ich mir ein schönes Rührei mit Speck und Zwiebeln." Dazu gibt's einen Kaffee. Hört er mal keine seiner rund 60000 CDs und Schallplatten, geht es in die Sauna oder im Herbst in die Pilze.

Seiner früheren Heimat Brandenburg ist er nach wie vor verbunden. Hier ist Siggi Trzoß für viele Kult. Er holte einst die Stars aufs Dorf und sorgte mit Events - die damals "Volksfest" hießen - für Furore. Beispielsweise in seiner Zeit als Lehrer an der Neuenhagener Einstein-Schule (Märkisch-Oderland). Seine "Klimperkiste", die er nebenberuflich im DDR-Rundfunk moderierte, wurde einmal direkt aus dem Musikraum des Neuenhagener Schulhauses gesendet. "Das war zum "Tag des Lehrers", als sogar Schlagerstar Hartmut Eichler auftrat", erinnert sich der zweifache Vater. Als Chef des Kinderheims im benachbarten Hoppegarten fuhr er mit seinen Schützlingen nicht nur an die Ostsee. "Ich besorgte Karten für Fernsehshows wie "Ein Kessel Buntes". Das war damals schon außergewöhnlich." Auch schwierige Schüler fanden das klasse. "Was ich mache, versuche ich mit Herzblut und Freude anzugehen. Das spürten früher die Schüler und das spüren heute die Schlagerfans."

Als Trzoß 1984 sein Bürgermeisteramt antrat, hielt er zur obligatorischen 1.Mai-Veranstaltung keine linientreue Rede, sondern trug ein Heimatgedicht vor. Danach kurbelte er seinen Worten nach die Kulturarbeit im "Klub der Werktätigen" an. Statt roten Kampfliedern gabs für die Bewohner der Rennbahngemeinde Stars wie Dagmar Frederic, Jürgen Walter oder Peter Albert. Auch den sonntäglichen DDR-Radio-Klassiker "7 bis 10 - Sonntagmorgen in Spree-Athen" holte er durch seine Kontakte nach Hoppegarten. Doch die Zwänge des Amtes bekommt Lebenskünstler Siggi schnell zu spüren. Zuerst, als er mit Staatsgeldern das Kirchendach der Gemeinde reparieren lässt, später, als er dem Rat des Kreises Versorgungsengpässe meldet. Der Ortschef hat bald die Nase voll und wechselt vom Rathaus zum Rundfunk, wo er schon seit langem jobbt. "Ab 1988 hatte ich meine feste Sendung "Oldies aus der Musikbox" auf "Stimme der DDR"."

Angefangen hatte aber alles schon 1960, als Siggi Trzoß dem "Hörerkreis Musik" im Berliner Rundfunk beitrat. "Die eigentliche Initialzündung waren für mich die Funk- und Fernsehtage Ende der 50er Jahre auf der Berliner Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee - d. Red.)", erinnert sich das Multitalent, auch Autor diverser Schlagerbücher. Flair und Künstler auf der Konzertmeile zwischen Alex und Kino Kosmos hätten ihn gleich begeistert. Fortan lief der West-Plattenspieler von Tante Marta aus Berlin-Biesdorf rauf und runter. Aufgewachsen war Trzoß im benachbarten Mahlsdorf. Am 17. April 1963 durfte der Nachwuchs-Moderator, gerade 18-jährig, auf der Berliner Welle seine erste eigene Sendung moderieren. Der Titel: "Sterne am Schlagerhimmel". Beworben hatte er sich aber schon früher. "Die Absage erhielt ich von Hans-Georg Ponesky, der später im Fernsehen mit Shows wie "Spielspaß" und "Alles singt" zu sehen war. Damals war ich ganz schön sauer", erinnert sich Trzoß. Gelernt oder studiert hat er Medienberufe nie. "Ich war und bin Autodidakt, verspürte nie große Lust aufs Studieren." Lediglich ein Fachschulstudium, das zur Ausübung des Lehrerberufs unerlässlich war, blieb ihm nicht erspart.

Doch nach der Wende hat es der Ost-Schlager schwer, was auch der Radiomoderator zu spüren bekommt. Einmal habe er Bärbel Wachholz' Liebeslied "Damals" gespielt, was man ihm als DDR-Verherrlichung auslegte. "Ich wurde nach der Wende vier bezahlte Radiojobs los, weil ich nicht auf unsere Schlager verzichten wollte", seufzt der Senior. Allerdings habe er das nicht auf sich sitzen lassen und Beschwerde eingereicht. Bei wem? Natürlich beim damaligen Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit. Der antwortete Trzoß Angaben nach mit dem Tipp, es beim Bürgerradio "Alex Berlin" zu versuchen. Das war quasi die Geburtsstunde seiner "Kofferradio"-Sendung. "Seit 2002 war sie erst monatlich, später alle 14 Tage und dann wöchentlich zu hören", berichtet der Ex-Bürgermeister.

Was Siggi Trzoß bis heute nervt, ist die seiner Ansicht nach ungleiche Behandlung von Schlagersängern Ost und West. Mit welchem Recht erhalte das "Stimmwunder" Hans-Jürgen Beyer eine Gage von ein paar hundert Euro, mittelklassige West-Kollegen aber das Zehnfache, fragt Trzoß den Reporter. Der weiß es auch nicht. "Unsere Sänger sind so fleißig, liefern gute neue CDs mit tollen Songs. Dagegen tingelt mancher West-Künstler mit einem einzigen Hit jahrzehntelang durch die Lande", erregt sich der Schlagerfan. Und: "Unsere Hörer kennen auch alte West-Stars, aber die Westler nicht unsere Leute."

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