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Original-Dokumente belegen Anabolika-Tests in der Bundesrepublik auf Steuerzahlerkosten / Forscher beklagt Aktenvernichtung

Es ging um Medaillen in München 1972

© Foto: Bundesarchiv Koblenz
Mathias Hausding und Achim Muth / 30.07.2013, 12:30 Uhr - Aktualisiert 30.07.2013, 16:06
Frankfurt (Oder) (MOZ) Anabolika, Insulin, Wachstumshormone - entgegen aller ethischen Bekenntnisse zum Kampf gegen Betrug im Sport hat die Bundesrepublik Dopingforschung finanziert. Das belegen Recherchen von der Märkischer Oderzeitung und der "Main-Post".

Die Spur führt ins Bundesarchiv nach Koblenz. Dort, hoch über dem Rhein, liegt das gesammelte Deutschland in einem Zweckbau aus den 1980er-Jahren, die Magazinfläche beträgt 15 000 Quadratmeter. Hier finden sich auch Briefwechsel zwischen den Freiburger Professoren Herbert Reindell (1908 bis 1990) und Joseph Keul (1932 bis 2000) mit dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp).

Zur BISp-Akte mit der Nummer "VF 1220/13/72" gehört ein Brief der beiden Sportmediziner vom 12. Oktober 1971 an das dem Bundesinnenministerium nachgeordnete Institut. Formlos beantragten sie darin Gelder in Höhe von 218 160 Mark. Der Antrag wurde vom BISp geprüft und um einen Forschungsaufenthalt in Kenia gekürzt. Bereits am 15. Dezember 1971 geht in Freiburg das Antwortschreiben des BISp ein: Fördersumme 139 200 Mark.Und wofür? Im Unterpunkt 5d wird das Vorhaben beschrieben: "Wird durch Anabolika die Leistungsfähigkeit bei Kraftübungen gefördert und in welchem Maße besteht eine Gefährdung durch Einnahme von Anabolika (Fortführung bereits in diesem Jahr begonnener Versuche)."

Die Unterlagen beweisen, dass es Anabolika-Forschungen in Verantwortung der beiden Freiburger Professoren Reindell und Keul schon zum Zeitpunkt der Antragstellung beim BISp gegeben hat. Als Ziel wird formuliert, durch Anabolika die Leistungsfähigkeit bei Kraftübungen zu fördern. Anabole Steroide führen zu einer Vermehrung der Muskelmasse. Die Formulierungen können nicht als Kampf gegen Doping missverstanden werden, sagt Professor Giselher Spitzer, Dopingexperte von der Berliner Humboldt Uni. Für ihn ist das, was in Freiburg geschah, "sportwissenschaftliche Zweckforschung mit Anabolika".

Die Wirkung der anabolen Stoffe war zu jener Zeit längst bekannt. "Wollten die Freiburger vor 40 Jahren etwa die Risiken der Anabolika zum Schutz der Sportler erforschen?", fragt Spitzer und gibt die Antwort selbst: "Eine solche Forschung wäre aus ethischer Sicht verwerflich, zumal der eigene Verband, die Interessenvertretung aller deutschen Sportärzte, bereits 1952 auch die Anabolika gebannt hatte." Nach der Affäre Martin Brustmann, der als Arzt der Olympia-Rudermannschaft den Sportlern das Testosteron enthaltende Mittel Testoviron verabreicht hatte und 1952 suspendiert worden war, definierten die deutschen Sportärzte in einer gemeinsamen Erklärung Doping so: Die Einnahme jedes Medikaments, ob wirksam oder nicht, das zur Leistungssteigerung vor Wettkämpfen dient. Eingeschlossen wurden sämtliche Hormone, "in erster Linie Geschlechtshormone wie die Anabolika".

Funktionäre, Wissenschaftler und Mediziner in den Sportverbänden waren Ende der 60er-Jahre über die Entwicklungen im Anti-Doping-Kampf informiert. 1970 beschloss der Welt-Leichtathletik-Verband die Ächtung der anabolen Steroide, ein Jahr später folgte der deutsche Verband - ein halbes Jahr vor dem Antrag aus Freiburg. "Gerade Professor Reindell hätte für die Spiele in München Anabolika in die Verbotsliste aufnehmen können, da er zur zuständigen IOC-Ärztekommission gehörte", sagt Giselher Spitzer. Dass Reindell dies nicht getan habe, wundert Spitzer nun nicht mehr: "Reindells Antrag an das BISp sollte schließlich die Spiele 1972 vorbereiten - mit Anabolika und Insulin ..."

Im Bundesarchiv gibt es noch weitere Freiburger Anträge an das BISp. 1972 schrieben Reindell und Keul: "Die Versuche über die Einwirkung von Anabolika auf die Leistungsfähigkeit bei Kraftsportlern konnte im Kurzzeitversuch (über 3 Monate) abgeschlossen werden." Weiter heißt es: "Es werden derzeit noch langfristige Untersuchungen durchgeführt, inwieweit durch Anabolika eine Gefährdung gegeben ist. Zusätzlich soll durch Untersuchungen an maximal trainierten Gewichthebern der deutschen Spitzenklasse geprüft werden, ob dabei eine Förderung der Kraft noch möglich ist." Und das alles in der BRD, nicht der DDR, von der das staatliche Zwangsdoping lange dokumentiert ist.

Unverblümt gehen die Sportmediziner aus Freiburg im ersten Punkt ihres neuen Antrags auch auf eine weitere Versuchsreihe ein: Um die Beziehung zwischen starken körperlichen Belastungen und der Erholungsfähigkeit des menschlichen Organismus zu erforschen, griffen Reindell und Keul auf die Vergabe von Insulin und Wachstumshormonen zurück. "Zugleich ist auch die Frage zu klären, ob durch geringe Gaben von Insulin bzw. in Zusammenspiel mit somatropen Hormonen (Wachstumshormone, Anm. d. Red) eine verstärkte Glykogenanreicherung in der Muskulatur erreicht und dadurch eine höhere Dauerleistungsfähigkeit erzielt werden kann. Es ist vorgesehen, 15 Versuchspersonen während einer Dauerbelastung von 2 Stunden im Hinblick auf die obige Fragestellung zu untersuchen", schreiben die seinerzeit führenden BRD-Sportmediziner.

Für Giselher Spitzer wird durch dieses Schriftstück "erstmals überhaupt rekonstruierbar, dass es staatlich finanzierte Dopingpraktiken mit Einsatz von Insulin beim gesunden Menschen gegeben hat". Auch wenn Insulin erst Jahre später auf die Dopingliste kam, verstoße die Vergabe an gesunde Menschen "gegen Ethik, Moral und Strafrecht".

Spitzer geht davon aus, dass zahlreiche weitere Doping-Akten des Bundesinstituts vernichtet worden sind. Bereits 2011 hatte der HU-Experte im Rahmen der Recherchen zur Studie "Doping in Deutschland" öffentlich kritisiert, dass Originale verzeichneter Akten der Jahre 1969 bis 1988 zum Zeitpunkt des Forschungsauftrages nicht mehr vorlagen.

Wurden die Akten folglich vor der Ausschreibung des Geschichtsprojektes vernichtet, wie Spitzer vermutet? Recherchen lassen diesen Schluss zu: Das Bundesarchiv übernahm 2005 letztmals Unterlagen vom BISp, für den Rest erging eine Vernichtungsermächtigung an das Bundesinstitut. Da auf Anfrage im Bundesarchiv nach Akten mit brisanten Signaturen nur noch zwei Akten vorlagen, muss im Umkehrschluss gelten: Alle anderen landeten im Schredder.

Für Professor Johannes Weberling, Leiter der Arbeitsgruppe Aufarbeitung und Recht der Europa-Universität in Frankfurt (Oder), ein bedenklicher Vorgang. "Wenn das BISp an der Aufarbeitung von Dopingmissbrauch wirklich interessiert gewesen wäre, hätte es das Bundesarchiv zumindest auf die Relevanz der Akten hinweisen müssen, deren Inhalte ihm bestens bekannt waren."

Kommentare

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Riki 05.08.2013 - 20:29:45

auch nicht besser

Dass der vorbestrafte DDR-Doping Funktionär Prof. Dr. Horst Röder die GRH e.V. zitiert, einem Verein ehemaliger Spitzenfunktionäre der SED und des MfS, macht es auch nicht besser.

reke 03.08.2013 - 11:11:46

Doping in der BRD vor 1990

Herr Roeder zitiert die Aussage der Gesellschaft, bitte zu bechten: " Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung e. V. "

Riki 31.07.2013 - 21:25:10

Prof. Dr. Horst Röder wegen Beihilfe zum DDR-Doping verurteilt

Die höchste Freiheitsstrafe, zu der es in der juristischen Verfolgung des Dopings im DDR-Sport bisher gekommen ist, hat das Berliner Amtsgericht Tiergarten gegen Professor Dr. Horst Röder ausgesprochen. Er wurde zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Röder war in der Zeit von 1975 bis zur Wende im November 1989 Vizepräsident im Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB) und somit einer der wichtigsten Entscheidungsträger des DDR-Sports. [...] Natürlich hat man eine solche Meinung und versucht von sich abzulenken wenn man selbst Täter war. siehe: http://www.tagesspiegel.de/sport/horst-roeder-wegen-beihilfe-zum-ddr-doping-verurteilt/99834.html

reke 31.07.2013 - 21:00:29

Doping in der BRD vor 1990

Prof. Dr. Roeder Zitat 2001 „Nach Angaben der Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung e. V. wurde in den vergangenen Jahren gegen etwa 1000 Personen aus dem Bereich des ehemaligen Sports der DDR strafrechtlich ermittelt. Es fanden 8 Prozesse statt und mindestens 72 Trainer, Sportärzte oder Sportfunktionäre wurden verurteilt. In den 6 bis 7 Jahre andauernden Ermittlungen wurden schätzungsweise mehre Millionen DM an Steuergeldern verausgabt, nur um den Sport der DDR im Nachhinein an den Pranger zu stellen und um seine Verantwortungsträger als kriminell abzustempeln.“ Welche und wieviele Personen wurden für den selben Zeitraum, wegen Ihren Vergehen zum Thema Doping in der BRD verurteilt, d.h. wenn 2 das Gleiche tun, ist es noch lange nicht Dasselbe.

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