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Piloten der insolventen Air Berlin wechseln bereits zur Eurowings

Erste Absetzbewegungen

Die Nerven liegen blank
Die Nerven liegen blank © Foto: dpa
Igor Steinle / 03.10.2017, 18:47 Uhr
Berlin (MOZ) Die Nerven liegen blank bei den Air-Berlin-Piloten. Eigentlich wollen sie mit einem gemeinschaftlichen Bewerbungsverzicht die Eurowings unter Druck setzen. Jetzt teilt die Lufthansa-Tochter mit, dass die Zahl der Bewerbungen von Piloten der insolventen Airline "ihre Erwartungen übertrifft".

Eigentlich fordert die Pilotenvereinigung Cockpit gemeinschaftliche Regelungen zum Personalübergang von Air Berlin zu Eurowings. Die Lufthansa-Tochter aber will durchsetzen, dass sich jeder Angestellte neu bewerben muss. Und jetzt verkündet Eurowings auch noch, dass die ersten Piloten von Air Berlin eingestellt worden sind. "Stand jetzt haben wir mehr als 2000 Bewerbungen auf 1000 ausgeschriebene Stellen", teilt Eurowings mit. Fast die Hälfte der Bewerber seien Piloten. Über die genaue Zahl der Bewerbungen von Flugkapitänen der insolventen Airline wollte die Fluggesellschaft aber keine Angaben machen.

Pilotensprecher Markus Wahl bezweifelt, dass sich viele Air-Berlin-Piloten unter den Bewerbern befinden. Er ist entrüstet über das Vorgehen der Airline: "Eine geregelte Übernahme des Cockpitpersonals lehnt Lufthansa zu unserem Entsetzen ab." Verhandlungen darüber wurden erfolglos abgebrochen. Die Piloten der Air Berlin wollen der Forderung der Gewerkschaft Nachdruck verleihen, in dem sie gemeinschaftlich auf eine Bewerbung bei Eurowings verzichten. In einem geschlossenen Forum der Air-Berlin-Piloten, in das diese Zeitung einsehen konnte, wird auf einen solchen Boykott hingewirkt.

Gelänge er, würde Eurowings "erhebliche Probleme bekommen, das Herbst- und Winterflugprogramm so abzufliegen, wie es bereits verkauft wurde", heißt es im Schreiben. Die Piloten wollen die Lufthansa-Tochter zum Nachgeben drängen und auf diese Weise bessere Übernahmekonditionen erzwingen. Ansonsten würden "die 2100 Flugstornierungen der vergangenen Wochen bei Ryanair noch harmlos aussehen", heißt es in dem Schreiben weiter. Die Piloten gelten als sehr gut vernetzt untereinander. Erkennen konnte man das bereits an den gemeinsamen Krankschreibungen vor einigen Wochen, die den Flugverkehr Air Berlins lahmlegten.

Der Verhandlungsvorteil der Piloten könnte sein, dass der Arbeitsmarkt als leergefegt gilt. So hätten kurz nach Bekanntgabe der Insolvenz Air Berlins unter anderem die Norwegian Air, Qatar Airways und diverse chinesische Airlines Abwerbemessen in Berlin organisiert. Allein Qatar Airways habe innerhalb von zwei Tagen zu vier Veranstaltungen geladen, die auf sehr viel Zuspruch gestoßen seien. "Innerhalb von 72 Stunden habe ich zehn Jobangebote bekommen", berichtet ein Air-Berlin-Pilot, der anonym bleiben möchte. Die Angestellten der insolventen Airline haben Anweisung aus der Geschäftsführung, nicht mit Pressevertretern zu reden.

Der Flugkapitän gibt zwar zu, dass die Angebote vor allem aus dem asiatischen Raum stammen. Die Fluggesellschaften würden allerdings allesamt flexible Arbeitszeitmodelle anbieten, die einen Einsatz von etwa vier Wochen am Stück mit darauf folgenden vier Wochen Urlaub vorsehen. "Viele von uns ziehen in Erwägung, diese Angebote anzunehmen", so der Pilot. Zumal das Gehalt von umgerechnet rund 21000 Euro - pro Monat - ein überzeugendes Schmerzensgeld sei. Um Druck auf die Lufthansa auszuüben, dürften sich seiner Meinung nach nicht mehr als 200 der 1000 Air-Berlin-Piloten bei Eurowings bewerben. Zumal in Branchenkreisen vermutet wird, dass die aktuellen Probleme der Ryanair auch damit zu tun haben, dass viele ihrer Piloten sich auf die Stellenausschreibungen der Eurowings beworben haben.

Pilotensprecher Wahl zeigt sich wenig überrascht über die Pläne der Kollegen: "Diese Debatte gibt es bereits seit dem Tag der Insolvenz", sagt er. Angesichts drohender Gehaltseinbußen von 30 Prozent würden viele Piloten nach Alternativen suchen. Da sie sich ohnehin neu bewerben müssten, würden viele überlegen, dies woanders zu tun. Der Lufthansa wirft der Sprecher vor, sich mit den individuellen Stellenausschreibungen ihrer sozialen Verantwortung zu entledigen und die Zukunftsängste der Angestellten auszunutzen, "um sich möglichst günstige Piloten anzuschaffen".

Piloten bei Eurowings verdienen momentan ein Monatsgehalt von etwa 3600 Euro im ersten Berufsjahr, bei Air Berlin waren es knapp 1000 Euro mehr. Allerdings verdient ein Flugkapitän auch bei Eurowings bereits ab dem sechsten Berufsjahr mehr als 100000 Euro im Jahr. Vorwürfe, die Piloten würden deswegen auf hohem Niveau jammern, wollen sie nicht gelten lassen. Außer der großen Verantwortung, die sie trügen, seien viele finanzielle Verpflichtungen wie Hauskäufe eingegangen, würden monatliche Pendelkosten von 1000 Euro aus eigener Tasche bezahlen und seien zudem täglich einer hohen Strahlenbelastung ausgesetzt, lauten ihre Argumente.

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