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Jede fünfte Wohnung steht leer

Kein Licht: Viele Wohnungen sind verwaist. Gerade an der Schorfheidestraße. Hier, im ersten Bauabschnitt, ist der Leerstand besonders hoch. Insgesamt sind im Brandenburgischen Viertel 19 Prozent der Wohnungen nicht vermietet.
Kein Licht: Viele Wohnungen sind verwaist. Gerade an der Schorfheidestraße. Hier, im ersten Bauabschnitt, ist der Leerstand besonders hoch. Insgesamt sind im Brandenburgischen Viertel 19 Prozent der Wohnungen nicht vermietet. © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Viola Petersson / 30.10.2016, 07:20 Uhr - Aktualisiert 09.02.2017, 14:59
Eberswalde (MOZ) Einst lebten knapp 15 000 Menschen im Brandenburgischen Viertel. Heute sind es noch 6500. Deutlich mehr als 1000 Wohnungen wurden nach der Wende abgerissen. Ganze Blöcke verschwanden. Rückbau mit Fördermitteln. Trotzdem stehen aktuell 800 Wohnungen leer.

Fernheizung, fließendes warmes Wasser, Balkon. Die Krippe nebenan. Einst freuten sich Berufsanfänger über eine Drei-Raum-Vollkomfort-Wohnung. Die Platte war begehrt. Zum Teil auch im Max-Reimann-Viertel. Kaum waren jedoch die letzten Wohnblöcke bezogen, da setzte auch schon die "Flucht" ein. Nach der Wende verließen Tausende Eberswalder ihre Stadt. Vor allem im heutigen Brandenburgische Viertel wurde der Wandel sichtbar: Geisteraufgänge. Der anhaltende Leerstand beschäftigte diese Woche gleich zwei Diskussionsforen.

Laut Agentur Ernst Basler und Partner, die mit der Fortschreibung des Stadtteilkonzeptes beauftragt ist, sind aktuell 800 Wohnungen im Quartier verwaist. Trotz Sanierung oder Teilsanierung. Trotz Wohnumfeldverbesserung. Dies seien 19 Prozent. Jede fünfte Wohnung steht also leer. Besonders betroffen sei der erste Bauabschnitt, das Quartier zwischen Uckermark- und Schorfheidestraße. Der Leerstand - ein städtebauliches Problem. Ein soziales Problem. Und auch ein erhebliches wirtschaftliches für die Vermieter. Denn der Leerstand kostet.

Trotz der hohen Quote - die große Rückbauwelle sei durch, erklärte Stephan Kathke vom Büro Basler und Partner. Der komplette Abriss von Wohnblöcken sei nicht mehr geplant. Die Einwohnerzahl habe sich stabilisiert. Seit 2015 gebe es wieder einen leichten Zuwachs (per 30. September 6546 Einwohner - inklusive Osterweiterung). Die beiden großen Vermieter im Viertel, die städtische WHG und die Genossenschaft WBG, bestätigen dies. Kein Abbruch. Dabei hatte die WHG noch 2014/15 den Rückbau zweier Blöcke an der Potsdamer Allee geplant. Doch das Vorhaben war unter dem Protest von Anliegern und vor allem mit Blick auf die Flüchtlingswelle gestoppt worden. Das Unternehmen hat die Wohnungen dem Kreis für die Unterbringung von Asylbewerbern zur Verfügung gestellt.

Aktuell verzeichnet die WHG im Viertel (inklusive Osterweiterung) bei gut 900 Wohnungen eine Leerstandsquote von 16 Prozent. Geschäftsführer Hans-Jürgen Adam favorisiert derzeit die Variante Stilllegung. Ein Teilabbruch, so erklärt er, komme aus finanziellen Gründen nicht infrage. Dies wäre die teuerste Variante. Im Übrigen ist er überzeugt, dass die jetzt leer stehenden Wohnungen vielleicht schon bald wieder gebraucht werden. Adam verweist auf die Entwicklung in Berlin, die gerade Kommunen in der "zweiten Reihe", wie Eberswalde, zu einem leichten Aufschwung und einer verstärkten Nachfrage verhilft. Ein Umdenken also.

Das größte Problem hat jedoch die WBG im Viertel, da sie den höchsten Anteil an Wohnungen hatte und hat (aktuell um die 1600 Wohnungen). Gut 900 Wohnungen habe man schon abgerissen. Gleichwohl liege der Leerstand derzeit bei 35 Prozent. Vor allem Wohnungen in den oberen Etagen seien schwer zu vermieten. Weshalb die WBG an der Brandenburger Allee noch einmal einen Teilabbruch realisieren, sprich Etagen reduzieren will. Auch von einem Medienrückbau ist die Rede. Noch-Vorstand Horst Gerbert verhehlt aber nicht: "Ohne fremde Hilfe ist das Problem des Leerstands bei der Größenordnung nicht zu lösen." Daran würden Fahrstuhleinbau und Wohnungszusammenlegungen nicht viel ändern. Gleichzeitig betont Gerbert: Die Stadtstruktur dürfe nicht weiter zerstört werden. Und: Man müsse ein preiswertes Segment offen halten.

Ein Azubi aus dem Viertel bekräftigte auf dem Bürgerforum: Eine andere, höherwertigere Wohnung könne er sich nicht leisten. Wohnungen mit Mieten unterhalb von fünf Euro pro Quadratmeter sind auch künftig nötig. Gleichzeitig propagieren Planer die "soziale Durchmischung".

Die TAG Immobilien AG ist erst seit 2012 im Quartier aktiv. Sie hatte dort gut 1000 Wohnungen gekauft. Der Leerstand sei kontinuierlich gesunken, laut Sprecherin Grit Zobel liegt er aktuell bei 4,1 Prozent. Dank der "gut sanierten" Wohnungen habe man stetig neue Mieter gewonnen. Rückbau sei kein Thema. Eberswalde gehöre dem unternehmenseigenem "Wohnungsmarktbericht Ostdeutschland 2016" zufolge zu den "Profiteuren von Stadt- und Landflucht".

Nach Aussage von Stephan Kathke gebe es vor allem einen Bedarf an kleinen und großen Wohnungen. Zudem müssten sich die Vermieter weiter verstärkt der Frage von altersgerechten Wohnungen stellen. Die WBG hat in ihrem Bestand bereits 30 Aufzüge eingebaut.

Die Unternehmen arbeiten auf Anregung der Stadt im "Wohnforum" zusammen. Laut Dezernentin Anne Fellner entsteht gerade ein Imagefilm zum Thema Wohnen. Zudem habe sie die Idee in die Debatte eingebracht, auch mal über Eigenheimbau im Quartier nachzudenken. Flächen gebe es genug. "Und einen Versuch ist es allemal wert", findet Fellner.

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