(moz) Auch hierzulande für seinen bissigen Humor bekannt, ist der Wuppertaler Kabarettist Steffen Möller in Polen seit Langem ein gefeierter TV-Star. Wir bummelten mit ihm von Frankfurt nach Slubice.
In Polen ein Vorzeige-Deutscher: Steffen Möller auf der Stadtbrücke zwischen Frankfurt und Slubice Foto: MOZ/Dietmar Horn
Steffen Möller lässt sich nicht so leicht abschrecken. Nicht vom tristen Regenwetter. Und auch nicht von der Tatsache, dass er wieder mal nicht erste Klasse von Warschau nach Frankfurt (Oder) fahren konnte. Weil angeblich alle Plätze ausgebucht waren.
Dem Kabarettisten ist es egal, dass in Wahrheit im ersten Waggon die polnischen Schaffner schliefen, sie im zweiten Waggon der ersten Klasse Karten spielten und im dritten gemütlich aßen. Der 41-Jährige lebt seit 15 Jahren in Polen und kennt die "lockere Art, Privates mit Dienstlichem zu vermischen".
Nicht egal ist Steffen Möller sein äußeres Erscheinungsbild. "Ich bin eitel", gibt der sympathische Entertainer offen zu. Noch am Bahnhof tauscht er die Turn- gegen schwarze Lederschuhe. Schließlich sind wir zu einem Spaziergang über die Frankfurter Stadtbrücke nach Slubice in Polen verabredet. Und in Polen ist der Wuppertaler ein gefeierter TV-Star.
Wie beliebt der deutsche Kabarettist, Seriendarsteller und Moderator jenseits der Oder ist, erfahren wir schon auf der Stadtbrücke. "Czesc Steffek!" - "Hallo Steffen!", rufen ihm zwei polnische Männer entgegen und begrüßen ihn per Handschlag. Andere Passanten winken ihm zu, ein paar Mädchen kichern.
"Ich bin so wie diese Brücke hier, irgendwo dazwischen, immer auf dem Weg zwischen Warschau und Berlin", philosophiert Möller. Der Kabarettist, der an der Freien Universität Berlin Theologie und Philosophie studierte, genießt es, als Exot zu gelten. Zumal er weder polnische Vorfahren noch einen Opa im Bund der Vertriebenen aufweisen kann. Und er erzählt, wie er durch Zufall am schwarzen Brett der FU auf einen Sprachkurs in Krakau stieß. "Ich wollte schon immer mal an den Ural", ulkt er.
Und so machte sich Möller auf gen Osten. Obwohl er damals "der Schlechteste im Sprachkurs" war, biss er sich durch. Und blieb. Er wurde Deutschlehrer und später Dozent für Deutsch an der Warschauer Universität. Schon damals sammelte er Anekdoten über das Zusammenleben von Polen und Deutschen und startete ein Kabarettprogramm. Nach dem zweiten Preis beim nationalen Kabarett-Wettbewerb kam der Durchbruch. Der Deutsche mit einem Akzent "wie Rudi Carrell" übernahm eine Rolle in der Serie "M jak Milosc" - "L wie Liebe". Sechs Jahre spielte er den vom Pech in der Liebe verfolgten deutschen Kartoffelbauern Stefan Müller.
Heute ist Steffen Möller auch in Deutschland längst für seinen Humor bekannt. Sein Buch "Viva Polonia - Als deutscher Gastarbeiter in Polen" stand über 40 Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste. In Polen ist der Entertainer der "Vorzeige-Deutsche". Obwohl er Witze über die Marotten und Eigenheiten der Polen und der Deutschen macht. Und die gegenseitigen Vorurteile auf die Spitze treibt. Sein Publikum liebt ihn trotzdem - oder gerade deshalb. Und das soll was heißen in einem Land, in dem die Deutschen "als geizig, humorlos und alt gelten".
"Die Polen haben wirklich ein fatales Bild von den Deutschen", klagt Möller. "Sie glauben, dass jeder Deutsche jenseits der 70 Jahre alt ist. Weil sie nur deutsche Rentnergruppen sehen, die nach Masuren fahren." Klar, dass auch die Polen Möller anfangs für einen komischen Vogel hielten. "Die Polen denken, wir sind alle Millionäre. Wie, du kommst aus Westdeutschland? Was machst du dann in Warschau? Wirst du in Wuppertal per Steckbrief gesucht? Wenn ich sage, dass ich freiwillig da bin, gucken die mich an wie einen Wahnsinnigen."
Dabei sind Polen und Deutsche sich ähnlicher, als sie denken. "Beide trinken gerne Bier, lieben Schrebergärten und Fußball. Beide schimpfen auf Politiker und beide haben wenig Geschmack in Kleiderfragen", findet der Kabarettist.
Unterschiede sieht Möller, der für seine Verdienste um die deutsch-polnische Verständigung mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, in der Mentalität: "Die Deutschen lachen nur, wenn sie wissen, dass gleich ein Witz kommt. In Polen muss man die Witze nicht ankündigen. Die Polen haben ein lockeres Verhältnis zur Zeit, sie sind herzlich und gastfreundlich. Wir Deutsche bemühen uns immer um Professionalität. In Polen steht das Menschliche im Vordergrund."
In diplomatischer Zurückhaltung musste er sich schon oft üben. Denn deutsche Direktheit kommt in Polen nicht gut an. Witze über Politik sind tabu: "Die Polen streiten nicht in der Öffentlichkeit. Sie sind jedoch stur, trotzig und sehr nachtragend. Während Gerhard Schröder und Angela Merkel trotz Differenzen noch miteinander reden, ist das unter polnischen Politikern aus unterschiedlichen Lagern undenkbar."
Überschwänglich wird der TV-Star dann auch im Slubicer Restaurant "Odra" empfangen, in dem wir vor dem Regen Zuflucht suchen. Die Stimme der Empfangsdame überschlägt sich vor Freude, als sie den Schauspieler erkennt. Ein polnischer Begrüßungsschwall geht auf Steffen Möller nieder: "Herzlich willkommen! Ich habe jede deiner Sendungen gesehen." Möller ist gerührt, schreibt ein Autogramm. Wir bestellen "Zurek", Saure Mehlsuppe mit Eiern und Wurst, eine herzhafte polnische Spezialität. Schwere Kost.
"Ganz leicht" findet Polenkenner Möller dagegen die polnische Sprache. Und grinst frech. Weil wir jetzt dran sind. Mit einem polnischen Crashkurs. "So ein paar Worte in Polnisch können einem Deutschen in Polen schon mal ein Knöllchen ersparen." Wie seinem Freund Daniel, der in Warschau zu schnell fuhr und von einem Polizisten gestoppt wurde. Als dieser sah, dass Daniel Deutscher ist, forderte er gleich die doppelte Strafe. Daniel begrüßte den verdutzen Polizisten mit "Dzien Dorbry" - auf Deutsch "Tag, guten" - und schob schnell ein "Przepraszam - Entschuldigung" hinterher. Als der Polizist immer noch ernst guckte, rief Daniel ganz polnisch-theatralisch "Trudno" - "Kann man nicht ändern". Der Polizist konnte sich kaum halten vor Lachen und sagte nur: "Komm, fahr ' weiter!"
Wir üben tapfer und tun uns schwer. Polnisch gilt als eine der vier schwersten Sprachen der Welt. Steffen Möller hat ein Einsehen und erzählt uns von den vielen deutschen Wörtern in der polnischen Sprache. Wie zum Beispiel "Bruderschaft", die er nun mit uns trinken will.
Wobei wir bei der polnischen Gastfreundschaft wären. "Polen, die seit 20 Jahren in Deutschland leben, erzählen mir enttäuscht, dass sie noch nie von Deutschen nach Hause eingeladen wurden", sagt Möller. Und sie vermuten, dass sie vor einem Besuch erst einen Antrag stellen müssen. "Dabei gehen die Deutschen nur lieber in Kneipen oder Restaurants. Oder sie gehen frühstücken. Das würde ein Pole nie tun."
Möller glaubt, dass die Deutschen viel von den Polen lernen können: "Die Polen haben eine große emotionale Intelligenz, die sich überall im Alltag zeigt." So würden Männer die Frauen in Polen auf Händen tragen. Ein Kompliment am Tag "ist per Gesetz festgelegt". Möller zeigt auf das Pärchen am Nachbartisch. "Sie sitzt da wie eine Königin. Er macht ihr den Hof. So erwartet es die Frau. Ein deutscher Mann, der die Frau bittet, den Kellner zu holen und dann vorschlägt, die Rechnung zu teilen, hat schon verloren", weiß der TV-Star aus eigener Erfahrung. Und er erzählt von dem polnischen Schaffner, den er seit Jahren kennt und der kürzlich 16 Kilo abgenommen hat. "Der Frauen wegen", hat er Möller gebeichtet. Und charmant eine mitreisende Dame angelächelt. "In Deutschland hätte jeder gesagt, was für ein Schleimer. In Polen finden die Frauen das toll." Und irgendwie scheint das auch deutschen Männern zu gefallen: Rund 5000 polnische Frauen werden von ihnen jedes Jahr geheiratet. Sie sind die Begehrtesten unter den Ausländerinnen.
Die Eierpfannkuchen mit Quark werden serviert, und Möller lehnt sich zurück: "Wir Deutschen planen zu viel. Meine Berliner Physiotherapeutin erzählt mir am Montag, was sie am Wochenende machen wird. Die Polen erzählen am Montag, was sie am Wochenende gemacht haben."
Und zum Arzt gehen die Polen freiwillig sowieso nicht. Steffen Möller zieht seine Vitamintabletten aus der Hose. "Die hat jeder Pole dabei, kein Pole geht zum Arzt oder will in der Ambulanz landen, die vier Stunden durch die Stadt fährt, weil Versicherungen daran Geld verdienen." Hypochonder seien sie aber trotzdem. "Jeder kuriert sich selbst, jeder ist Arzt, und jeder weiß es besser."
Aber wie kann man das Interesse der Polen und der Deutschen füreinander wecken? "Wir wissen zu wenig voneinander", stellt der Grenzgänger fest. Die Polen kennen nur wenig Deutsche wie die Band "Tote Hosen", den deutsch-polnischen Rocksänger Thomas Godoj und die Fußballnationalspieler Miroslav Klose und Lukas Podolski, sagt Möller.
Durch ein Milchglasfenster sehen wir im Nebenraum einen Polen bei Malerarbeiten. Wir lachen und finden es "typisch polnisch". Möller macht sich Notizen. Für sein neues Programm. "Expedition zu den Polen - Crashkurs für Auswanderer", das am 12. April in den Berliner Wühlmäusen Premiere feiert. Und das die Deutschen endgültig zum Auswandern nach Polen überreden soll.
Bevor wir zurück nach Frankfurt (Oder) gehen, bekommt Steffen Möller noch ein Kompliment. Von der jungen blonden Frau am Nebentisch. "Sie sehen ungeschminkt viel besser aus als im TV." Steffen Möller lächelt zufrieden und verschwindet in der abendlichen Hektik am Bahnhof.
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