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Corinna Philipps 17.04.2010 18:05 Uhr - Aktualisiert 27.04.10 18:57 Uhr

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Jérôme Boateng: Lieber in die Bundesliga

Hamburg (moz) „Hände aus den Hosentaschen!“ Enoch gehorcht sofort und stürzt sich auf den Fußball. Er will schließlich nicht den Eindruck erwecken, er sei nicht bei der Sache. Er würde das Training nicht ernst nehmen. Tagelang hat sich der Neunjährige nur darauf gefreut, sein großes Idol, sein Vorbild zu treffen und mit ihm zu kicken. Enoch Szymocha kommt aus Polen und ist zu Besuch bei seinem berühmten Cousin , dem deutschen Fußballnationalspieler Jérôme Boateng.

  Boateng mit seinem Cousin Enoch ©

„Der Junge hat Talent, seine Pässe kommen genau, und er schießt mit beiden Füßen“, lobt Jérôme Boateng seinen kleinen Cousin aus dem Riesengebirge. Sie trainieren im Garten des HSV-Spielers nahe der Hamburger Alster. Enoch ist glücklich. Auch er will unbedingt Profi-Fußballer werden. „Ich will nur Fußball spielen. Und ich will so aussehen wie Jérôme“, wünscht sich Enoch, der ein Bild seines Idols in seinem Kinderzimmer hängen hat.

 

Dreimal die Woche trainiert der Nachwuchs-Abwehrspieler für sein Ziel. Zuhause in Pobiedna, in seinem Heimatverein „Skorpiony Luban“. Und er ist gespannt, wie seine Vereinskameraden reagieren werden, wenn er von seinem Ausflug zu seinem Cousin erzählt. Davon, dass er sogar im großen Bett des deutschen Nationalspielers schlafen durfte.

Und vom HSV-Spiel, dass er sich am Vorabend im Hamburger Stadion ansehen durfte. Neben seiner Cousine Avelina, Jérômes jüngerer Schwester, und Nina Boateng, seiner Tante und Jeromes Mutter. Schon die Autofahrt ins Stadion war aufregend für den Jungen gewesen. „Die Fans kennen Jérômes Auto und haben laut seinen Namen gerufen“, erzählt Nina Boateng, deren Schwester Enochs Mutter ist. Die es vor Jahren der Liebe wegen nach Polen gezogen hat. Dorthin, wo schon Jérômes Urgroßvater gelebt hat, bevor der Zweite Weltkrieg die Familie gen Westen verschlug.

Im Garten an der Alster ist Polen weit weg. Hier dreht sich alles um den Ball. Das war auch bei Jérôme schon so. Als er in Enochs Alter war. „Bereits als kleiner Junge fiel sein enormes Ballgefühl auf. Egal ob Handball, Fußball, Beachball oder Tennis. Sobald ein Ball ins Spiel kam, war mein Sohn in seinem Element“, erinnert sich Nina Boateng. Auch zu Hause in der Wilmersdorfer Wohnung wurde gekickt. Mit einem Soft-Ball, „aus Rücksicht auf die Einrichtung“, wie die Schwester und damalige Trainingspartnerin Avelina verrät. Heute hat Jérôme den Ball unter Kontrolle. Er führt seinem staunenden kleinen Cousin tolle Tricks vor. Dabei trainierte Jérôme Boateng lange Zeit nicht nur auf dem Fußball-Rasen, sondern auch auf dem Tennis-Court. „Irgendwann musste ich mich entscheiden“, lautet sein kurzer Kommentar. Er entschied sich für den Mannschaftsport. Auch wenn seine Mutter darüber am Anfang nicht so glücklich war. „Für mich war es utopisch, dass Jérôme es in die Bundesliga oder gar in die Nationalmannschaft schafft. Das wollen schließlich viele.“ Wie auch Enoch.

Auch seine Mutter ist über die Fußballbegeisterung ihres Sohnes nicht sehr glücklich. „Sie findet den Sport zu brutal“, grinst Enoch. Ihm ist es egal. Er will in die Bundesliga. „In Polen spielen sie nicht so gut Fußball.“ Sein berühmter Cousin pflichtet ihm bei: „Die guten Spieler spielen alle in Deutschland.“
Doch bis zur erhofften Profi-Karriere des Neunjährigen ist es noch ein langer Weg. „Wer es nach ganz oben schaffen will, braucht Disziplin und Ehrgeiz und muss bereit sein, auf vieles zu verzichten. Wenn meine Freunde in die Disko gingen, habe ich mich auf mein nächstes Spiel vorbereitet, eisern trainiert. Der Fußball stand immer an erster Stelle,“ erzählt der Bundesliga-Spieler, dessen Karriere bei Tennis Borussia Berlin begann, ehe er zu Hertha BSC und dann zum Hamburger SV wechselte.

Enoch hört gut zu. Und er will wissen, wer Jérômes Vorbilder waren, an wem er sich orientierte: „Ich fand den Brasilianer Ronaldo, Zinédine Zidane und Ruud van Nistelrooy toll, nahm diese Spieler immer bei der Playstation“, lacht Jérôme, der heute mit seinem Vorbild van Nistelrooy in einer Mannschaft spielt. Enoch staunt. Weil sich die Geschichte wiederholt. Weil auch er an der Playstadion spielt. Und dort am liebsten seinen Cousin Jérôme als Spieler nimmt.

Für den zurückhaltenden und eher bescheidenen Jérôme Boateng ist der ganze Rummel um seine Person noch neu und irgendwie auch immer noch etwas unwirklich. Nach dem Gewinn der U-21-Europameisterschaft in Schweden im letzten Jahr plötzlich in der Nationalmannschaft zu spielen, in die ihn Bundestrainer Jogi Löw berufen hat. Und mit der er dieses Jahr zur Fußball-WM in Südafrika fliegen darf. „Spieler wie Ballack kannte ich ja nur aus dem Fernsehen.“

Das auch Enoch in ein paar Jahren als Profi-Fußballer in großen Stadien spielt, hält Jérôme durchaus für möglich. Schließlich hat die Familie offenbar Fußball-Talent in ihren Genen. So spielte Jérômes Onkel für die Nationalmannschaft Ghanas. Der Halbbruder Kevin-Prince ist Profi beim FC Portsmouth in England und Halbbruder George Boateng spielt als Amateur beim Nordberliner SC.

Jérôme will seinen polnischen Cousin auf jeden Fall unterstützen. Einen augenzwinkernden Rat gibt er Enoch heute schon: „Gehe nicht zu den Bayern oder nach Bremen.“

kann sich seinen Arbeitsplatz mittlerweile aussuchen. Das große Talent des Abwehrspielers hat sich auch in anderen Ländern und Vereinen herumgesprochen. Vielleicht wechselt „Boa“, so sein Spitzname, nach der Fußball-WM. „In England spielt die beste Liga der Welt.“ Das wäre auch für den deutschen Nationalspieler eine große Herausforderung.

Aber irgendwann wird er sicher in seine Heimat, in sein Berlin zurück kehren. Zu seiner Familie, die ihm das Wichtigste ist. Hier sind seine Wurzeln, hier ist er geboren und aufgewachsen. „In Ghana, der Heimat meines Vaters, war ich noch nie.“

Und Boateng schmiedet mit seinen 21 Jahren schon Pläne für die Zeit nach der aktiven Fußballer-Karriere. Dann kann er sich vorstellen, Trainer zu werden. Vielleicht sogar bei Hertha BSC, die „jetzt ganz sicher nicht absteigen werden, auch wenn sie schwere Spiele vor sich haben“.

Und vielleicht ist dann auch Enoch einer seiner Spieler. Der geht im Sommer erst einmal ins Trainingscamp beim HSV. Und er nimmt auch ganz bestimmt die Hände aus den Hosentaschen. Das hat er seinem berühmten Vorbild fest versprochen.

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