(moz) Volker Schlöndorff ist überrascht. Und tief beeindruckt. Der Regisseur, Filmproduzent, Drehbuchautor und Oscar-Preisträger (1979 für „Die Blechtrommel“) hat schon vieles erlebt, vieles gesehen. Aber davon hat er nichts gewusst und es auch so nicht erwartet. Eine deutsch-polnische Schule mitten in Berlin. Ausgestattet mit einem eigenen, professionellen TV-Studio. Der Filmemacher ist begeistert.
Volker Schlöndorff ist zu Besuch in der Filmwerkstatt der Robert-Jungk-Oberschule in Berlin-Wilmersdorf. Um mit 30 Schülern über ihren selbst gedrehten Film zu sprechen und um ihnen im Studio Rede und Antwort über seine Beziehungen zu Polen zu stehen. Immerhin hat Schlöndorff schon drei Filme im Nachbarland gedreht, darunter „Strajk – Die Heldin von Danzig“. Die Schüler sind aufgeregt. Ein echter Star an ihrer Schule – Hollywood scheint plötzlich ganz nah. Wie der berühmte Regisseur wohl sein wird, welche Schauspieler er kennt?
„Obwohl ich so viel zwischen Deutschland und Polen hin und her fahre, wusste ich nicht, dass es eine deutsch-polnische Schule in Berlin gibt. Finde ich super“, sagt Schlöndorff, der als Dozent an der Filmhochschule in Warschau unterrichtet und 2009 in Polen für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Der berühmte Filmemacher, lässig in Jeans und Polo-Shirt, lehnt sich an eine Tischkante. Das Eis ist gebrochen.
Was das denn für ein Film sei, den die Schüler gedreht haben, fragt der gebürtige Wiesbadener, der heute mit seiner Frau und der 17-jährigen Tochter in Potsdam-Babelsberg wohnt, unweit der Film-Studios, die er von 1992 bis 1997 leitete. Der 16-jährige Dominik Andrzejak, dessen Mutter aus ?ódz stammt, erzählt. Von dem Film-Wettbewerb „Du bist Geschichte“ der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, an dem die Schüler 2009 auf Anraten ihrer Schulleiterin Ruth Garstka teilnahmen. Der Streifen, den sie gedreht haben, hat den berühmten Onkel einer Mitschülerin zum Thema – den Streik-Anführer und Solidarnosc-Zeitzeugen Szbigniew Senkowski, der in der Nähe von Breslau in einem Bergwerk arbeitete.
Die Schüler zeigen einen Ausschnitt und sind gespannt. Wie wird ihre Arbeit dem Regisseur, der schon mit Stars wie Dustin Hoffmann und Jeremy Irons drehte, gefallen? Am Ende spendet Schlöndorff reichlich Applaus. „Den Film finde ich ganz toll. Und der Ausschnitt hat Lust gemacht, den Rest auch noch zu sehen.“ Schlöndorff ist sichtlich beeindruckt, lobt die Regie und die deutsche Synchron-Stimme. „Bei diesem Film wird einem wieder klar, wie viel einfacher es in Ostdeutschland war“, sagt er. „Dort hatte man den großen Bruder Westdeutschland. Der da Milliarden rüber geschoben hat. In Polen dagegen ist die ganze Industrie abgewickelt worden, es gab keine Unterstützung von außen. Deshalb ging es ihnen materiell so viel schlechter. Andererseits waren sie sich viel einiger. Es gab nicht diese Spannung und den Neid wie zwischen Ossis und Wessis. In Polen waren alle in der gleichen Situation. Das ist vielleicht auch ein Grund, warum die Stimmung in Polen so viel besser ist als in Deutschland.“
Was Schlöndorff an den Polen denn besonders schätzt, will Izabela Matulewicz wissen. Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Die Polen wagen sich zu träumen. Sie sind nicht gleich skeptisch. Ihr Grundton ist einerseits melancholisch, andererseits enthusiastisch. Das gefällt mir.“
„Und welches Bild haben sie im Kopf, wenn sie an Polen denken?“, fragt Aneta Piechowicz. „Bei Polen denke ich nicht an Landschaften, sondern immer an Gesichter. Die sind nicht so symmetrisch, ein bisschen anders. Mit einem Schuss von etwas Verrücktem, nicht so vorhersehbar“, findet der Filmregisseur.
Wie er dazu gekommen ist, „Strajk – Die Heldin von Danzig“, einen Film für die Gewerkschaft Solidarnosc, zu drehen, möchte Jaroslaw Drugacz aus Katowice wissen. „Durch den Dokumentarfilm einer Studentin über Anna Walentynowicz, die Frau, um die der Streik damals gegangen war. Meine erste Reaktion war, so einen Film kann man als Ausländer nicht machen. Das ist polnische Geschichte, das müssen die Polen machen“, erinnert sich Schlöndorff. Sein polnischer Freund, der berühmte Filmregisseur Andrzej Wajda, überzeugte ihn vom Gegenteil. Und riet ihm: „Aber besuche nicht die Walentynowicz, die ist nicht ganz klar im Kopf. Mache den Film ohne sie.“
Schlöndorff, der sich in seinen Filmen für Gerechtigkeit und für Minderheiten einsetzt, hörte nicht auf seinen Freund. Er besuchte die sozialistische Heldin der Arbeit trotzdem, die Schweißerin und Kranführerin, die sich ein Leben lang kämpferisch für sichere und bessere Arbeitsbedingungen eingesetzt hatte, bis man sie feuerte.
„Es war ein sehr lebhaftes Gespräch. Und sie war eine sehr schlagfertige Frau, Katharina Thalbach, die sie im Film spielt, nicht unähnlich. Am Ende stimmt sie einem Film zu, aber nicht einem über sich. Sie hatte so eine Verschwörungstheorie. Lech Walesa, so meinte sie, war Spion und U-Boot des KGB. Und er hat Solidarnosc unterwandert, verraten und verkauft. Diese fixe Idee ließ sie sich auch nicht ausreden. Wir haben der Hauptdarstellerin also einen anderen Namen gegeben, uns nur von Walentynowicz’ Geschichte inspirieren lassen.“
Ob er mit dem Film-Ergebnis denn zufrieden sei, fragt der deutsch-polnische Schüler Adrian Berlt. Schlöndorff überlegt nicht lange: „Ja. Immerhin hat diese Frau, ohne es zu wissen, Weltgeschichte bewegt. Alles hat damit angefangen, dass die Suppe heiß sein muss, dass sie sich für ordentliche Arbeitsbedingungen und einen sicheren Arbeitsplatz einsetzte. Dadurch wurde sie populär. Und als sie am Ende entlassen wurde, hat sich die ganze Brigade in Streik begeben. Das führte dazu, dass ganz Polen und dadurch am Ende auch die Mauer gefallen ist. Das fand ich endlich mal eine plausible Erklärung, wie Geschichte funktioniert.“
„Und wie funktionierte die Zusammenarbeit zwischen den polnischen und deutschen Filmschauspielern?“, will Dominik wissen. „Das klappte super. Wir haben mit deutschen und polnischen Schauspielern zusammen auf Polnisch gedreht. Die deutschen Schauspieler und ich hatten Drehbücher mit Untertiteln. Da hörte man sich rein. Zum Schluss wusste niemand mehr, wer ist Deutscher, wer Pole“, sagt Schlöndorff.
Bis heute wisse er allerdings nicht, warum der Film nicht die erwartete Resonanz brachte. „Die Polen sagen mir immer, der Film wirkt merkwürdig. Du hast zwar polnische Schauspieler und die sprechen auch polnisch, aber irgendwie wirkt es nicht polnisch“, erzählt der Regisseur und will von den Schülern wissen, wie der Film bei ihnen ankam. Und ob sie auch den Eindruck hatten, er habe die polnischen Arbeiter denunziert, sie als Alkoholiker dargestellt?
„Nein, denunziert wurde niemand“, findet Jaroslaw. Allerdings, so sagt er, hat der Film schon „wegen der teilweise deutschen Schauspieler“ auch einen deutschen Touch. Aber „komisch“ sei ihnen der Film nicht vorgekommen. Schlöndorff ist beruhigt und überlegt: „Vielleicht treibt man als deutscher Regisseur die polnischen Schauspieler doch unbewusst in eine für Polen ungewöhnliche Reaktion hinein.“
Und wie war es, einen Oscar zu bekommen? „Nicht so schlimm“, witzelt Schlöndorff. Der Erfolg hat ihn nicht abheben, sonder eher demütig werden lassen. Der oberflächliche Rummel der Filmwelt ist nichts für den Regisseur.
Es fällt schwer zu glauben, dass der Reiter und Marathon-Läufer in einigen Tagen seinen 71. Geburtstag feiert. Eine Pause gönnt er sich trotzdem nicht, und Schlöndorff verrät, dass er nicht nur an humanitären Projekten in Afrika, sondern auch an einem neuen Film arbeitet. Über die „Berlin-Conference“ im Jahr 1884, als auf Einladung des deutschen Reichskanzlers Bismarck in Berlin die Grundlage für die Aufteilung Afrikas in Kolonien gelegt wurde. „Afrika wurde damals quasi mit dem Lineal aufgeteilt. Ein guter Stoff für ein Drama.“
Am Ende übernimmt Schlöndorff die Schirmherrschaft für die Filmwerkstatt in der Robert-Jungk-Oberschule. Und er gibt den Jungfilmern auch noch ein paar praktische Tipps: Künstler interessieren sich immer für Außenseiter, für Minderheiten, für die andere Sicht auf die Dinge. Er rät den Schülern offen zu bleiben, für das Überraschende.
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Szczesliwego Nowego Roku! /schtschänçliwägo nowägo roku/ zycza /schitschou/ Dorota i Tomek /dorota i tomäk/ Ein glückliches Neues Jahr! wünschen Dorota und Tomek Aussprache s etwa wie ch in ich /ç/ mehr
