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Corinna Philipps und Beate Pfeiffer 17.02.2010 18:27 Uhr - Aktualisiert 27.04.2010 19:05 Uhr

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Gesine Schwan: Viele Vorurteile bleiben

Frankfurt (Oder) (moz) Gesine Schwan hat Erfahrung, was das Zusammenleben von Deutschen und Polen angeht. Für die Märkische Oderzeitung hat sie darüber jetzt mit Berliner Schülern diskutiert

  „Hochachtung vor den Menschen in diesem Land“: Gesine Schwan im Gespräch mit Schülern der Robert-Jungk-Europaschule in Berlin Foto: dpa/Arno Burgi ©

Deutsche und Polen - ein Verhältnis voller Altlasten und Vorurteile. Prominente Grenzgänger helfen dabei, sie abzubauen. Einige von ihnen wollen wir in unserer Serie vorstellen. Heute: Professor Gesine Schwan diskutiert mit deutschen und polnischen Jugendlichen der Robert-Jungk-Europaschule in Berlin.

Es begann in Polen. Der Zweite Weltkrieg genauso wie das Ende des Kommunismus ' in Europa. "Es begann in Polen" steht auch auf dem von Schülern der Robert-Jungk-Europaschule in Berlin-Wilmersdorf gestalteten Mauerstein. Es war der "Dominostein", den der ehemalige Vorsitzende der Solidarnosc und Ex-Staatspräsident Polens, Lech Walesa, beim 20. Jahrestag des Mauerfalls, am 9. November 2009, in Berlin als ersten umstieß. Jetzt sitzt die zweimalige Bundespräsidentschafts-Kandidatin Gesine Schwan vor diesem Mauerstein. Und spricht mit 30 deutschen und polnischen Schülern über Vorurteile, Berührungsängste und die Fußballeuropameisterschaft.

"Die Leute wundern sich heute noch, was ich mit den Polen denn so am Hut habe", erzählt die Professorin offen. Die Abneigung gegen das östliche Nachbarland, so die 66-Jährige, gehe durch alle Schichten. Und führt nicht selten zu heftigen Diskussionen mit der querdenkenden ehemaligen Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

"Wie kam es denn zu Ihrem großen Interesse für Polen? In einer Zeit, als alle anderen nach Frankreich und England gingen?", will der polnische Schüler Oskar Hoffmann aus Schwiebus (Swiebodzin) in der Nähe von Posen (Poznan)wissen. "In England und Frankreich war ich auch", lacht Gesine Schwan. Die "große Affinität zu Polen" jedoch verdankt sie ihrer Mutter Hildegard, einer politisch aktiven Katholikin. "Meine Mutter stammt aus dem schlesischen Loben, heute Lubliniec in Polen. Obwohl sie dort als Auslandsdeutsche aufwuchs, hatte sie sehr gute Beziehungen zu den Polen. Und so wurden auch mein Bruder und ich mit großer Hochachtung vor den Menschen in diesem Land, ihrem Mut und ihren großen musischen Fähigkeiten erzogen", erinnert sich Gesine Schwan, die 1943 in Berlin geboren wurde - "zu einer Zeit, als Polen von den Deutschen besetzt war". Ihre Eltern, der Vater war Oberschulrat, waren damals im Widerstand engagiert und versteckten von 1944 bis 1945 ein jüdisches Mädchen in ihrem Haus.

"Wie reagierte ihr Umfeld, als sie für Studienaufenthalte nach Krakau und Warschau gingen? Und was faszinierte Sie so an Polen?", fragt Mecha Szymczak aus Posen, der seit elf Jahren in Deutschland lebt. "Ich habe schon früh gemerkt, dass es in Deutschland eine Geringschätzung dessen, was aus dem Osten kommt, gibt. Daher wollte ich an der Versöhnung mit Polen arbeiten und musste deshalb natürlich Polnisch lernen", erzählt Gesine Schwan, die an der Freien Universität Berlin und in Freiburg Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaften studierte.

Also ging sie nach Polen, belegte einen vierwöchigen Sprachkurs und bereitete parallel dazu ihre Promotion über den polnischen Philosophen Leszek Kolakowski vor. Untergekommen war sie bei einer Freundin der Mutter. Einer Antikommunistin, "die sogar Pässe fälschte" und mit der Studentin bis Mitternacht Polnisch und ab Mitternacht Französisch paukte.

"Die Polen faszinierten mich, da sie viel individualistischer, emotionaler und offener als wir Deutschen damals auftraten. Sie waren auch eigensinnig, besaßen eine Hartnäckigkeit, die bis zur Sturheit gehen konnte", erinnert sich Gesine Schwan.

Auch die unkonventionelle Art, mit der die Polen mit dem kommunistischem Regime umgingen, fiel der damals 23-Jährigen sofort auf. "Der Philosoph Kolakowski war zu jener Zeit in Polen offiziell verpönt. Und ich bekam nur ein Visum, weil ich angab, über den polnischen Marxismus zu arbeiten. Als ich mit meinen Studien fertig war, kam die Chef-Bibliothekarin auf mich zu und sprach offen aus, dass ich über Kolakowski recherchierte. Sie hatte es die ganze Zeit gewusst und geduldet. Das war ganz typisch für die Polen, dass viele auch in hohen Positionen eigentlich gegen das Regime arbeiteten."

"Wie wurden Sie als Deutsche in Polen aufgenommen?", möchte der Schüler Oskar Hoffmann wissen. "Ich habe in Polen nie eine Deutschen feindliche Sache erlebt", beschreibt Gesine Schwan ihre Erlebnisse.
"Das war hier anders. In Deutschland haben sich viele lange nicht für Polen interessiert. Und es gab Kontroversen, auch weil ich früh für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze war. Alles, was jenseits der Oder lag, sollte weiter zu Deutschland gehören. Polen war für viele aus der Generation meiner Eltern nur ein Saisonstaat."

Selbst an der Viadrina habe sie oft Vorurteile von Deutschen und Polen erlebt. "So haben sich die polnischen Studenten nur gemeldet, wenn es um Fakten-Fragen ging. Die Deutschen meldeten sich dagegen, wenn es um Interpretations-Fragen oder Diskussionen ging. Die Polen, so fanden die Deutschen, meldeten sich nur, wenn sie etwas genau wussten. Die Deutschen, so meinten die Polen, reden, ohne was zu wissen."
Auf der privaten Ebene habe sich das dann fortgesetzt: "Die Polen haben immer lachend gesagt, wenn man einen Deutschen besuchen will, muss man vorher einen schriftlichen Antrag stellen. Die Deutschen störte dagegen, dass die Polen einfach rein kommen. Ohnehin haben die Polen einen anderen Umgang mit Zeit. Wenn sie zum Beispiel ein Fest feiern, spricht sich das in zwei Tagen rum und dann ist das Fest da. Die schriftliche Einladung kommt manchmal erst, nachdem das Fest stattgefunden hat. Das löst bei vielen Deutschen ein Fremdheitsgefühl aus."

Die Polen würden dagegen die "starke Dominanz der Deutschen", beklagen, die Art, wie sie auftreten, wie sie das Geschehen entscheiden und wie sehr es ihnen dabei manchmal an Takt mangelt.

Doch wie gehen die Schüler der Robert-Jungk-Europaschule, wo seit 2005 in jedem Jahrgang zwei Klassen bilingual, deutsch-polnisch, unterrichtet werden, mit den Vorurteilen um? Die in Berlin geborene Nicole Kwiat kowska, deren Eltern aus Polen stammen, ist ganz offen: "Manchmal heißt es in einer Gruppe: Die Polen klauen gerne. Lasst mal euer Portemonnaie nicht liegen. Hier ist eine Polin unter uns." Das sei nicht lustig, findet sie, "aber man gewöhnt sich dran. Und meistens ist es ja auch nur Spaß."

Dass die Schüler, wie sie zugeben, trotz des gemeinsamen Unterrichts auf dem Pausenhof in deutschen und polnischen Grüppchen zusammen hocken, überrascht selbst die Direktorin der Schule, Ruth Garstka. "Das liegt an der Sprachbarriere", meint der deutsche Schüler Nils Fuchs. Er selbst hat keine Berührungsängste mehr mit Polen. Obwohl auch ihm Land und Leute am Anfang "suspekt" waren. Heute hat Nils eine polnische Freundin, fährt in den Ferien oft nach Polen, am liebsten zum Rockfestival "Haltestelle Woodstock" nach Küstrin (Kostrzyn). "Wenn man sich mit dem Nachbarland beschäftigt, wächst das Interesse", sagt der Schüler.

Das Problem sei, findet Oskar, "dass man in Deutschland zu wenig über Polen erfährt. Wir können uns oft nicht unterhalten, weil wir nichts voneinander wissen." Er und Nils glauben, dass sich Polen in Zukunft auch im Tourismus positiv entwickeln wird. "Es ist schön und billig", meinen beide. Und haben schon viele befreundete Nicht-Polen vom Urlaub an der polnischen Ostsee überzeugt.

Lucas Zarna, dessen Eltern aus ? ódz stammen, sieht in zwei Jahren sogar eine neue Wende für Polen voraus: "Mit der Fußballeuropameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine wird das Land einen Superstatus erreichen und enorm an Popularität gewinnen." Und dann wird in Polen vielleicht sogar ein neues Sommermärchen beginnen

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