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Corinna Philipps und Beate Pfeiffer 08.05.2010 07:15 Uhr - Aktualisiert 18.06.2010 18:30 Uhr

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Marek Prawda & Birgit Fischer: Sportliche Nachbarn

Brandenburg (moz) Gleichmäßig ziehen Birgit Fischer und Marek Prawda ihre Paddel durch die Havel. Der Zweier-Kajak nimmt Fahrt auf und schiebt sich vorbei an den Sehenswürdigkeiten und durch die Schleuse der Stadt Brandenburg. „Wir sollten einfach mehr miteinander Kanu fahren“, lacht der polnische Botschafter. „Dann klappt es auch besser mit den Nachbarn.“

  Der Diplomat Marek Prawda freut sich schon auf die
Weltmeisterschaft in Poznan. © MOZ/Martin Römer

Für den Diplomaten geht ein lang gehegter Traum in Erfüllung: „Einmal auf der Havel paddeln.“ Und dann auch noch mit der achtfachen Olympiasiegerin Birgit Fischer als „Steuerfrau“. Besser geht es nicht. Doch zuerst müssen die apfelgrünen, nagelneuen Boote der berühmten Kanutin vor dem Bootshaus des Ruder-Clubs-Havel getauft werden. Auf die Namen Moskau – hier nahm Birgit Fischer 1980 zum ersten Mal an den Olympischen Spielen teil – und Poznan.

„Zu Poznan habe ich eine besondere Beziehung. Hier war ich oft zu Regatten, und hier bin ich 2005 auch eines meiner letzten Rennen mit meiner Nichte Fanny im Zweier gefahren“, erzählt die 48-Jährige fast etwas wehmütig. Und die Sportlerin schwärmt: „Polen ist ein Kanu-Land. Dort ist unser Sport fast so beliebt wie Fußball. Immer stehen Tausende Besucher an der Strecke.“ Klar, dass dem polnischen Botschafter in Deutschland die Taufe mit Rotkäppchen-Piccolo nach diesen Worten leichtfällt.

Und die Diplomsportlehrerin gibt Anweisungen: „Sie sitzen vorne, ich hinten. Der, der hinten sitzt, muss steuern. Nicht, dass ich ihnen das nicht zutraue …“ Marek Prawda nimmt’s gelassen. „Ich werde unterschätzt. Auch meine Töchter haben dagegen gewettet, dass ich trocken zurückkomme.“

Und dann geht es auch schon aufs Wasser. „Wir fahren eine Stunde durch meine Geburtsstadt Brandenburg. Erst durch die Untere Havel, dann durch die Schleuse auf der Oberen Havel zurück. Das schaffen wir“, so die Kanurennsportlerin optimistisch. Der schlanke Botschafter sieht sportlich aus, findet Birgit Fischer. „Bei Botschaftern erwartet man ja meistens jemanden, der ein bisschen fülliger ist.“

Während das Boot der beiden Autorinnen zielsicher im ersten Ufer-Gebüsch strandet, zeigt Prawda, geboren 1956 in Kielce, offensichtliches Talent beim Paddeln im Zweier-Kajak. Der Botschafter macht sich Sorgen um uns. „Wie tief ist das Wasser hier?“, fragt er Birgit Fischer. „Zwei Meter mindestens. Die haben nicht gesteuert.“ Nach kurzen Anweisungen der Expertin sind auch wir endlich auf Kurs.

Marek Prawda, der an der Universität Leipzig in den Siebzigerjahren Wirtschaftswissenschaften studierte, genießt die Stille auf dem Wasser und atmet tief durch. „Das hier ist herrlich.“ Nach dem tragischen Absturz der polnischen Präsidenten-Maschine in Smolensk scheint die Last der letzten Wochen zum ersten Mal vom Diplomaten abzufallen. Zumindest für einen Moment. Und Marek Prawda erzählt davon, wie sehr ihn die zahlreichen Deutschen beeindruckt haben, die nach dem Unglück „mit Kerzen in die Botschaft kamen, weil sie im Fernsehen gesehen hatten, dass das in Polen so üblich ist“.

Der promovierte Soziologe hofft, dass sich seine Landsleute nun „nicht in dieser Opferrolle gefallen werden und die Tragödie als Fortsetzung der polnischen Leidensgeschichte betrachten. Das wäre das Dümmste, was es gibt. Es war ein schrecklicher Unfall, aber nur ein Unfall.“ Das sieht auch seine prominente Paddel-Partnerin so: „Aus einem Unglück oder einer Niederlage kann man auch Kraft schöpfen. Und dies zum Neuanfang und zum Umdenken nutzen.“

Wir paddeln vorbei am historischen Hafen und der Thälmann-Werft, wo Birgit Fischer mit ihrem Vater ihr erstes Boot baute. Wann sie angefangen hat zu trainieren, möchte der sportliche Botschafter, der Tennis spielt und Ski fährt, von der Olympionikin wissen. „Mit drei Jahren bin ich mit meinen Eltern im Faltboot gefahren. Mit sechs Jahren durfte ich allein aufs Wasser. Bei uns war und ist Paddeln ein Familiensport. Auch meine zwei Kinder können gut paddeln.“

Der Diplomat und Vater zweier Töchter erzählt von der Kanu-Weltmeisterschaft in Poznan in diesem Sommer, bei der er unbedingt dabei sein möchte. Und zu der auch viele Brandenburger Paddel-Profis anreisen werden. „Das ist viel mehr als Sport“, schwärmt der polnische Botschafter. Er findet, dass gerade im Sport Vorurteile schneller über Bord gehen, Grenzen eingerissen und Brücken geschlagen werden. „Beim Sport wird einem bewusst, dass wir alle die gleichen Träume haben, die gleichen Erwartungen, dass wir an einem Strang ziehen. Die Sportler haben eine gemeinsame Sprache, weil sie sich gegenseitig achten“, unterstreicht Prawda. Und dieser grenzüberschreitende Austausch, so Birgit Fischer, klappt auch, „obwohl wir ja nicht nur zusammen Liedchen singen, sondern harte Konkurrenten sind“. Vorurteile sind ihr sowieso völlig fremd. „Ich war als aktive Kanurennsportlerin ja auch die meiste Zeit Ausländerin.“

Die erfolgreichste deutsche Olympiateilnehmerin erzählt, dass auch sie polnische Wurzeln habe, ihre Mutter aus Breslau stammt. „Da will ich mit ihr unbedingt noch einmal hin.“ Auch weil Deutsche und Polen nicht nur die geografische Lage, sondern ebenso die gemeinsame Geschichte verbindet, findet Birgit Fischer: Ohne Solidarnosc kein Mauerfall.

„Das ist seit 2009 viel präsenter geworden. Man hat sich erinnert, dass die Mauer nicht von alleine gefallen ist und dass da früher schon eine faszinierende Geschichte der Oppositionsbewegungen in der ganzen Region war. Wir alle wissen über die Rolle von Gorbatschow, den Amerikanern und Helmut Kohl. Das ist unbestritten. Aber wenn wir die Menschen beiseiteschieben, vergessen wir etwas, was das Wesen der Revolution ausmachte: Dass die runden Tische Guillotinen ersetzten und Wahlzettel die Revolver“, so Prawda, der selbst aktives Solidarnosc-Mitglied war.

Die Zukunft, meint Marek Praw-
da weiter, sei näher als die Vergangenheit. Er nennt Beispiele: „Heute arbeiten sehr viele deutsche Handwerker in Breslau. Weil unsere nach Irland abgehauen sind und es in Deutschland viele arbeitslose Handwerker gibt.“ War das „Verhältnis zu Lohn und Preisen früher eins zu zehn, ist es heute nur bei eins zu drei“. Die Zeiten ändern sich. „Daher wäre es hilfreich, wenn die Polen nicht jede Woche überprüften, ob die Deutschen ein gutes Gedächtnis haben, und wenn die Deutschen auch die Möglichkeit nicht ausschlössen, dass Polen außer Traumata auch Ansichten haben“, fügt der Diplomat hinzu.

Denn am Ende sitzen wir alle in einem Boot. Und sind voneinander abhängig. Auch beim Aussteigen aus den wackeligen Kajaks am Steg. „Wir sollten einfach viel mehr gemeinsame Erfahrungen haben, sodass wir uns nicht nur darauf verlassen, was wir mal gehört haben, was man uns gesagt hat, sondern dass wir uns besser kennenlernen, dass wir die Fremdheitsbarrieren überwinden“, sagt Marek Prawda und ist fast ein wenig traurig, dass die einstündige Paddel-Tour schon zu Ende ist.

„Ich komme nächste Woche wieder“, scherzt er. Und Birgit Fischer, die heute eine Paddel-Schule (www.kanufisch.com) am Beetzsee (Potsdam-Mittelmark) betreibt und demnächst in Brandenburg auch noch Theater spielt, ist sich sicher: „Paddeln kann ein Anfang sein.“

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