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Corinna Philipps und Beate Pfeiffer 21.05.2010 11:51 Uhr - Aktualisiert 18.06.2010 18:33 Uhr

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Klaus Dieter Lehmann: Raus aus der Einbahnstraße

Slubice (moz) Klaus Dieter Lehmann liebt die Doppeldeutigkeit der deutschen Sprache. „Deutsch-Wagen“ steht auf dem bunt bemalten Auto geschrieben. Das kann ein Gefährt oder Wagemut sein. „Beides trifft in diesem Fall zu“, erklärt der Präsident des Goethe-Instituts augenzwinkernd.

  Werben gemeinsam für Deutschland und seine Kultur: Klaus-Dieter Lehmann und die Moderatorin der Deutsch-Wagen-Tour, Natalia Sliwinski, vor dem Collegium Polonicum in Slubice. © Dietmar Horn/MOZ

Wir treffen Klaus Dieter Lehmann im polnischen Slubice vor dem Collegium Polonicum, der gemeinsamen Lehr- und Forschungseinrichtung der Frankfurter Europa-Universität Viadrina und der Posener Adam-Mickiewicz-Universität. Dort hat gerade einer der fünf „Deutsch-Wagen“ des Goethe-Instituts Station gemacht. Mit fünf bunten „Caddys“ will das in 83 Ländern tätige Kulturinstitut die Popularisierung der deutschen Sprache in ganz Polen beschleunigen. Das Goethe-Institut mit „Lenker“ Lehmann startet aus der Pole-Position.

„Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so viele Deutsch-Lerner wie in Polen“, sagt Lehmann. „Rund 2,3 Millionen Polen lernen derzeit die deutsche Sprache. Tendenz steigend. Polen ist für uns ein echtes Vorzeigeland.“ Viele der Deutsch-Schüler arbeiten bei deutschen Firmen in Polen, die es schätzen, wenn ihre Mitarbeiter die deutsche Sprache beherrschen. Andere brauchen sie „zur Qualifizierung“, weil sie in Deutschland arbeiten möchten.

Zu der erfreulichen Bilanz hat aber wohl auch die Deutsch-Wagen-Tour des Instituts beigetragen, die vor einem Jahr gestartet ist und noch mindestens zwei Jahre durch ganz Polen führt. Der Präsident des Goethe-Instituts, der selbst kein Polnisch spricht, ist stolz auf die völkerverbindende und erfolgreiche Aktion: „Wenn die Deutsch-Wagen des Goethe-Instituts vor Kitas, Schulen, Universitäten und Kulturinstituten auftauchen, ist das für die, als wenn der Zirkus kommt.“

Das bestätigt auch Natalia Sliwinski, Sprachlektorin auf einem der fünf Deutsch-Wagen. „Mit lustigen Spielen, spannenden Rätseln, moderner deutscher Rock- und Pop-Musik, deutschen Filmen und informativen Lehrbüchern versuchen wir, den Schülern und Studenten die deutsche Sprache und Kultur auf unterhaltende Weise nahe zu bringen“, erzählt die 27-Jährige aus Gliwice, die in Kassel aufgewachsen ist und in Bremen Germanistik studierte.

Sie möchte mit ihrer Arbeit vor allem Berührungsängste abbauen. „Viele Polen sind noch nie mit der deutschen Sprache oder Kultur in Berührung gekommen.“ Da gilt es, Pionierarbeit zu leisten. „Zum Glück ist das Interesse riesig, sind die Menschen sehr aufgeschlossen. Unsere Wagen sind bis Ende des Jahres ausgebucht“, resümiert Natalia Sliwinski zufrieden.

Für den Optimisten und Macher Typen Klaus-Dieter Lehmann ist Polen eine Herzensangelegenheit. Am 29. Februar 1940 in Breslau geboren, hat er heute eine „sehr lebendige“ Beziehung zu seiner Geburtsstadt, obwohl er dieser früh den Rücken kehrte. „Mein Opa war Lokomotivführer, und als ich fünf Jahre alt war, haben meine Mutter, mein Opa und ich Breslau mit dem letzten Zug verlassen.“ Lange gab es keinen Kontakt in die alte Heimat. Lehmann studierte Mathematik und Physik, absolvierte eine Ausbildung zum Bibliothekar und wurde 1988 Generaldirektor der Deutschen Bibliothek in Frankfurt/Main.

„Erst später, als Museumsmann, kam dann wieder die Beziehung zu Polen“, erinnert sich Lehmann, der nach der Wiedervereinigung die beiden Nationalbibliotheken in Frankfurt/Main und Leipzig zusammenführte, bevor er 1999 Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin wurde. Heute ist der Netzwerker, der mittlerweile hauptsächlich in Berlin lebt, wieder eng mit seiner Geburtsstadt verbunden. Er ist nicht nur Mitglied der deutsch-polnischen Universitätsgesellschaft in Breslau, er half auch beim Aufbau des historischen Museums mit. Für diese und andere Verdienste um Breslau wurde Lehmann bei der 1000-Jahr-Feier der Stadt 2009 zusammen mit anderen deutschen und polnischen Breslauern unter Applaus vor dem Rathaus geehrt. „Das hat mich sehr gerührt.“

Wie geschätzt und hoch geachtet Lehmann in Polen ist, erfahren wir vor dem Collegium Polonicum. Dort wartet schon eine kleine Delegation, um „den hohen Gast“ zu einem Gespräch abzufangen. Lehmann ist hier ein gern gesehener Partner. „Zusammen mit der Viadrina habe ich 1998 dazu beigetragen, dass das Karl Dedecius Archiv im Collegium Polonicum untergebracht wurde.“ Für den „ersten globalen Kulturmanager Deutschlands“, wie ihn Frank-Walter Steinmeier (SPD) einmal nannte, ist Dedecius, bekannter Übersetzer polnischer Lyrik und ehemaliger Direktor des Deutschen Polen-Instituts, der Brückenbauer zwischen Polen und Deutschen auf dem Gebiet der Literatur. „Mit dem Archiv gibt es nun die große Chance, diese Beziehung zwischen den Intellektuellen, zwischen deutschen und polnischen Autoren lebendig zu halten.“

Der Kommunikator Lehmann, dessen Leben immer wieder ein Neuanfang war mit der Chance, an das Alte anzuknüpfen, wirbt für noch mehr Verständnis und Interesse der Deutschen für die Polen und ihre Sprache: „Es ist immer schlecht, wenn man Einbahnstraßen fährt.“ Und er lobt Polens „vorbildliche Fremdsprachenpolitik. Hier wird ab der ersten Klasse eine Fremdsprache und ab der ersten Klasse im Gymnasium eine zweite gelehrt. Dabei ist die deutsche Sprache richtig gut vertreten.“

Wichtig ist dem pragmatischen Visionär, wie er sich selbst gerne beschreibt, vor allem der rege Kulturaustausch zwischen den Ländern. „Die Polen sind neugierig auf Deutschland. Sie lieben Literatur, Kunst und Musik. Sie sind ein kulturell sehr interessiertes Volk. Das macht auch dem Goethe-Institut die Arbeit leichter.“ Lehmann versucht immer wieder, „Klischees aufzubrechen, die Beziehungen zwischen Deutschen und Polen auch wirklich lebendig zu machen“.

Gut gemeinte Absichtserklärungen und repräsentative Auftritte der Politiker helfen dabei allerdings wenig, so Lehmann. „Wir müssen mehr persönliche Beziehungen aufbauen.“ Er traut vor allem der Kunst und Kultur auf diesem Gebiet viel zu. „Weil sich hier einfach die Möglichkeiten bieten, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Weil man hier Dinge aussprechen und ausdrücken kann, die in der Politik nicht möglich sind.“

Der zweifache Vater und doppelte Großvater, der seit 45 Jahren mit seiner Frau Lisa verheiratet ist, erzählt von der großen Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe „The Promised City“ des Kulturinstituts, die derzeit zwischen Berlin, Warschau und Mumbai läuft und die er kürzlich in Warschau eröffnet hat. „Ich erlebe immer wieder, dass, wenn wir Künstler aus Deutschland und Polen zusammen bringen, sich dauerhafte Beziehungen entwickeln.“

Besonders gute Arbeit leiste auch das deutsch-polnische Jugendwerk, so der 70-Jährige. „Entscheidend wird sein, dass wir die Jugend beider Länder gewinnen, dass wir nicht rückwärtsgewandt leben, sondern nach vorne gehen, dass wir Perspektiven entwickeln.“ Und dass wir etwas wagen. Vielleicht sogar, die polnische Sprache zu lernen.

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