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Corinna Philipps und Beate Pfeiffer 18.06.2010 18:26 Uhr - Aktualisiert 21.06.2010 11:32 Uhr

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Natalia Avelon: Mit Energie ans Ziel

Berlin (moz) Ich bin eine Träumerin“, gibt die deutsch-polnische Schauspielerin Natalia Avelon freimütig zu. „Ich lebe gerne in einer Fantasiewelt, fühle mich wohl, wenn ich mir Filme anschaue, mich in diese Welt emotional einspinne. Irgendwie ist die Kunstwelt angenehmer und unkomplizierter als die Realität.“ Dabei steht die 30-Jährige („Der Schuh des Manitu“ und „Das wilde Leben“) mit beiden Beinen fest im Leben. Und weiß präzise, was sie will.

  Talent allein reicht nicht aus: Natalia Avelon (Mitte) mit Schülern der Theatergruppe der deutsch-polnischen Robert-Jungk-Oberschule in Berlin. © MOZ/Martin Römer

Wir treffen Natalia Avelon, die im wirklichen Leben Natalia Siwek heißt („aber das kann niemand aussprechen“), im polnischen Café „Metropolen“ in der Westfälischen Straße in Berlin-Wilmersdorf. Später sind wir zu Proben der Theatergruppe an der deutsch-polnischen Oberschule Robert-Jungk eingeladen.

Natalia bestellt Bionade und sprudelt mindestens genauso wie ihr Kaltgetränk. Gerade kommt die quirlige, hübsche Schauspielerin, die auch noch singen kann und 2007 zusammen mit „Him“-Sänger Ville Valo mit „Summer Wine“ Platz zwei der deutschen Charts erreichte, zurück aus der Nähe ihrer Geburtsstadt Wrocław (Breslau). Dort hat sie ihre Großeltern besucht. „Ich mach kein Yoga, ich meditiere nicht. Ich pfeife auf die Malediven und auf Malle. Für mich ist Unkraut jäten mit Opa im Garten das Paradies auf Erden.“

Dort tankt die Schauspielerin auf, dort kann sie abschalten. Auch wenn sich ihre Karriere („Tatort“, „Bulle von Tölz“) in der polnischen Nachbarschaft längst herumgesprochen hat und es schon mal vorkommt, dass sie zwischen den Blumenbeeten um Autogramme gebeten wird.

Oma und Opa sind stolz auf ihre zielstrebige Enkeltochter. Obwohl Natalia in der Rolle des ersten deutschen Groupies, Uschi Obermaier, im Kinofilm „Das wilde Leben“ an der Seite von Matthias Schweighöfer für den Geschmack der katholischen Oma „viel nackte Haut“ sehen ließ. Dem Opa hat Natalia den Film vorsorglich lieber gar nicht erst gezeigt.

Wir kommen in der Robert-Jungk-Oberschule in Berlin an. Die Schüler der Theatergruppe, die am Abend „Leonce und Lena“ von Georg Büchner aufführen, sind neugierig auf ihr Vorbild, wollen wissen, wie Natalia Avelon es von Polen in die deutsche Filmwelt geschafft hat.

Damian Michalak, dessen Eltern aus Stettin stammen, möchte als erstes ein gemeinsames Foto. „Ich bin stolz auf Natalias Karriere, auch weil sie wie ich polnische Wurzeln hat.“

Dabei hatte ihr Leben anfänglich nicht gerade nach einer Karriere im Rampenlicht ausgesehen. Als Natalia 1980 hinter dem Eisernen Vorhang geboren wurde, hielt Lech Walesas Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc mit ihren Streiks gerade die Welt in Atem.

Natalia selbst wuchs ohne Entbehrungen auf. „Dass es Schwierigkeiten beim Beschaffen jeglicher Konsumgüter gab, habe ich damals nicht zu spüren bekommen“, erzählt sie. „Ein Teil unserer Familie lebt in Holland, und es gab Pakete aus dem Westen, mit Schokolade, Kleidern und Lego.“

Ein Jahr vor dem Mauerfall, Natalia war acht Jahre alt, zog die Familie nach Deutschland. „Meine Eltern wollten mich in einem demokratischen Land aufwachsen lassen, wollten mir alle Chancen bieten.“ Ein steiniger Weg, der zuerst in eine völlig verdreckte Kreuzberger Wohnung führte. „Die Wände waren mit Rotwein vollgespritzt. Es stank widerlich. Außer Dreck und ein paar demolierten Möbelresten war nichts da. Man kann sich vorstellen, wie motivierend dieser Anblick war“, erinnert sich Natalia. Sie fand es trotzdem „aufregend“. Die Welt war plötzlich viel bunter.

Wenig später fand sich die Familie in einem 4000-Seelen-Dorf bei Karlsruhe in einem Asylantenheim wieder. Während insbesondere ihre Mutter unter der Situation litt, versuchte das junge Mädchen, das Beste daraus zu machen. „Für mich als Kind war alles spannend, ein Abenteuer. Es war wie eine Wohngemeinschaft, in der auch Ärzte und Anwälte aus anderen Ländern lebten, die sich umschulen ließen. Horrorszenarien gab es nicht.“ Schnell lernte sie die deutsche Sprache, gewann Freunde. Die Familie fand eine Wohnung, wurde vom ganzen Dorf unterstützt.

Noch heute erinnert sich Natalia an besondere Schlüsselerlebnisse. Daran, wie ein Mädchen ihrer Klasse sie fröhlich anlächelte und gleich mit ihr redete, obwohl sie kein Wort Deutsch verstand. Und an die Filme, die sie plötzlich gucken konnte. „Ich habe mit Horrorfilmen gehandelt. Die habe ich aufgenommen und für fünf Mark an meine Mitschüler verkauft.“

Als Teenie schickte sie ihre Bilder an Casting-Agenturen und Jugendmagazine. Sie bekam die ersten Model-Jobs, machte Abitur und studierte einige Semester Theaterwissenschaften. Natalia, die sich selbst als „super ehrgeizig“ beschreibt, nahm Gesangs- und Tanz- und sogar Sprachunterricht, um den badischen Dialekt los zu werden. Bald wurde ihr Engagement mit einer Rolle in einer Gerichtsshow belohnt. Es folgten weitere Rollen, mittlerweile ist sie seit 12 Jahren „im Geschäft“. Zu Kopf gestiegen ist ihr der Erfolg nicht. „Ich weiß, was es heißt zu arbeiten, ich kenne meine Wurzeln, habe eine tolle Familie.“

Und sie hat immer auch viel Glück gehabt. Vorurteile hat sie nie erlebt. Erzählt Natalia. Sie rät den Schülern, sich selbst treu zu bleiben und sich Ziele zu setzen. Und sie lobt die „tolle Vorführung“ der Theatergruppe, bescheinigt den jungen Schauspielern Talent. Sie rät ihnen, sich nicht darum zu kümmern, „was andere denken und sagen“. So hat auch Natalia bei der Wahl ihres heutigen Outfits, einer türkisfarbene Tunika über Hotpants, lange überlegt. Die Leute könnten denken, sie habe nichts drunter. „Das ist so eine ganz typisch polnische Haltung, das muss ich noch ablegen.“

Dafür hat sie gelernt, dass es sich lohnt zu investieren. In Bildung, in die Karriere, auch ohne Beziehungen. „Sobald ich Energie, Zeit und viel Arbeit investiere, kommt immer etwas zurück.“ Gerne würde sie auch in Polen drehen. Und eine CD aufnehmen. „Die junge Generation in Polen ist der deutschen sehr ähnlich.“

Die Schüler hören Natalia, die gerade unter anderem mit Christoph Maria Herbst für einen ProSieben-Spielfilm vor der Kamera stand, aufmerksam zu. Auch wenn der ein oder andere noch davon träumt, „einfach nur so entdeckt zu werden“. Aber manchmal werden Träume ja auch wahr, wie man an Natalia sieht.

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