(moz) Die Bundestagsabgeordnete Agnieszka Malczak ist in Polen geboren und in Deutschland aufgewachsen. Sie hat früh gelernt, was es heißt, nicht dazu zu gehören.
Zwei auf einer Wellenlänge: Bundestagsabgeordnete Agnieszka Malczak und Hausherr Piotr Mordel vor dem Club der polnischen Versager.
Agnieszka Malczak hat sich durchgeboxt. Von Anfang an hat die 26-jährige Bundestagsabgeordnete der Grünen Kritiker und Bedenkenträger ausgezählt. In der Schule, wenn sie gegen Vorurteile ankämpfen musste, weil der Lehrer in ihrer Gegenwart Polenwitze riss. Oder im Deutschen Bundestag, als sie 2009 als jüngste Abgeordnete von ihren älteren Kollegen belächelt wurde, sich aber durch Engagement und Einsatz schnell Respekt verschaffte. Die vielen „Nadelstiche“ haben sie angespornt, ihren Ehrgeiz geweckt.
Wir treffen Agnieszka Malczak, die ihren Wahlkreis im baden-württembergischen Ravensburg hat, im „Club der polnischen Versager“ in Berlin-Mitte. Sie hat sich den Ort für das Interview selbst ausgesucht. „Ich versuche immer etwas zu finden, was auch zu mir passt. Der ,Club der polnischen Versager‘ gefällt mir, weil er jung, lebendig und ein bisschen alternativ ist“, erzählt die Politikerin.
Agnieszka Malczak, die für die Grünen unter anderem im Verteidigungsausschuss sitzt, hat früh gelernt, was es heißt, nicht „dazu zu gehören, anders zu sein“. Als ihre Eltern, frühe Solidarnosc-Anhänger, mit der damals vierjährigen Tochter kurz vor dem Mauerfall aus dem polnischen Legnica (Niederschlesien) nach Dortmund kamen, waren anfangs nicht nur Sprachbarrieren zu überwinden. „Als Kind bekam ich von anderen Kindern zu spüren, dass ich nicht hier geboren bin, dass ich deshalb nicht mitspielen durfte. Das hat mich sehr getroffen. Das sind keine schlimmen Erinnerungen, aber doch kleine Nadelstiche, die einen prägen.“ Auch ihre Lehrerin machte ihr unmissverständlich klar, dass sie es in Deutsch nie zu Höchstleistungen bringen würde. Am Ende schloss Agnieszka ihr Abitur auf einem katholischen Gymnasium mit der Note 1,5 ab.
Von ihren Eltern hat die Politikerin, die an der Universität in Tübingen Politikwissenschaft, Philosophie und Öffentliches Recht studiert hat, gelernt, sich „nicht wegzuducken, sich einzumischen und sich für andere, für Schwächere einzusetzen. Da ist so ein ganz starkes Ungerechtigkeitsempfinden. Wenn irgendetwas passiert, was nicht in Ordnung ist, dass man dann aufstehen muss. Auch wenn man die Kleine, die Jüngere, die Schwächere ist. Das hat sich durch mein Leben gezogen“.
Die Politik lag da beinahe auf der Hand. Auch wenn Agnieszka Malczak, die seit 2004 Mitglied bei Bündnis90/Die Grünen ist, angibt, ihre Karriere nicht strategisch geplant zu haben. Vor ihrer ersten Rede im Bundestag war sie „super nervös, auch wenn ich schon häufiger auf Demonstrationen oder einem Parteitag gesprochen hatte“. Mittlerweile hat Agnieszka Malczak mehr als zehn Reden hinter sich und sich den Respekt der Kollegen erarbeitet. „Die Gegenseite teilt meine Meinung vielleicht nicht, findet jedoch, dass ich gut vorbereitet bin, meinen Standpunkt überzeugend vortrage.“ Das freut die Abgeordnete, die ständig zwischen Berlin und Ravensburg pendelt.
Ihre polnische Herkunft hat sich in ihrer Arbeit als Vorteil erwiesen. „Ich mache auch internationale Politik. Da hilft es, Verständnis für verschiedene Kulturen und andere Herangehensweisen zu haben, aber auch diese Sensibilität. Als Kind hat es mich sehr verletzt, wenn jemand gesagt hat, du bist ja nicht von hier. Das prägt und hilft einem, einen gewissen Blick für Ungerechtigkeiten zu haben. So ein Gerechtigkeitsempfinden, das ganz wesentlich ist, wenn man versucht, ein guter Politiker oder eine gute Politikerin zu sein.“
Die Frage, ob sie sich als Polin oder Deutsche fühlt, ist für Agnieszka Malczak einfach zu beantworten: „Ich bin überzeugte Europäerin. Da trifft und mischt sich Deutsches und Polnisches.“ An den Polen schätzt sie vor allem deren „rebellischen Geist, den man auch in der Geschichte Polens ganz gut nachvollziehen kann. Das ist mir sehr sympathisch“. In ihrer Familie werden polnische Traditionen auch heute noch gepflegt. „Bei uns gibt es immer ein polnisches Weihnachtsessen. Mit Uschka, übersetzt Öhrchen: Das sind Teigtaschen mit so einer leckeren Pilzfüllung. Dann gibt es im zweiten Gang Pfannkuchen mit Sauerkraut und Steinpilzen. Danach folgen Karpfen, Kartoffeln und noch mal Sauerkraut mit Steinpilzen. Und dann viele Süßspeisen mit Mohn.“
An ihre Heimat Polen hat die Grüne, die heute auch als Sprecherin für Abrüstung in ihrer Fraktion fungiert, allerdings nur wenige Erinnerungen. „Ich war sehr lange nicht da. Möchte aber im nächsten Sommerurlaub auf jeden Fall nach Legnica, nach Warschau, Krakau und Danzig reisen.“ Das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen sieht sie als „freundschaftlich“ an. „Natürlich ist es nicht immer hundertprozentig konfliktfrei. Aber das ist kein Verhältnis, ob zwischen Staaten oder Menschen.“ Insbesondere im Jugendaustausch habe sich viel getan. „Wir sind ja jetzt im zwanzigsten Jahr des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages. Ich habe in diesem Zusammenhang viele Veranstaltungen organisiert und erlebt, und dort wurde dieser Eindruck ebenfalls bestätigt.“ Auch aus ihrem persönlichen Umfeld würden nun viele Freunde in den Urlaub nach Polen reisen, den Dialog suchen. „Das wäre doch vor zehn bis 15 Jahren noch gar nicht denkbar gewesen.“
Auf die Frage, wie sie als Politikerin, die den Atomausstieg auch als internationales Thema bearbeitet, den geplanten Atomkraftwerken in Polen gegenübersteht, mag sie nicht antworten. „Ich mische mich nicht in die Innenpolitik von Polen ein. Ich wünsche mir aber, dass Europa ein Europa der erneuerbaren Energien und ohne Atomkraft wird.“ Sie hat eben längst gelernt, nicht auf dem diplomatischen Parkett auszurutschen. Genauso, wie sie sich innenpolitisch eher mit Seitenhieben gegen politische Gegner zurückhält, sich lieber an der Sache orientiert. „Auch wenn es häufig mühsam ist, wenn man verhandeln muss, wenn man Kompromisse eingehen muss, das Rückgrat darf man sich nicht verbiegen. Bevor das passiert, bin ich klug genug, dann auch aus der Politik auszusteigen“, bringt Agnieszka Malczak ihre Überzeugung auf den Punkt.
Um die Bodenhaftung nicht zu verlieren, pflegt sie den Kontakt zu Freunden und zur Familie, geht gerne ins Kino und ins Café. Oder eben auch in den „Club der polnischen Versager“, in dem sich in Berlin lebende Polen zu Kino-Abenden, Ausstellungen, zum Austausch oder einfach nur auf ein Bier treffen. „Schon der Name ist großartig. Weil er einfach diese Ideologie, man muss immer mehr leisten, immer mehr verdienen, man ist irgendwie nur das wert, was auf dem Gehaltscheck steht, hinterfragt.“
Ob sie noch oft hierher kommen kann, ist jedoch ungewiss. „Der Club ist eine Eintagsfliege, die sich zehn Jahre am Leben gehalten hat“, erzählt Leiter Piotr Mordel. „Im September feiern wir Jubiläum, vielleicht unser letztes. Dem Club wurde vom Vermieter gekündigt.“ Eine Einigung ist nicht in Sicht. Aber vielleicht kann Agnieszka Malczak helfen. Damit der Kult-Club doch noch erhalten bleibt. Sie hat schließlich schon so einiges durchgeboxt.
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