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Wernicke betritt das Weltall

Rene Wernitz / 12.11.2017, 05:14 Uhr
Rathenow (BRAWO) Der Lilienthal hätte wohl seine Freude am Rathenower Helmut Wernicke. Der auf die 80 zugehende Modellbauer lebt ebenso seine Träume vom Fliegen. Zudem bringt er auf seine Weise Lilienthal groß raus. 1:1-Modelle aus Wernickes Hobby-Werkstatt hängen im Militärhistorischen Museum auf dem Flugplatz in Berlin-Gatow und im Stöllner Lilienthal-Centrum. Jetzt zeigt sich gar, wie Lilienthal als nächstes abheben wollte, wäre im August 1896 nicht der Unfall mit Todesfolge dazwischen gekommen.

Laut Helmut Wernicke waren die Planungen und Vorarbeiten des Flugpioniers schon so weit fortgeschritten, dass er motorgetrieben fliegen wollte. In zwei Jahren Training am Stöllner Gollenberg waren ihm bereits Gleitflugweiten von bis 250 Meter gelungen. Wer weiß, wie weit Otto Lilienthal mit Motorkraft gekommen wäre - rund fünf Jahre vor den US-Brüdern Wright.

1891, so Wernicke, waren Lilienthal am Derwitzer Mühlenberg (bei Werder/Havel) etwa 25 Gleit-Meter mit seinem Flugapparat Nummer 3 gelungen. Das 1:1-Modell, sogar flugfähig, aber nie getestet, hängt in Stölln. Ein weit kleineres Modell versah der Rathenower mit Steuerelementen und einem 4-PS-Motor. Das Modell fliegt, wie im Youtube-Kanal von Wernickes Ehefrau Edith in Videobeiträgen zu sehen ist. Es basiert aber nicht auf den Planungen Lilienthals für dessen ersten Motorflug. Die spärlichen historischen Dokumente darüber seien nicht tauglich, als dass man nach ihnen ein Modell bauen könnte, so Wernicke.

Fast wäre das jüngste motorisierte Gerät zum finalen Werk des Tüftlers geworden, der früher als Elektromeister und zu späteren DDR-Zeiten als Werken-Lehrer beruflich tätig war. Zuletzt, bis 2002, leitete er in Diensten der Stadt eine Modellbau-AG. Doch wie gewohnt, weil Wernicke offenbar nicht anders kann, folgte schon bald das nächste Modell. Mit diesem spannt er nun einen Bogen vom lilienthalschen Ursprung der Fliegerei hin zum gegenwärtigen High-End-Produkt der Menschheit, rund 400 Kilometer über der Erde. Das ist die Internationale Raumstation ISS, das größte künstliche Objekt im Erdorbit.

Das ISS-Modell aus Wernickes Hobby-Werkstatt wurde im Juni dieses Jahres zu einem Hin- und Hochgucker während einer Modellbauflugshow im mittelmärkischen Cammer. Dort schwebte die ISS über dem Festgelände. Der Jungfernflug, sozusagen. Was erst bei genauem Hinsehen auffallen kann, ist ein viermotoriger Multicopter etwa 20 Meter über der Raumstation. An ihm ist eine Sehne befestigt, die die ISS in ihrer Position hält. Als im August das Lilienthal-Fest und im Oktober das Landefest 2017 in Stölln gefeiert wurde, hätte Helmut Wernicke liebend gern seine neuesten Bastler-Produkte gestartet. Doch die Wetterbedingungen verhinderten das. Nächster Start ist daher erst im Mai 2018 bei Stendal. Wenn sich der Geist Lilienthals weiterhin Wernickes bemächtigt, dürften alsbald wohl auch Ufos und Raumschiffe die Werkstatt in Rathenow-Ost verlassen.

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