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Foto: MOZ/Dietmar Horn

Kleist Forum

Das Kleist Forum, betrieben von der Messe- und Veranstaltungs GmbH Frankfurt (Oder), bietet Konzerte, Lesungen, klassisches Drama, moderne Inszenierungen und Komödien bis hin zu Musicals, Opern und Operetten.

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Silvia Fichtner 09.10.2016 19:43 Uhr
Red. Frankfurt (Oder), frankfurt-red@moz.de

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Dalibor Markovic schlägt Kleist

Frankfurt (Oder) (MOZ) Äußerst vergnüglich und anregend geriet der Kampf der Dichter am Freitagabend im Kleist Forum anlässlich der diesjährigen Kleist-Festtage. "Dead or Alive" - tot oder lebendig -, das war hier die Frage. Vier hochgeschätzte tote Dichter gegen vier quicklebendige junge Poeten.

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Ein Erlebnis: Dalibor Markovic imitiert Percussionrhythmen mit dem Mund und bringt seine Texte so zusätzlich zum Klingen. Damit gewann er die Gunst des Publikums bei "Dead or Alive" - tot oder lebendig, dem Dichterwettstreit bei den Kleist-Festtagen.

© Winfried Mausolf

Heinrich von Kleist hat verloren, wenn auch knapp, er wurde Zweiter - hinter Dalibor Markovic! Das Publikum hat es so gewollt. Eingeladen war zum "Poetry Slam", der heutigen Form eines Dichterwettstreites. In sechs, sieben Minuten buhlen Poeten mit eigenen Texten um die Gunst des Publikums. Zufällig ausgewählte Besucher bewerten die Auftritte mit Punkten, die anderen Zuschauer können sich jederzeit einmischen, auch lautstark. So die Regeln.

Die konkurrierenden Dichter: William Shakespeare (dargestellt von dem langjährigen Frankfurter Kleist-Theater-Schauspieler Diether Jäger), Johann Wolfgang von Goethe (gespielt von dem in Frankfurt an der Oder geborenen Schauspieler Stefan Stern, Modernes Theater Oderland), die deutsch-lettische Dichterin Elisa von der Recke (präsentiert von Paco Schwab aus Frankfurt am Main, heute ebenso Modernes Theater Oderland) und Heinrich von Kleist (in Gestalt des renommierten Schauspielers Mathieu Carrière) auf der einen Seite. Ihre Kontrahenten der 1985 in Duisburg geborene, heute in Berlin lebende Kabarettist und Slam-Poet Till Reiners und seine Poetry-Slam-Kollegen Mona Harry, geboren 1991 in Hamburg, heute in Kiel lebend, Temje Tesfu, ähnlich jung, geboren in Dortmund, heute Berliner, sowie Dalibor Markovic aus Frankfurt am Main, 1975 dort auch geboren.

Welche Chance haben die allenfalls in der Szene bekannten Slam-Poeten schon gegen die geballte Berühmtheit der Weltliteratur, mag sich mancher gedacht haben. Irrtum! Am Ende des Abends gewinnen die jungen Wilden. Und auch im Duell der jeweils beiden Besten - Kleist/Carrière und Markovic - hebt der donnernde Applaus unseren jungen Zeitgenossen in den Dichter-Olymp Frankfurts. Ausgerechnet in Kleistens Geburtsstadt!

Dabei hatte der Slam-Poet und Buchautor David Friedrich, selbst gerade Mitte Zwanzig, nach allen Kräften unparteiisch, enthusiastisch, kurzweilig durch den Abend geführt. Und die Dichterstars vergangener Jahrhunderte hatten alle Seelenlagen aufgeboten. Shakespeare sandte seinen blutrünstigen Intriganten Richard III. auf die Bühne (wie ein Messer dringt Diether Jägers gestochen-scharfe Stimme ins Hirn). Goethe schmetterte seine Sturm-und-Drang-Ballade über den gegen seinen Meister rebellierenden Zauberlehrling in den Saal (Stefan Stern spiegelt das Hinübergleiten der Anmaßung in die Verzweiflung, das Versagen bis zum kläglichen Hilferuf so gut, dass sein Goethe am Ende Kleist nur hauchdünn unterliegt nach Punkten - doch wenigstens einmal nun gewinnt Kleist gegen den Weimarer Giganten!). Voll auf Klamauk ist Elisa von der Recke durch Paco Schwab gebürstet. Späte Rache von einer, der die Großmutter das Bücherlesen verboten hatte? Vergeltung dafür, dass sie sich benutzt sah von dem Abenteurer Giuseppe Balsamo alias Graf Cagliostro? Doch das hat sie ja schon zu Lebzeiten mit einer viel beachteten Streitschrift getan. Und endlich Kleist und seine Penthesilea. Mathieu Carrière in Hochform. Fieberhaftes Vibrieren! Wieviel Kleist macht der Schauspieler geradezu körperlich fühlbar! Carrière, der den Dichter nicht nur als Schauspieler nah zu kommen versuchte, sondern auch mit einem lesenswerten Buch.

Und doch - das Publikum ist an diesem Abend von den Slam-Poeten hingerissen. Till Reiners, dem der ungeliebte (Kalt)Start in den Abend zufällt, lässt seine bemerkenswerten analytischen Fähigkeiten des Alltags nur aufblitzen. Er führt uns - zu unserer Verblüffung - ganz leichtfüßig die Unachtsamkeit vor Augen, die sich bei uns eingenistet hat im Empfinden des Geschehens um uns herum. Reiners - eine Hoffnung fürs politische Kabarett in Deutschland. Mona Harry ist eine Poetin, deren erfrischende Wortbilder in Akrobatik münden, die einem förmlich den Atem nimmt. Der stellenweise schwindelerregende Vortragsrhythmus mag zwar ein Markenzeichen des Poetry Slam sein, doch eigentlich ist es schade, dass die wundervoll gefügten Bilder dadurch am Ohr vorbeirauschen. Ihr Kollege Temje Tesfu gibt seinen Worten mehr Raum zu wirken. Auch er kann schnell, trotzdem gestattet er seinen Zuhörern Augenblicke des Nachhängens seiner Gedanken.

Dalibor Markovic ist ein Erlebnis! Selbst wenn man ein ausgewiesener Fan klassischer Dichtung ist, kann man sich seiner Wirkung nicht entziehen. Im Szenesprachgebrauch ein Beatboxer, was meint, dass er Percussionrhythmen mit dem Mund imitiert - und seine Texte so zusätzlich zum Klingen bringt. Eine feine Art der Rap Music. Oder des Hip Hop? Trotz seines Könnens, seines Erfolges hat Markovic ein unprätentiöses Auftreten, angenehm im schrillen Dschungel des Bühnenalltags.

Den vier lebenden Dichtern gemein ist ihr Augenmerk, das auf die Wahrnehmung der Gegenwart sowohl in der Welt als auch vor unserer Haustür gerichtet ist. Wie sagte Till Reiners an anderer Stelle? "Alle können sich auf den Satz des Pythagoras einigen, - aber nicht auf Frieden." Ja, das ist zum Lachen. Ja, das ist zum Weinen. Was geschieht mit uns, wenn uns das Nachdenken zu anstrengend scheint? Das Hinsehen, Zuhören.

Diese Texte, so gewandt und vielfarbig sie auch daher kamen, sie sind dem Publikum am Freitagabend unter die Haut gegangen. Dieser Festtage-Abend war ein funkelndes Zusammentreffen acht leidenschaftlicher Wortartisten vor begeistertem Publikum. Kleist hätte man solche Begegnungen öfter gewünscht.

Mit den Kleist-Festtagen geht es am Dienstag weiter. Im Kleist Museum finden um 11 und 18 Uhr offene Werkstätten zur Shakespeare-Kleist-Ausstellung statt. Um 20 Uhr zeigt das Theater Bremen im Kleist Forum Kleists "Die Familie Schroffenstein". Zur Einführung wird um 17 Uhr in das Kleist Museum eingeladen.

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