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Stephanie Lubasch 22.05.2010 13:40 Uhr - Aktualisiert 02.06.2010 11:37 Uhr

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Das Geheimnis der Moore

Chorin (moz) Wilde Tiere? Fehlanzeige. Dabei soll es von ihnen hier jede Menge geben: Kranich, Specht und Schwarzstorch zum Beispiel, Fischotter, Biber und Rotbauchunke. Sie zu sehen ist jedoch meist nicht das Hauptanliegen für jene Wanderer, die sich ins zwischen Chorin und Brodowin  (Barnim) gelegene Plagefenn aufmachen. Was sie lockt, ist das Moor – und mit ihm das älteste Naturschutzgebiet Brandenburgs. Wer hierher kommt, kann auf eine Zeitreise gehen und, wie es einst Forstmeister Max Kienitz  (1849–1931) beschrieb, sich ein Bild machen, „wie es vordem aussah“.

Fotostrecke

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  Kurzeinführung auf dem Parkplatz: Lothar Grewe (3.v.l.) erklärt den MOZ-Lesern, was es im Moor alles zu sehen geben wird. © Sören Tetzlaff

Genau das wollen an diesem Sonntag auch zwei Dutzend MOZ-Leser. Sie kommen aus dem Oderbruch und dem Landkreis Oder-Spree, aus Bernau und Eisenhüttenstadt. „Ich bin gern in der Natur unterwegs, aber es ist schön, auch mal jemanden dabei zu haben, der einem etwas erklären kann“, sagt Carmen Keiling aus Neutrebbin (Märkisch-Oderland).

Etwas erklären, das können Lothar Grewe und Peter Witt von der Naturwacht Schorfheide-Chorin nicht nur, sie machen es auch gern. Egal, ob direkt im Wald oder mal eben auf dem als Treffpunkt ausgemachten Parkplatz. In Blumenkästen präsentiert Grewe dort eine Auswahl von dem, was man später an Ort und Stelle sehen kann: Moorbirken etwa und das weißbüschelige Wollgras. Die rauschhafte Wirkung des Sumpfporstes, den er zeigt, haben sich schon die Choriner Mönche zunutze gemacht. „Sie gaben die Pflanze dem Bier bei, das sie brauten.“ Außerdem habe man die Blätter gern zwischen die Wäsche gelegt: „Das sollte die Motten abhalten.“

Gegen die Mücken, von denen die Besucher am Eingang zum Naturschutzgebiet empfangen werden, scheint dagegen kein Kraut gewachsen zu sein. Wahre Heerscharen von ihnen wollen ihren Blutdurst stillen – was einige MOZ-Wanderer vermuten lässt, das Plagefenn habe höchstwahrscheinlich ihnen seinen Namen zu verdanken … Natürlich ist das nicht so. Das Fenn, was für Sumpf oder Moor steht, sei nach dem einstmals am Südufer gelegenen Dorf Plawe benannt, was später mundartlich in Plaue oder eben Plage umgewandelt worden sei, erklärt Grewe.

Unter Schutz gestellt wurde das Gebiet rund um den Großen und den Kleinen Plagesee am 4. Februar 1907. Kurz zuvor hatte Max Kienitz, damals Verwalter des Lehrreviers Chorin, beim preußischen Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten einen entsprechenden Antrag gestellt. 177 Hektar Wald und Moor wurden von da an der natürlichen Entwicklung überlassen.

In den zurückliegenden Jahrhunderten war es noch üblich gewesen, das Vieh dort weiden zu lassen, weshalb junge Pflanzen kaum eine Chance hatten, sich auszubreiten. Nun jedoch veränderte sich das Erscheinungsbild: Viele Moore wurden zu Brüchen und Wäldern; auch die Werder, aus dem Sumpf ragende Erhebungen, bewaldeten sich. Seit 1990 gehört das Plagefenn zum Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin; die Schutzzone 1, die nur mit Sondergenehmigung betreten werden darf, wurde auf 276 Hektar erweitert. Doch auch in der sie auf 779 Hektar umgebenden Schutzzone 2, die in Teilen wirtschaftlich genutzt wird, können Wanderer sich wie im Märchenwald fühlen.

Hohe Buchen breiten ihr Blätterdach über Kesselmoore, dazwischen stehen Birken, Eiben, immer wieder auch ein paar Kiefern. Manche tragen noch das typische Rippenmuster, das die Harzmeister dort hinterlassen haben. 12 000 Tonnen Harz seien früher in der gesamten DDR pro Jahr aus den Kiefern gezapft worden, erzählt Peter Witt und zeigt mit den entsprechenden Werkzeugen, wie man das bis 1990 gemacht hat. Noch heute wird auch in Deutschland der klebrige Saft für Farben, Lacke, Klebstoffe und in der Pharmaindustrie verwendet; ein Großteil davon wird importiert.

Auf einem anderen Baum, direkt an der Grenze zum Kerngebiet des Plagefenns, lässt sich der Rest eines Schwarzstorchnestes ausmachen. Der kleinere Bruder des Weißstorches ist eher scheu und brütet statt in Menschennähe lieber in alten, geschlossenen Wäldern mit Still- und Fließgewässern. Nicht weit von dem alten Horst entfernt, liegt eine umgefallene Buche im Moor; in dem Loch, aus dem ihr Wurzelballen ragt, steht Wasser. Hier, in der Zone 1, wird der Baum einfach liegen gelassen – die Wurzeln sind für viele Vögel ein interessanter Nistplatz. Doch auch in der Zone 2 wird nicht ständig „aufgeräumt“: Eine Buche, der der Buchenporling, ein Pilz, der ihre Wurzeln befällt, den Garaus gemacht hat, steht zum Beispiel noch als sogenanntes Totholz am Wegesrand. Sie ist Teil des „Methusalem-Projektes“, einer Initiative, die vor sechs Jahren in Brandenburg gestartet wurde. Fünf alte Bäume werden dabei pro Hektar für die natürliche Zerfallsphase im Wald belassen. Alt- und Totholz soll so als Lebensraum etwa für Spechte und Insekten gesichert werden.

Der Buchenporling, berichtet Grewe, sei derzeit ein echtes Problem in den Wäldern. Insgesamt muss man sich um den Fortbestand der Bäume aber wohl keine Sorgen machen: Der Boden im Plagefenn ist voll von kleinen Keimlingen, zwischen den ausgewachsenen stehen unzählige kleinere Bäume. Die, so Grewe, können allerdings schon ein Menschenalter auf dem Buckel haben. Das nämlich sei die Strategie der Buche: die Wartestellung! „Sobald ein anderer Baum stirbt und ein ,Platz an der Sonne‘ frei wird, schießen sie nach oben.“

Davon, sagt Hannelore Hiekel aus Wulkow (Märkisch-Oderland) erstaunt, habe sie bislang noch nie etwas gehört. Genau so sehr wie über die vielen neuen Informationen freut sie sich über den Waldmeister, der hier überall wächst. Nach gut drei Stunden nähert sich die Wanderung vorbei an verwunschen wirkenden Erlenbruchmooren, vermoosten Wurzelballen, die wie kleine Inseln aus dem Wasser ragen, abgestorbenen Baumriesen, Gräsern und Farnen dem Ende.

Längst hat der Choriner Endmoränenbogen nicht alle seine Geheimnisse preisgegeben. Es lohnt sich, wiederzukommen. Am besten aber, wie Grewe und Witt betonen, mit einem Führer. Nicht ganz grundlos gibt es keine hundertprozentig korrekten Wanderkarten für das Gebiet. Die Natur soll möglichst ihre Ruhe haben. „Und wer nur mal so zum Pilze suchen kommt, sollte gewarnt sein“, sagt Grewe. Im Moor nämlich verliere man nur allzu leicht die Orientierung …

Ausflugstipp

Dem „Geheimnis der Moore“ kann man auch bei der großen Moorwanderung mit Lothar Grewe auf die Spur kommen, die er jeden zweiten Sonnabend im Monat anbietet. Treffpunkt ist jeweils um 13 Uhr vor dem Hotel Haus Chorin in Chorin. Peter Witt dagegen lockt jeden dritten Sonnabend im Monat „Auf die Spuren der Mönche“. Treffpunkt ist um 13 Uhr an der Kasse des Klosters Chorin. Für beide Touren ist keine Anmeldung nötig, sie finden bis einschließlich Oktober statt.

www.schorfheide-chorin.de

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Bild-Copyright: MOZ/Sergej Scheibe




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