Criewen (moz) Die Polderwiesen an der Oder sind im Februar Bühne für ein besonderes Naturschauspiel: Nordische Singschwäne überwintern dort. MOZ-Leser haben den eleganten Vögeln zugehört.
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Winterurlaub in der Uckermark: Diese Singschwäne haben sich auf überfluteten Wiesen in der Nähe des Dorfes Criewen niedergelassen.
Die Uckermark versinkt im Schnee. Stürmischer Wind treibt dichte Flocken über das Land. Straßen sind zugeweht. Autos stecken fest. Dem Wetter zum Trotz hat sich Hans-Peter Ritz auf den Weg gemacht, von Storkow in das uckermärkische Criewen. Fast 150 Kilometer Fahrt. Das letzte Stück, eine schmale Landstraße in das Dorf südlich von Schwedt, ist kaum passierbar. Ritz schafft es trotzdem. Sein Ziel: das Besucherzentrum des Nationalparkes Unteres Odertal.
In dem roten Ziegelbau mit Aquarien voller Fische und Ausstellungstafeln vor den Wänden warten Rosa Haferland und Ralf Thiele von der Naturwacht Brandenburg. „Wir haben schon befürchtet, es kommt keiner“, scherzt Rosa Haferland. Sie und ihr Ranger-Kollege wollen Leser der MOZ zu den Singschwänen führen, die im Unteren Odertal überwintern. Von 26 angemeldeten Gästen sind 15 gekommen, meist Paare, ab 40 Jahren aufwärts. Manche haben eine längere Autobahnfahrt hinter sich, von Strausberg oder Petershagen. Andere kommen aus der Umgebung wie Ortrud Rettschlag, die im Schwedter Vorort Heinersdorf lebt. „Gehört habe ich die Schwäne schon, gesehen noch nicht“, sagt sie. „Dabei bin ich hier zu Hause und habe die Tiere vor der Nase.“
Aber die Vögel machen sich gerade eher rar an der Oder. „Für die Singschwäne ist die Gegend hier wie für uns Mallorca“, erklärt Naturwächter Thiele. Die bis zu zwölf Kilo schweren Vögel fliegen im Winter aus ihren Brutgebieten in Skandinavien oder dem Baltikum ins Untere Odertal, quasi in den Urlaub. Doch der große Badesee auf den Oderwiesen bei Criewen ist in diesem Jahr unter Eis und Schnee verschwunden. Es gibt wenig Futter. „Viele Schwäne sind weitergezogen, an die Elbe oder den Rhein, wo es wärmer ist“, sagt Ralf Thiele. „Etwa 400 Singschwäne sind geblieben.“ Er hofft, dass einige an einem Tümpel, zwei Kilometer vom Dorf entfernt, ihr Nachtquartier beziehen. Ein paar Stunden zuvor sind die Ranger dort gewesen und haben einige Dutzend Tiere gesichtet.
Ralf Thiele lädt sich ein Spektiv, ein großes Fernrohr samt Stativ, auf die Schultern und stapft durch den Schnee zum Oderdeich. Dick vermummt, viele mit Feldstecher um den Hals, folgen die Singschwan-Touristen. Zwischen Hauptdeich und Oder erstreckt sich der Criewener Polder, eine Wiesenlandschaft, die im Winter überflutet ist. Weiden und vertrockneter Röhricht ragen dunkel in den schneegrauen Himmel. Ein Kolkrabe löst sich wie ein schwarzer Schatten aus dem Geäst der Bäume. Kalter Wind bläst den Wanderern ins Gesicht.
Plötzlich durchbricht lautes Rufen die Stille. Es klingt wie Gänseschnattern und doch anders. Höher, eleganter, melodischer. „Singschwäne“, erklärt Rosa Haferland. „Die hört man oft kilometerweit.“ Noch ist nichts zu sehen. „Da!“ Die Frau im grünen Parka zeigt in die Ferne. Fünf Schwäne gleiten durch die Luft. Wie große, weiße Schneeflocken schweben sie hinab, Richtung Wasserloch.
Etwa 300 Meter vom Tümpel entfernt pflanzt Ralf Thiele sein Spektiv in den Schnee. Mehr Nähe würden die Tiere übel nehmen und verschwinden, erklärt er. Die zwanzigfache Vergrößerung des Zeiss-Objektives löst die grauen und schwarzen Punkte am Tümpelrand auf in die Gestalten von Schwänen und Enten. Etwa 200 Vögel drängen sich am Wasser. Singschwäne putzen ihr Gefieder. Daneben sitzen dicht an dicht Stockenten und einige Graugänse. Am späten Nachmittag, wenn die Dämmerung hereinbricht, suchen die Tiere einen Schlafplatz, an dem sie vor Füchsen sicher sind.
Am Wasser herrscht reger Flugbetrieb. Fünf majestätische Höckerschwäne nähern sich mit kraftvollem Flügelschlag. Ein Zischen durchschneidet die Luft. Sie sind größer als die Singschwäne, von denen kurz darauf ein neuer Trupp mit melodischem Singsang niedergeht.
Gesungen wird am Tümpel vorwiegend lettisch. Viele der Singschwäne im Nationalpark sind in Lettland zu Hause, wissen die Naturwächter. Das haben baltische Forscher herausgefunden, die die Tiere mit nummerierten blauen Bändern um den Hälsen markieren. Meist fliegen die Quartiermacher im Oktober in der Uckermark ein, der Pulk der Überwinterer folgt im Dezember.
In milden Wintern herrscht auf den Poldern Hochbetrieb. „Mehr als tausend Singschwäne haben wir dann“, erzählt Rosa Haferland. Im Frühjahr rasten sogar weit über 100 000 Vögel auf ihrem Zug in die Brutgebiete im Nationalpark. Enten, Gänse, Schwäne steuern gern die Nasspolder an, wie den Criewener.
Begrenzt wird er durch zwei Deiche: den Sommerdeich am Fluss und den Hauptdeich im Landesinneren. Im Dezember wird der Polder zum Schutz vor Winterhochwasser geflutet. Ein künstlicher See entsteht, idealer Schlaf- und Gründelplätze für gefiederte Gäste. Auf den angrenzenden Feldern finden sie reichlich Futter.
Die Singschwäne haben sich auf Raps spezialisiert. „Die Bauern sind davon nicht so begeistert“, sagt Rosa Haferland, die seit fast 20 Jahren für die Naturwacht arbeitet. Dieses Jahr haben die Landwirte Glück. Der Schnee deckelt den Raps wie in einer Konservendose, und die Vögel finden nur an Stellen Futter, die der Wind frei gefegt hat. Für Hunderte Urlauber aus Skandinavien ist dieses Buffet aber zu mager.
Statt eines Massenspektakels auf den Wiesen bietet sich den Wanderern ein anderes, seltenes Naturschauspiel. Ein richtiger Winter, eine tief verschneite Landschaft – mit Singschwänen. Naturwächter Thiele hat sein großes Fernrohr auf eine noch längere Brennweite eingestellt. Keiner der mitgebrachten Feldstecher kann konkurrieren. Eine sechzigfache Vergrößerung zoomt die Vögel auf eine Distanz von wenigen Metern heran. Damit lassen sich Details erkennen.
Die Höckerschwäne, die nur zischen, nicht singen können, haben einen orangefarbenen Schnabel mit der charakteristischen Wulst darauf, erläutern die Naturwächter. Der Schnabel der Singschwäne ist gelb und schwarz. Sie überwintern bis März und kehren dann nach Nordeuropa zurück. Mit Glück können Beobachter die Balz der Vögel sehen, mit der sie vor der Heimreise beginnen.
Nach Balzen ist an diesem Nachmittag keinem Schwan zumute. Die Schlafgemeinschaft am Tümpel hat sich sortiert. Die Höckerschwäne sitzen ganz außen, dann folgen Enten und Gänse, danach die Singschwäne. Jede Art streng getrennt von der anderen. „Als wäre eine Wand dazwischen“, sagt Rosa Haferland. „Aber das sind ja auch alles Familienverbände. Die kennen sich.“ Selbst wenn die Clans Distanz halten, steckt Müdigkeit offenkundig an. Die Schwäne haben ihre langen Hälse an das Gefieder geschmiegt und die Schnäbel unter den Flügeln versteckt. Der Flugbetrieb kommt zum Erliegen. Das Dämmerlicht schwindet. Ralf Thiele packt sein Fernrohr zusammen.
Der Storkower Hans-Peter Ritz ist beeindruckt von dem Erlebten. Er wohnt zwar in einer wasserreichen Gegend mit vielen Vogelarten – aber Singschwäne gibt es dort nicht. „Ich wusste nicht, dass man diese seltenen Schwäne in der Uckermark sehen kann. Ich habe davon erst in der Zeitung gelesen“, erzählt Ritz beim Rückweg über den Deich. Inzwischen ist es fast dunkel. Am polnischen Oderufer leuchten die Straßenlampen von Niedersaathen. Am deutschen Ufer schimmern die Lichter des Criewener Gutshauses und der Kirche durch die Bäume. Über dem Odertal liegt eine tiefe Stille.
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Bild-Copyright: MOZ/Sergej Scheibe
