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Ina Matthes 04.03.2010 15:32 Uhr - Aktualisiert 02.06.10 16:03 Uhr

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Krötenmänner reisen huckepack

Frankfurt (Oder) (moz) Krötenweibchen haben im Frühling schwer zu schleppen. Moorfrösche sind zwei Wochen blau. Bei einer Wanderung mit Naturschützern über die Oderwiesen bei Frankfurt erfuhren MOZ-Leser, warum das so ist.

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  Die Weibchen tragen die Männchen zum Laichen – bis zu fünf Kilometer weit. ©

Es sieht ein bisschen jämmerlich aus, wie der Frosch da baumelt. Kopfunter, festgehalten am Fuß. Ein schwaches Quäken, dann hört er auf zu zappeln. „So hält man einen Frosch richtig“, erklärt Nico Brunkow den staunenden Kindern und Erwachsenen, die ihn umringen. Der Naturschützer fasst vorsichtig den Fuß zwischen Daumen und Zeigefinger. Der Frosch, erklärt er, fürchtet, er werde gleich gefressen. Und stellt sich in höchster Not tot.

Das bewegungslose Tierchen kann Brunkow nun in aller Ruhe untersuchen. Wie fühlt sich der kleine Höcker an der Ferse an? Liegen die Pupillen in den Augen quer oder stehen sie senkrecht wie bei einer Schlange? Ist das Maul eher spitzer oder rundlicher?

Der Scheintote ist ein Rundmaul, ein Grasfrosch. Er lebt in den Oderwiesen von Frankfurt. Das ist ein langgestreckter Wiesengürtel, durchzogen von Gräben, die Kopfweiden säumen. Im Frühjahr steht dort das Wasser in großen Tümpeln. Ein ideales Zuhause für Frösche und Kröten. Nico Brunkow, Alexander Stöcklein und Hans-Jürgen Fetsch vom Frankfurter Naturschutzbund (Nabu) haben MOZ-Leser an die Oderwiesen eingeladen, zur Krötenwanderung. Viele Familien aus Frankfurt und Umgebung sind gekommen, und sogar ein Berliner mit seinem Enkel ist dabei.

Die Leute vom Naturschutzbund haben am Rand der Wiesen, an einer Straße, Krötenzäune gesetzt. Entlang der grünen Gazebahnen sind Eimer eingegraben. Auf ihrer Wanderung zu den Laichgebieten plumpsen die Kröten und Frösche in diese Gruben. Ein glücklicher Fall. Denn morgens und abends kontrollieren ehrenamtliche Helfer die Eimer und tragen die Tiere sicher über die Fahrbahn.

Was hat sich in der letzten Nacht hier gefangen? Nico Brunkow und Alexander Stöcklein haben für die Kinder und Erwachsenen ein paar verschiedene Arten aus den Eimern gefischt und in einem weißen Plastikbehälter gesammelt. Da hockt ein dickes Erdkrötenweibchen mit einem mageren Männchen auf dem Rücken. „Die paaren sich“, weiß ein Junge aus der Gruppe sofort Bescheid. Bis zu 3000 Eier legt ein Weibchen, erzählt Nico Brunkow. Erdkröten sind Massenproduzenten. Viele ihrer Eier enden in Fischmägen. Der erfolgreichere Nachwuchs gräbt sich über den Winter in der Erde ein, in Mäuselöchern. Doch viele der kleinen Kröten wachen im Frühjahr nicht auf. „Ihre Reserven reichen nicht, die sterben im Boden“, erläutert Brunkow. Aber der zurückliegende schneereiche Winter war für die Amphibien günstig, das Erdreich fror nicht tief.

So hat auch der bräunliche Moorfrosch überlebt, den Nico Brunkow als nächsten in die Höhe lüpft und der sich sofort protestierend aufbläht. In den Eimern ist auch eine braune Kröte mit warziger Haut, Schlangenaugen und leichtem Knoblauchgeruch gelandet. Eine Knoblauchkröte, die zu den Krötenfröschen zählt. Die Biologen sind sich nicht einig, ob sie nun eher Frosch oder mehr Kröte ist. Bei einem zarten grünlichen Hüpfer dagegen ist die Sache klar: Das ist ein Teichfrosch.

Nach dem kurzen Exkurs in Frosch- und Krötenkunde werden die Gefangenen in die Freiheit entlassen. Die Kinder dürfen sie in einen Graben setzen. Der achtjährige Marc hält seinen Kröte in beiden Händen wie eine Blüte, die man nicht quetschen darf. „Ein bisschen glitschig“, findet er. „Im Urlaub habe ich schon mal einen Frosch gefangen“, erzählt Marc und lässt die Kröte mit sanftem Schwung ins Wasser platschen. Dort landet auch der scheintote Grasfrosch – und schwimmt sehr lebendig davon.

Alle Anschauungsexemplare sind wieder frei; die Gruppe geht mit ihren drei Führern an den Krötenzäunen entlang. Auf der Straße liegt eine plattgefahrene Erdkröte, die es irgendwie am Zaun vorbei geschafft hat. Sie ist glücklose Teilnehmerin einer Massenbewegung. Im zeitigen Frühjahr, wenn die Temperaturen steigen, zieht es die Frösche und Kröten in ihre Laichgebiete. Warmes Wetter und ein bisschen Nieselregen sind ideal. Dann hüpfen und laufen alle auf einmal los, wie auf Kommando. Der Marsch kann in drei Tagen vorbei sein oder sich über Wochen ziehen, je nach Wetter. Die Tiere legen ihren Laich bevorzugt in fischfreien Tümpeln ab. Manche bleiben nur ein paar Tage dort, andere wochenlang.

Nach dem Laichen wandern sie zurück, in ihre Sommerquartiere wie feuchte Wiesen. Eigentlich müsste auch der Rückmarsch mit Zäunen und freiwilligem Froschtransport gesichert werden, meinen Stöcklein und Brunkow. „Doch wer soll das machen?“ Die Kräfte der Freiwilligen sind begrenzt. Glücklicherweise treten die Tümpelbewohner den Rückweg eher vereinzelt an. Dann sind nicht Scharen auf der Straße, so wie jetzt beim Zug in die Laichreviere.

Eines davon liegt nur wenige hundert Meter vom Krötenzaun entfernt. Ein schlammiger Pfad schlängelt sich vom Straßenrand durch den Eichwald, ein Naturschutzgebiet und eine der größten Hartholzauen Deutschlands mit Eichen und Buchen. Ein Biber hat dort einen gewaltigen Damm errichtet. Hinter den Ruinen einer früheren Gaststätte liegt das Buschmühlenloch, eine wassergefüllte Senke, die in heißen Sommern völlig austrocknen kann. Naturschützer HansJürgen Fetsch zeigt auf das Wasser und reicht seinen Feldstecher weiter. Die beweglichen dunklen Flecke auf Inseln aus Zweigen und Laub entpuppen sich als Frösche. „Wenn die Sonne scheint, dann ist das Wasser hier manchmal richtig blau“, sagt Fetsch. Eingefärbt von Fröschen, denn die Moorfroschmännchen verfärben sich in der Paarungszeit für etwa zwei Wochen blau. Doch der Himmel ist an diesem Morgen trübe. Kein Bläuling zeigt sich, nur ein leises Blubbern ist zu hören, als ob eine leere Glasflasche in der Badewanne versenkt wird. Ein Moorfroschkonzert.

Die 13-jährige Isabell hat dafür gerade keinen Sinn, sie hat eine Kröte gefangen. „Ein Männchen“, erklärt sie und zeigt auf die schwarzbraunen Schwielen an den Krötenfingern. Isabell hat sich gemerkt, was Nico Brunkow am Start der Führung erzählt hat. „Männchen haben schmutzige Finger.“ Mit ihre Brunftschwielen kleben sie an den Weibchen fest wie die Kletten. Brunkow hat schon eine Erdkröte gesehen, die sieben Männchen huckepack zum Laichen schleppte. Isabell findet ihren Fund „süß, vor allem wegen der großen Augen“. Zu Hause hat sie ein Terrarium mit Fröschen.

Die jüngeren Kinder aus der Wandergruppe fischen inzwischen mit Keschern, die die Nabu-Leute eigens mitgebracht haben, nach Fröschen im Tümpel. Marc und Robin balancieren mit ihren Gummistiefeln auf glitschigen, verrottenden Baumstämmen am Ufer. „Hier liegt Laich“, ruft Robin aufgeregt und zeigt auf einen schleimigen Klumpen im Schlamm. Nico Brunkow greift mit der Hand nach dem schlierigen Batzen. Kleine Gallertperlen mit einem schwarzen Punkt in der Mitte kleben aneinander. Alexander Stöcklein blickt kritisch auf das Häufchen. „Vom Moorfrosch oder Grasfrosch.“ In zwei Wochen wird sich diese Frage klären – dann schlüpfen am Buschmühlenloch die Kaulquappen.

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