Nennhausen (moz) Bei der Balz legen sich jetzt die Großtrappen mächtig ins Zeug. Das Spektakel ist ein Kraftakt für die Vögel – und ein Schauspiel für ihre Zuschauer.
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Das Havelländische Luch ist ein endlos weites Land. Feuchte Wiesen und frischgepflügte braune Äcker erstrecken sich hügellos bis zum Horizont. Langgezogene Baumreihen, Waldstücke und verstreut liegende Dörfer geben dem platten Land ein wenig Profil. Eine Landschaft für Romantiker wie den Dichter Friedrich de la Motte Fouqué, der vor 200 Jahren in seinem Barockschloss im havelländischen Nennhausen Kunstmärchen über unglückliche Nixen schrieb.
Doch im zeitigen Frühjahr, wenn die ersten Sonnentage locken, werden die sanften Wiesen um das Dorf Nennhausen zur Showbühne. Dann plustern sich dort die Selbstdarsteller, und das Publikum strömt in Scharen. Es ist Balzzeit bei den Großtrappen.
Eine Gruppe Leser der Märkischen Oderzeitung will das Schauspiel sehen, das die schwersten flugfähigen Vögel der Welt auf die Naturbühne bringen. Über holprige Feldwege schaukelt der Reisebus aus Frankfurt dem Auto der Biologin Sabine Schwarz hinterher. Die Naturführerin vom Förderverein Großtrappenschutz aus Nennhausen stoppt an einem Holzturm mit breiten Luken. Die Aussichtsplattform am Wiesenrand ist die Zuschauerloge. Steile Holzstiegen führen nach oben.
Von dort lässt es sich gut beobachten, das Spektakel in der Abenddämmerung. Zwei Naturfotografen haben sich auf dem Ausguck schon in Stellung gebracht, mit fast meterlangen Objektiven. Ottokar Klemm aus Niewisch bei Beeskow drängt sich an eine der breiten Fensteröffnungen und drückt sein kleines Fernglas vor die Augen. „Da, ich seh eine“, ruft er und zeigt aufgeregt mit dem Arm in die Ferne. „Wo?“ fragt einer der Fotografen hinter seinem Superobjektiv. „Na da“, antwortet Klemm. „Ich seh nichts“, meint der Fotograf. „ Gibt’s doch nicht“, entgegnet der Niewischer. „Ich seh jetzt sogar zwei.“
Mit bloßem Auge sind die Trappen in ihrem braun-schwarz gesprenkelten Federkleid zunächst kaum auszumachen. Ein gutes Dutzend Tiere, zierliche Hennen und fast doppelt so schwere Hähne, haben sich auf der Wiese versammelt. Eine vor sich hin pickende Gesellschaft.
Doch dann legt der erste Hahn los. Er plustert sich und wirft sich in Schale. Trappenhähne brauchen dafür keinen Kleiderschrank. Sie klappen einfach den Schwanz nach oben, kippen die Flügel und wenden die weißen Unterfedern nach außen. Mit dem Hinterteil wackelnd dreht sich der Hahn vor den Hennen.
Das Publikum auf dem Aussichtsturm drängt sich vor den Luken. Begeistertes „Ah“ und „Oh“ ist zu hören. Doch die Trappenhennen zupfen weiter desinteressiert am Gras. „Die tun nur so“, sagt Biologin Sabine Schwarz. Aus den Augenwinkeln taxieren die Trappendamen den stolzierenden Hahn genau, weiß die Expertin. Der ist nun in seiner weißen Federpracht selbst ohne Fernglas nicht mehr zu übersehen.
„Sichtwerbung in der offenen Landschaft“, nennt Heinz Litzbarski die auffällige Protzerei. In dem kleinen Ausstellungs-Flachbau des Vogelschutzvereins, nur wenige Kilometer von dem Aussichtsturm entfernt, zeigt Litzbarski Touristen den Balztanz im Video. In allen Details. Einschließlich eines seltsamen Plopp-Geräusches, das die posierenden Hähne ihrem Hintern bei der Balz entfahren lassen. Und dessen Bedeutung auch den Biologen schleierhaft ist. Mit Richtmikrofonen haben die Trappenschützer auch den Herzschlag der Vögel aufgezeichnet. „Klingt wie ein Traktor“, kommentiert Ottokar Klemm, der Naturfreund aus Niewisch. 900 Schläge schafft das Herz eines liebestollen Hahnes in der Minute. Ein Kraftakt für den Arterhalt.
Dafür legen sich auch Heinz Litzbarski, Sabine Schwarz und ihre Mitstreiter im Schutzverein ins Zeug, genauso wie die Mitarbeiter der staatlichen Vogelschutzwarte in Nennhausen. Denn die Steppenvögel sind selten geworden in Deutschland. Die Biologen haben 116 Tiere gezählt. Sie leben im Havelland, den Belziger Landschaftswiesen und dem Fiener Bruch an der Grenze zu Sachsen-Anhalt. Rund um Nennhausen existieren 61 der bis zu 15 Kilo schweren Vögel.
„Vor 30 Jahren“, erzählt Litzbarski, „gab es Vorkommen bei Fürstenwalde, Wriezen oder Seelow.“ Auch in der Gegend von Bad Freienwalde, Bernau oder Werneuchen konnte man in den 80er Jahren noch Trappen sehen. Mehr als 20 Jahre hat Litzbarski die heutige Vogelschutzwarte in Nennhausen geleitet.
Die intensive Landwirtschaft ist der größte Feind des „märkischen Strauß’“. Sie bringt mit ihren chemischen Keulen die Jungen um ihr eiweißreiches erstes Futter, die Insekten. Maschinen bedrohen die Gelege in den Feldern. Schon Ende der 80er-Jahre haben sich die Vogelschützer verschiedene Methoden einfallen lassen, um Lebensräume zu erhalten. So werden Landstreifen zwischen Äckern und Grünland nicht mehr bewirtschaftet. Die Brachen sind ein Tummelplatz für Heuschrecken, das Lieblingsfutter der Küken, und eine Ruhezone für die imposanten Tiere. Die Landwirte werden für ihre Verluste entschädigt. „Wir haben hier seit Jahrzehnten keine Probleme mit den Bauern“, sagt Litzbarski.
Schwierigkeiten machen andere – Räuber wie Waschbär, Fuchs und Marderhund. Gegen sie helfen Jäger oder Drahtzäune. Auf der Wiese bei Nennhausen, an deren Rand der Beobachtungsturm steht, haben die Naturschützer ein zehn Hektar großes Areal eingezäunt.
Von der Plattform lässt sich der Zaun gut sehen. In der letzten Brutzeit war das Gehege dicht besiedelt, erzählt Sabine Schwarz den fragenden Besuchern. Die Weibchen sind dort vor allem nachts vor Feinden sicher. Denn die ersten beiden Eier, die die Hennen nach der Paarung legen, sind in der Regel ein gefundenes Fressen für Diebe wie die gewitzten Kolkraben.
Durch Eierklau versuchen Biologen ihrerseits den Raben zuvorzukommen. Von den Räubern attackierten Hennen werden olivgrüne Holzeier untergeschoben, erläutert Sabine Schwarz.
Die echten Eier wandern in den Brutkasten in der Nennhausener Vogelschutzwarte. Steht das Schlüpfen kurz bevor, tauschen die Vogelschützer die Eier entweder zurück oder die Jungen werden von Menschen großgezogen und später ausgewildert.
Die Trappen haben sich auf den Eierverlust eingestellt und paaren sich mehrfach. Bis zu drei Mal im Jahr stolzieren die Hähne balzend über die Wiesen. So wie jetzt bei Nennhausen. Der erste plustert sich und schon zieht die Konkurrenz nebenan nach. Die Hennen haben ihr Desinteresse aufgegeben. Gleich fünf umkreisen einen Hahn, der ihnen hartnäckig sein weißbeflaumtes Hinterteil zudreht.
Verewigt ist sein Werben auf Fotos und auf Videos der MOZ-Touristen. Ein kalter Wind zieht durch die Luken des Aussichtsturmes. Ottokar Klemm packt sein Fernglas ein und klettert zufrieden nach unten. Eine gelungene Aufführung. Das Stück wird noch ein paar Wochen gegeben.
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Bild-Copyright: MOZ/Sergej Scheibe
