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Die Mehrheit der Deutschen vertraut den Methoden der Stiftung Warentest

Versprechen unter der Lupe

© Foto: Amin Akhtar
Dana Hoffmann / 04.06.2014, 07:11 Uhr
Berlin (df) Die Stiftung Warentest ist in die Kritik geraten: Ritter Sport warf ihr wegen eines negativen Urteils "einen echten Anschlag" vor. "Test" wies das zurück. Für viele Deutsche jedenfalls hat sich die Stiftung in den fünf Jahrzehnten des Bestehens zu einem wichtigen Einkaufshelfer entwickelt.

Der Staubsauger rumpelt erst über eine Holzschwelle, dann rummst er frontal gegen eine Ecke. Ein Kabel zieht ihn zwei Meter nach hinten, dann kommt wieder die Schwelle und nochmal die Ecke. Insgesamt fünfhundert Mal durchläuft jedes Gerät den Schwellen- und Pfostenprüfstand, so heißt diese Laufband-ähnliche Vorrichtung. Das entspreche etwa zehn Betriebsjahren in einem Einfamilienhaus, erklärt der Prüfingenieur. Sein Name muss geheim bleiben, ebenso die Firma, für die er arbeitet. Das ostdeutsche Institut untersucht Produkte im Auftrag der Stiftung Warentest.

Zehn bis fünfzehn Staubsauger, aber auch Fernseher oder Bratwürstchen lässt die Stiftung jedes Jahr in über 100 unabhängigen Instituten weltweit testen - insgesamt rund 2000 Produkte in vergleichenden Warentests. Dazu kommen Dienstleistungsuntersuchungen, Schnelltests, Marktübersichten und untersuchungsgestützte Reports. "Wir halten uns an die großen Themen", erklärt der Leiter der Untersuchungsabteilung, Holger Brackemann. Vorschläge kommen von Verbraucherschutzorganisationen, Mitarbeitern der Stiftung oder Lesern - niemals aber von den Herstellern selbst. Unterhaltungselektronik sei ein wichtiger Bereich, aber auch Geldanlagen oder Altersvorsorge. Getestet werden hauptsächlich die großen Marken mit Marktrelevanz. Das schade zwar den kleineren Anbietern, sei aber anders nicht zu machen, sagt Brackemann. Unabhängigen Marktforschern zufolge vertrauen 82 Prozent aller Deutschen dem Urteil der Stiftung - eine gute Note kann den Verkauf befeuern. Wer schlecht abschneidet, wird zum Ladenhüter und schließlich ausgelistet.

Damit die Hersteller nicht vorgewarnt sind, werden alle Produkte im Einzelhandel gekauft. Die Käufer sind Hausfrauen, Angestellte oder Studenten. Einer, der nicht erkannt werden will, erzählt, dass er Beratungsgesprächen aus dem Weg geht. Er zahlt bar oder mit einer Kreditkarte, die auf einen anderen Namen ausgestellt ist. "Manche Tester haben Probleme, weil sie mittlerweile erkannt werden", sagt Holger Brackemann. Einige Käufer arbeiten bereits seit zwanzig Jahren für die Prüfinstitute. Zu anderen Schwierigkeiten können die strengen Auflagen führen, die Objektivität gewährleisten sollen: "30 Joghurts einer Marke mit dem gleichen Mindesthaltbarkeitsdatum zu finden ist nicht einfach", sagt Brackemann. "Da kann man dran verzweifeln."

Für Lebensmittel gelten andere Testbedingungen als für Staubsauger. Geschulte Sensoriker testen das Aroma, Chemiker untersuchen die Inhaltsstoffe. Die Verpackung wird untersucht und die Zutatenliste überprüft - steckt auch wirklich drin, was drauf steht? Die Nuss-Schokolade von "Ritter Sport" fiel in dieser Kategorie durch: Piperonal, so die Tester, sei - anders als deklariert - kein natürlicher Aromastoff. Der Hersteller erwirkte eine einstweilige Verfügung, die Stiftung hat Berufung eingelegt.

"Ein Produkt muss halten, was versprochen wird", sagt Brackemann. Das sei das Prinzip der Benotung. Ritter Sport hatte in vier Kategorien ein "Gut" bekommen, das "Mangelhaft" für die mutmaßlich falsche Deklaration aber schlug durch und bescherte der Test-Schokolade ein mangelhaftes Endergebnis. Unternehmenschef Alfred Ritter befand dazu im "Handelsblatt": "Das war ein echter Anschlag auf ein über 100-jähriges Familienunternehmen." Man habe "ganz klar einen Imageschaden" erlitten. Und: "Hätte sich die Stiftung Warentest durchgesetzt, wäre das unser Ende gewesen."

Die Stiftung aber will den Rechtsstreit weiterführen. Sie wurde in diesem Zusammenhang kritisiert, Ergebnisse zu skandalisieren und damit Leser zu ködern - ein Irrtum, sagt die "Test"-Chefredakteurin Anita Stocker. "Unsere Leser wollen Kaufberatung und Analyse, keine Negativberichte." Die Verkaufszahlen von 2013 unterstreichen das: Die beliebtesten Ausgaben des Magazins berichteten über Smartphones und Matratzen - ganz skandalfrei.

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