Der Chef der Sparkasse Uckermark räumt seine Büroschränke aus. Akten aus den vergangenen 30 Jahren wandern in den Schredder. Und wenn er noch einen Blick hineinwirft, kommt die Erinnerung an wichtige Stationen seines Lebens, an wilde Aufbauzeiten im Osten, an fortwährende Veränderung. 46 Jahre lang hat er viel Geld in den Händen gehabt. In der Summe muss es ein gigantischer Berg gewesen sein. Mit 62 einhalb Jahren verabschiedet sich jetzt der Vorstandsvorsitzende in den Ruhestand.
An seinen ersten Arbeitstag zur Ausbildung als Bankkaufmann 1974 kann sich der gebürtige Grevener kaum noch erinnern. Seine erste Station ist die Kreissparkasse Münster. Er lernt von der Pike auf. Damals werden Kontoauszüge von der Hand einsortiert und später an die Kunden ausgegeben. Für die Berechnung von Zinssätzen gibt es schriftliche Tabellen. Wer Geld will, geht mit einem Scheck zum Schalter, wo das Guthaben geprüft wird, dann zahlt ihm ein Kassierer die Beträge aus. Online-Banking ist noch nicht geboren.
In den Filialen liegt viel Bargeld. Pure Realität: Mit 100 000 Mark in einer ganz normalen Aktentasche fährt ein Bankangestellter damals mit dem Fahrrad (!) durch die Stadt zum Hauptkassierer.
Aus dem Azubi Janitschke wird ein Banker. Dienstuniform ist der Anzug. Er vergibt Kredite, qualifiziert sich, macht höhere Abschlüsse, die Berufserfahrung wächst mit den Jahren. Und dann kommt – wie so oft im Leben – die jähe Wendung durch einen Anruf: Im Februar 1990 fragt sein Vorstand an, ob er sich vorstellen könne, für drei Wochen in den "Osten" zu gehen. "Nach Moskau?" Nein, die Sparkassen bauen Partnerschaften auf. Und so sitzt Wolfgang Janitschke aufgeregt in einem blauen Sparkassen-Golf, im Gepäck eine Kühlbox mit sechs Schnitzeln, und kämpft sich mit der Landkarte nach Templin vor. Der Braunkohlen-Geruch prägt sich ein. Doch so sonnig wie das Wetter an diesem 26. März ist, so herzlich empfängt ihn die dortige Sparkassenbelegschaft. Nur den ersten Termin am nächsten Morgen um 7 Uhr (im Osten völlig üblich) lässt er verschieben. So früh ticken die Banker-Uhren im Westen nicht. Und als er im Hotel nach dem Schlüssel für das Bad fragt, sagt ihm die Frau an der Rezeption: "Das wollen sie nicht sehen." Und sie behält recht, willkommen im Osten.
Alu-Chip-Abschiedsparty
Doch die Aufbruchstimmung lässt ihm keine Zeit zum Überlegen. In den Sparkassen herrscht Enge, die Schalterräume sind alt, die Kundenhallen übervoll. Der Unterschied zum jetzt einzuführenden Bankensystem macht dem Neuen schnell klar: Hier reichen niemals drei Wochen. Es werden 30 Jahre. Gleich zu Beginn eine silvesterähnliche Alu-Chip-Abschiedsparty im Seehotel, bevor am nächsten Tag die D-Mark gilt. Die rollt eine Woche zuvor im Konvoi unter Polizeischutz nach Templin. Als der Hubschrauber über dem Marktplatz kreist, weiß auch der letzte, dass nun die harte Währung kommt: Acht Millionen Mark, in einem provisorisch gesicherten Keller mit offen stehendem Fenster gelagert, reichen für die ersten zwei bis drei Tage.
Für den Berater aus dem Münsterland stellt sich gar nicht die Frage nach dem Privatleben. Jeden Tag zwölf Stunden sitzt er mit den Kollegen, um die neuen Strukturen aufzubauen. Wenn der Blutzuckerspiegel runtergeht, flitzt er zum Bäcker, bevor es weitergeht in seinem kleinen Büro. "Ohne zu wissen, wie es überhaupt ausgeht, habe ich mich der Sache gestellt", erinnert er sich. "Man hat mich hier voll und ganz akzeptiert, ich habe mich sehr wohl gefühlt und dann sehr schnell alle Verbindungen nach Greven abgebrochen."
Am 1. November wird Wolfgang Janitschke Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Templin. Doch es geht gleich weiter mit dem Stress. Die EDV muss auf West-System umgestellt werden. "Wir haben damals von unseren Mitarbeitern Unheimliches abverlangt und viele haben Persönliches ganz hintenan gestellt." Im Juli 1994 fusionieren die Sparkassen Angermünde, Templin und Prenzlau zur Kreissparkasse Uckermark. Am ersten Tag zieht das Vorstandsmitglied Janitschke ins große Büro in die Kreisstadt um. Dort, wo jetzt der Rollcontainer steht. Und dort steht auch das hölzerne Steuerrad, das ihm sein Vorgänger Uwe Schmidt im Juni 2012 übergibt. Das reicht er jetzt weiter. Und wieder sind die Zeiten verrückt mit den Folgen der Bankenkrise. "Negativzinsen konnte man sich in der Welt, aus der ich komme, nicht vorstellen."
In der Freizeit nur in Jeans
In Templin hat Wolfgang Janitschke seine Liebe gefunden, dort sind die beiden Söhne geboren. Dort hat er ein älteres Haus gekauft und saniert. Dort will er seine neue Freizeit nutzen, Ehrenämter ausfüllen, möglicherweise in der Kommunalpolitik mitmischen. Dann aber in Jeans. Die Anzüge sind erledigt.