Die Agnes der Uckermark heißt Andrea. Sie hat auch keine Schwalbe wie einst Agnes Kraus in der beliebten DDR-Fernsehserie, sondern ein nagelneues Auto. Die Aufgaben ähneln sich jedoch. Künftig wird Andrea Kroggel über Land fahren, Patienten zu Hause aufsuchen und damit helfen, eine Lücke bei der medizinischen Versorgung auf dem Land zu schließen.
"Agnes" steht für "arztentlastende gemeindenahe Health-gestützte systemische Intervention". Mit dem Einsatz speziell geschulter Krankenschwestern sollen Hausärzte entlastet werden, indem sie bestimmte ärztliche Tätigkeiten übernehmen. Sie führen Hausbesuche durch, schauen nach den Patienten und beraten sie zu gesundheitlichen Themen.
Dr. Amin Ballouz ist der erste Arzt in der Uckermark, der "Agnes" einführt. Er nutzte einen Vortrag zum Thema Schlaganfall, den er gemeinsam mit dem Chefarzt der Klinik für Neurologie des Asklepios Klinikums Uckermark, Alain Nguento, hielt, um das Projekt vorzustellen und gleichzeitig den ersten Praxisgeburtstag in Pinnow zu feiern. Dass rund 140 Interessenten der Einladung folgen würden, hatte jedoch keiner der Organisatoren ahnen können. Die vielen Menschen hätten nicht in das Gutscafé gepasst. Sie füllten fast die ganze Festscheune.
Der niedergelassene Arzt berichtete, dass er froh ist, Schwester Andrea gefunden zu haben. Sie ist ausgebildete Krankenschwester, hat ein Jahr lang in Bernau gearbeitet und ist seit Januar in der Praxis von Dr. Ballouz. Sie absolvierte eine Zusatzausbildung und ist jetzt bestens für ihre Außeneinsätze gerüstet. "Wir decken den Bereich von Rosow bis Angermünde, über Schwedt und Passow ab", sagte der Arzt. "Agnes wird nicht den Arzt ersetzen. Aber die Schwester ist etwas mehr ausgebildet und wird dem Patienten noch näher sein. So muss dieser nicht anderthalb Stunden warten, bis er versorgt wird."
Ebenso interessant wie unterhaltsam war ein Bericht einer der Vorgängerinnen von Andrea Kroggel. Elfriede Borchert aus Frauenhagen arbeitete viele Jahre als Gemeindeschwester im ländlichen Bereich. Die Schwestern waren damals vielseitig ausgebildet, war zu erfahren. "Wir lernten sogar Suppe kochen und putzen", erzählte die 70-Jährige. Sie trug in Pinnow die Tracht von damals und hatte ihre alte Schultasche dabei, in der sie einst alles Nötige verstaute und die sie vor dem Bauch auf der Dienst-Schwalbe mitnahm. Ihr erstes Dienstfahrzeug war ein Minirad, erzählte sie. Später gab es ein Moped der Marke "Spatz". Den Knieschutz gegen die kalten Beine musste sie sich erkämpfen. Zum Schluss hatte sie einen Trabbi, den ihr Mann aus drei anderen zusammengebaut hatte. "Pro Monat gab es zehn Liter Benzin, egal, ob viel oder wenig zu tun war", sagte sie. Man habe als Gemeindeschwester fast jeden Haushalt in den Dörfern gekannt, viel Freude und Leid gesehen. "Man half oft ohne Medikamente, indem man sich Zeit nahm. Heute fehlen meist Zeit und Geld", meinte sie. Schwester Andrea wird versuchen müssen, einen Mittelweg zu finden.
Damit der Sprit dafür reicht, überreichte Oder-Welse-Amtsdirektor Detlef Krause an Dr. Amin Ballouz einen Scheck für die ersten 1000 Kilometer. Auf den Projektstart und den ersten Praxisgeburtstag wurde mit allen Gästen angestoßen. Die Schalmeienkapelle "Zur Bismarckeiche" aus Geesow spielte dazu etliche Ständchen.