Was hat Roden von Urwäldern in Afrika mit Aids in den USA zu tun? Eine Menge, finden Bioforscher. Umweltzerstörung und soziales Elend sind Triebfedern für die Ausbreitung von Seuchen wie Aids, EHEC oder Schweinegrippe.
Es gibt eine Verbindung zwischen Gummi und Aids die weit über moderne Kondomwerbung hinausreicht. Ende des 19. Jahrhunderts wurde in deutschen Kolonien auf dem Gebiet des heutigen Kamerun Wald für Kautschukplantagen gerodet. Sklaven mussten sie bewirtschaften. Hier ist es wohl passiert, in der Gegend um das Dorf Molundu an der Grenze zwischen Kamerun und Kongo. Das HI-Virus, Auslöser von Aids, sprang vom Schimpansen auf den Menschen über. Es könnte in den 1920er Jahren gewesen sein, nehmen britische und US-Forscher an.
Über Prostitution und Handel hat sich das Virus in Afrika verbreitet. 40 Jahre sollte es dauern, bis 1981 Ärzten die unbekannte Krankheit bei schwulen Männern in den USA erstmals auffiel - Aids. Ein Virus aus dem afrikanischen Busch erschütterte die westliche Welt.
Industrieländer erleben in den letzten Jahrzehnten eine Rückkehr der besiegt geglaubten Infektionskrankheiten. Aids, Schweinegrippe oder die Infektion mit dem Darmkeim EHEC sind Beispiele. Die Ursachen "liegen meist weit weg", sagte Alexander S. Kekulé, der Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle auf der zweiten internationalen Biodiversitätskonferenz Ende April in Berlin. Die neu auftretenden Krankheitsausbrüche und Seuchen hätten ihren Ursprung in den entlegensten und ärmsten Gegenden, in denen die Ökosysteme besonders stark aus dem Gleichgewicht gekommen seien, so Kekulé.
Im Fall von HIV sind es die Kautschukplantagen, die den natürlichen Wald verdrängen. Die Sklaven dort besserten ihren Speisezettel  mit "bushmeat" auf - sie jagten Affen. Wissenschaftler um den britischen Genetiker Paul Sharp und die US-Virologin Beatrice Hahn haben die Entwicklung der  Krankheit zurückverfolgt. Sie nutzten Blutproben aus afrikanischen Hospitälern, die bis in die 1960er Jahre zurückreichen, und suchten im Kot wilder Affen nach den Viren. Sie fanden einen engen Verwandten des menschlichen HI-Virus in Schimpansen in der Region zwischen Kamerun und Kongo. Mit Hilfe genetischer Analysen konnten sie einen Stammbaum des sich ständig verändernden Virus rekonstruieren - von den aktuellen Varianten bis zum Urahn aus dem 19. Jahrhundert. Ihr Fazit: Das Virus muss vor etwa 90 Jahren von Affen auf den Menschen gewechselt sein.
Der Aids-Erreger ist nicht der einzige, der sich dank Armut, Umweltzerstörung und moderner Mobilität weltweit ausbreitet. Ähnliches geschah bei der Schweingrippe-Epidemie 2009. Sie nahm ihren Anfang in der kleinen Stadt La Gloria in Mexiko. Als Seuchenherd vermuten Epidemiologen eine Farm mit 60 000 Schweinen vor den Toren der Stadt, deren Abwässer in einen nahen See geleitet wurden. Das Schweingrippevirus selbst stellte sich als Mixtur von asiatischen Vogel- und von Schweinegrippeviren heraus. Diese Mischung ist gefährlich auch für Menschen.
Dritter im Bunde der eingewanderten Keime ist das EHEC-Bakterium, an dem 2011 in Deutschland Menschen starben. Als Quelle der Epidemie wurden später Samen von Bockshornklee identifiziert, die aus Ägypten stammten. Mikrobiologen fanden heraus, dass das EHEC-Bakterium afrikanische Vorfahren hat. Es handelt sich um ein EAEC-Bakterium, das in Ägypten nicht selten ist.
Wissenschaftler sehen Zusammenhänge zwischen der Seuche in Europa und dem Nilwasser, mit dem die Felder getränkt werden. Der Fluss dient in den Anrainerstaaten zugleich als Kanalisation. Eine intensive Landwirtschaft und schmutziges Wasser haben am Ende wahrscheinlich die ansteckende Mischung ergeben, die hunderte Kilometer entfernt die schwere Infektion auslöste.  "Ich bin mir sicher, das war nicht der letzte Ausbruch in Europa", vermutet Kekulé. Umweltschutz und die Bewahrung der  biologischen Vielfalt in Entwicklungsländern seien zwingend, um die Welt vor neuen, tödlichen Krankheiten zu schützen. "Der Kampf dagegen beginnt in den entlegensten und ärmsten Regionen der Welt."
Um aufflackernde Seuchen schnell einzudämmen, wäre ein weltweiter Frühwarndienst hilfreich. Der Ausbruch der Schweinegrippe in Mexiko beispielsweise blieb über Monate hinweg international unbeachtet. In der UNO habe sich dieses System aber bisher als nicht durchsetzbar erwiesen, hieß es auf dem Kongress. Staaten wie China wollten sich nicht in die Karten schauen lassen.