Wriezen Ahnenforschung Eine französische Enkelin auf der Spur ihrer Familie

Blick ins Familienalbum: René Pages, der in Wriezen mutmaßlich einen unehelichen Sohn hatte, in den 1970er Jahren mit seiner Tochter Simonne (r.) und Enkelin Isabelle. Die forscht nun zu seiner Vergangenheit.
Nadja Voigt / 23.11.2019, 16:22 Uhr
Wriezen (MOZ) Es klingt nach einer spannenden Suche. Einer Suche, die mit dem Zweiten Weltkrieg quasi ihren Anfang nimmt und sich über Frankreich bis nach Berlin erstreckt.

Dort hat Juliane Primus ihre Firma. Sie ist Inhaberin der Memoiren-Manufaktur. Und hat sich mit der Anfrage, die sie im September erreichte, an das Oderland Echo gewandt. In der Hoffnung, dass sich jemand in Wriezen an diese besondere Familiengeschichte erinnert.

Es beginnt mit einer Nachricht

Doch von vorn: "Ich erhielt eine aufgeregte Nachricht von Isabelle Souchu aus Montpellier in Südfrankreich. Ich war der 56-Jährigen nie zuvor begegnet, aber ich bin sehr gut befreundet mit ihrer Nichte Fanny. Weil ich Deutsch spreche und mich auch beruflich mit Lebensgeschichten beschäftige, wandte sich Isabelle also an mich", berichtet Juliane Primus. Isabelle Souchu hatte vor einiger Zeit im Nachlass ihrer Mutter Simonne (1929–2017) eine Fotografie entdeckt. "Darauf zu sehen ist Simonne als 12-jähriges Mädchen. Das war zunächst nicht ungewöhnlich", so Juliane Primus. Spannend war das, was Isabelle auf der Rückseite fand: den Namen ihres geliebten Großvaters René Pages (1905–1974), zwei Stempel – einer mit dem Datum 29. Dezember 1942, ein anderer mit dem Wort "Geprüft", außerdem eine Registriernummer "22860" und die Aufschrift "Stalag IIIC". Das Stammlager IIIC für Kriegsgefangene der Wehrmacht befand sich in Alt-Drewitz bei Küstrin, nahe der Oder. "Ich wusste immer, dass mein Großvater während des Zweiten Weltkrieges fünf Jahre lang in Deutschland in Gefangenschaft war", erzählte Isabelle Souchu Juliane Primus. René Pages war 34 Jahre alt und Familienvater, als er in den Krieg ziehen musste. Am 17. Mai 1940 geriet er in den Niederlanden in deutsche Gefangenschaft. "Aber das ganze Drama, das sich dahinter verbarg, auch für meine Mutter, kannte ich nicht", so die Französin weiter.

Mit dem Foto aber sei Isabelles Neugier geweckt worden, berichtet Juliane Primus weiter. Die Enkelin habe herausfinden wollen, was es mit all dem auf sich hatte. Sie war erst elf Jahre alt, als ihr Großvater starb und erinnerte sich nur an unbeschwerte Momente mit ihm. "Er war lustig und hatte freundliche Augen, außerdem aß er sehr gern", so die Erinnerung der Enkelin.

Wriezen als Wohnsitz

Eine große Frage bleibt für sie: Was hat ihr Großvater René Pages in Deutschland erlebt? Zunächst sprach Isabelle Souchu mit ihrem Onkel, dem Bruder ihrer Mutter. "Von ihm erfuhr ich, dass mein Großvater in Deutschland einen Sohn hatte. Das war völlig neu für mich, meine Mutter hatte nie mit mir darüber gesprochen."

Wie Juliane Primus berichtet, forschte Isabelle Souchu in französischen und deutschen Archiven und stieß auf eine offizielle Karteikarte vom Juni 1946. Darauf steht, René Pages‘ Wohnsitz wäre Wriezen gewesen. Außerdem wäre Pages "réfractaire au rapatriement". Das heißt, er weigerte sich zunächst, nach Frankreich zurückzukehren. Wollte René Pages in Wriezen bei einer deutschen Frau und dem gemeinsamen Sohn bleiben? Das Standesamt Wriezen konnte nicht weiterhelfen, berichtet Juliane Primus, ein René Pages sei dort in den Akten nicht als Kindsvater verzeichnet. "Nun hofft Isabelle Souchu auf das gute Gedächtnis der Wriezener. Sie fragt: Wer kann sich an meinen Großvater erinnern oder weiß sogar etwas über seinen Sohn?"

Aufruf: Wenn Sie sich, liebe Leser, erinnern oder jemanden kennen, der das kann, wenden Sie sich mit ihren Hinweisen bitte an Juliane Primus: Memoiren-Manufaktur, Maybachufer 39, 12047 Berlin; jp@memoiren-manufaktur.de oder 030 85618019 oder an das Oderland-Echo: freienwalde-red@moz.de, Telefon 033444 14950 oder schriftlich an die MOZ Redaktion. Königstraße 16 in 16259 Bad Freienwalde.

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