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Ein bisschen wie im Urlaub

Blick in die Kirche: Kostbarkeiten wie Freskenmalerei und Sandsteinaltar k÷nnen im Biegener Gotteshaus bewundert werden. Alle 14 Tage sind Gottesdienste mit Pfarrer Andreas Althausen. Foto: MOZ/Bettina Winkler
Blick in die Kirche: Kostbarkeiten wie Freskenmalerei und Sandsteinaltar k÷nnen im Biegener Gotteshaus bewundert werden. Alle 14 Tage sind Gottesdienste mit Pfarrer Andreas Althausen. Foto: MOZ/Bettina Winkler © Foto:
Sonja Jenning / 22.09.2009, 15:20 Uhr
Biegen "Ich wäre lieber in irgendeinem Dorf der Erste, als in Paris der Zweite." Das sagte einst der französische Kaiser Napoleon Bonaparte. Auch wer in unserer Region auf dem Dorfe lebt, weiß es in der Regel zu schätzen. Die MOZ spürt dem Charme der Dörfer nach - "Dorfgeschichten" heißt diese Serie. Heute: Biegen.

Die Biegener freuen sich schon auf Weihnachten. Egal welchen der 416 Einwohner man nach den Besonderheiten seines Heimatdorfes fragt, irgendwann kommt immer auch die Antwort: "Der Weihnachtsmarkt, den müssen Sie gesehen haben!" Den ersten Weihnachtsbasar rund um die Kirche hat es 1990 gegeben. "Auf die Idee brachte uns unsere Partnergemeinde aus dem Saarland", erinnert sich Rita Perlwitz, die von 1987 bis 1998 die Kirchengemeinde Biegen-Jacobsdorf als Pfarrerin betreute, an die Anfänge des inzwischen legendären Dorfspektakels.

Heute sei der Weihnachtsmarkt das beste Beispiel für die gute Zusammenarbeit von Ortsbeirat und Kirchengemeinde, betonen Ortsvorsteher Manfred Wilke und Pfarrer Andreas Althausen. Das große Festzelt, Verkaufsbuden und Stände blieben natürlich vor der Kirche, doch eröffnet werde der Weihnachtsmarkt immer im Gotteshaus mit einer kleinen Andacht, erklärt Althausen. Ein Höhepunkt des Nachmittages sei das Krippenspiel der Biegener Kinder, das zum Weihnachtsmarkt seine Generalprobe erlebe. "Das lockt dann fast das ganze Dorf in die Kirche", so Althausen, der sich leider nicht immer über einen so gut besuchten Gottesdienst freuen kann.

20 bis 25 regelmäßige Kirchgänger gibt es in Biegen, alle 14 Tage findet üblicherweise ein Gottesdienst statt, außerdem zu den christlichen Festtagen und eben auch zu anderen besonderen Anlässen des dörflichen Lebens, sei es die Eröffnung des Weihnachtsmarktes, die Einweihung eines Spielplatzes oder die gemeinsame Kranzniederlegung zum Volkstrauertag. Auch das Denkmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege wurde 2004 gemeinsam von Ortsbeirat und Kirchengemeinde wiederaufgebaut. "Diese gemeinsamen Aktionen sind wichtig für die Identität des Dorfes und seiner Bewohner", sagt Althausen und Wilke fügt hinzu: "Die Leute fühlen sich einfach wohler, wenn sie merken das es keine Spannungen zwischen Pfarrer und Ortsvorsteher gibt." Und so verbindet die beiden Männer nach sechs Jahren Zusammenarbeit ein spürbar freundschaftliches Verhältnis.

Hässlichkeiten gegen die Kirche habe es jedoch auch in ihren Jahren vor der Wende nicht gegeben, sagt Rita Perlwitz, die 1986 nach Biegen zog, nachdem sie zuvor in Gusow bei Seelow als Pastorin gewirkt hatte, und noch immer im Pfarrhaus in der Friedensstraße wohnt. "Die Menschen waren aufgeschlossen, liebevoll und freundlich, wie hatten schnell Kontakt", erzählt die heute 71-Jährige und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: "Obwohl ich die erste Frau in der langen männlichen Pfarrerfolge war." Bis heute lebt sie gern hier, ebenso wie ihre Mutter Edith Zühlke, die mit ihren 96 Lebensjahren zu den ältesten Einwohner Biegens gehört. "Doch als Frau Zühlke kennt mich hier niemand, alle nennen mich die Oma vom Pfarrhaus", sagt die alte Dame lächelnd. Fragt man sie nach der dörflichen Nachbarschaft, gerät sie ein bisschen ins Schwärmen: "Am Wochenende bringt der Nachbar uns immer frische Brötchen mit, dafür nehmen wir in der Woche Pakete an. So beruht alles auf Gegenseitigkeit. Einer weiß vom anderen, auch bei Trauer oder Krankheit, das gibt es in der Stadt nicht, das gibt es nur auf dem Lande." Nicht zu vergessen sei die schöne grüne Umgebung. "Man muss gar nicht weit weg fahren, es ist immer wie im Urlaub hier", so Edith Zühlke.

Und wer doch mal raus will aus Biegen hat es über die nahe gelegene Autobahn auch nicht weit nach Frankfurt (Oder), Fürstenwalde oder Berlin. So werde die Autobahn auch von den meisten als Segen betrachtet, so Ortsvorsteher Manfred Wilke. Vielleicht ist die gute Verkehrsanbindung auch einer der Gründe dafür, das die Biegener Einwohnerzahl über die Jahre konstant geblieben ist. "Es gab auch einige Zuzüge, wenn auch nicht im großen Stil, sondern eher in Form von Lückenbebauung" so Wilke und auch das Verhältnis von Kindern zu Rentnern sei ausgeglichen. Zwar gebe es keine eigene Kita, die meisten besuchen Einrichtungen in Briesen oder Pillgram, dafür haben die Biegener jedoch 2007 einen großen öffentlichen Spielplatz für ihren Nachwuchs gebaut. "Damit waren wir die ersten in der Umgebung und hatten Initialwirkung für die umliegenden Orte", sagt Manfred Wilke.

Stolz sind Ortsvorsteher Wilke und Pfarrer Althausen auch auf den Biegener Friedhof. Der ist nicht nur urwüchsig und grün, sondern bietet auch Raum für Individualität. "Vor drei Jahren haben wir die Satzung geändert, seitdem kann jeder seinen Stein gestalten wie er will", sagt Althausen. Damit werden nicht nur der optischen Vielfalt Raum geboten sondern auch dem individuellen Ausdruck von Trauer.

Nichtsdestotrotz feiern die Biegener gern. Mittelpunkt der Feste ist das Dorfgemeinschaftshaus, das einst die Schule beherbergte. An diese Zeit erinnert noch die Inschrift über der Tür: "Ohne Fleiss, kein Preis" steht dort in großen Lettern. Bedauerlicherweise wird das Gasthaus gegenüber der Kirche zurzeit nicht bewirtschaftet. "Wir hoffen sehr, dass sich dort bald wieder ein Pächter findet", so der Ortsvorsteher. Froh sind er und die Biegener über das kleine Einkaufscenter an der Hauptstraße. Während in den meisten anderen Dörfer der Umgebung Fleischer, Bäcker und Gemüsemann nur sporadisch mit dem Lieferwagen halten, leistet sich Biegen dank Inhaberin Angelika Meindel den Luxus einer "Kaufhalle in Miniformat", in der es von der Haarnadel über Brot, Brötchen, Fleisch, Wurst, Obst und Gemüse bis zum Schnürsenkel so gut wie alle Waren des täglichen Bedarfs gibt. Durchreisende freuen sich hier außerdem über einen kleinen Imbiss.

Was gibt es sonst noch über die Biegen und seine Bewohner zu sagen? "Sie sind ein gewachsener Menschenschlag, verträglich und hilfsbereit", sagt der Pfarrer. "Es ist ein traditionsbewusstes Dorf", sagt der Ortsvorsteher. "Die Biegener Frauen backen den besten Kuchen", sagt Frau Zühlke, die "Oma vom Pfarrhaus". Wer sich selbst ein Bild machen will, sollte Biegen besuchen - vielleicht sogar zum Weihnachtsmarkt.

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