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"Nächstes Jahr habe ich Bergfest"

Musiker aus Leidenschaft: Zu DDR-Zeiten stand Axel Titzki mit dieser Gitarre schon mit einer Sch³lerband auf der B³hne. Jetzt lebt er von der Musik. Foto: MOZ/Gerrit Freitag
Musiker aus Leidenschaft: Zu DDR-Zeiten stand Axel Titzki mit dieser Gitarre schon mit einer Sch³lerband auf der B³hne. Jetzt lebt er von der Musik. Foto: MOZ/Gerrit Freitag © Foto:
janet neiser / 19.08.2009, 08:00 Uhr
Eisenhüttenstadt

Die politische Wende 1989/90 wurde auch zur Wende im Leben zahlloser Ostdeutscher. In einer MOZ-Serie stellen wir 20 Jahre später 20 Menschen aus unserer Region vor. Wir erzählen, wie sie die Veränderungen bewältigt haben, wie es ihnen heute geht. Im 8. Teil plaudert Musiker Axel Titzki (41) aus dem Nähkästchen.

"Wand an Wand" - dieser Song vom City-Album "Casablanca" (1987) kommt Axel Titzki als erstes in den Sinn, wenn er an die sogenannte politische Wende denkt. Die hat der Eisenhüttenstädter als 21-Jähriger sogar hautnah miterlebt. "Ich war damals bei der NVA und hatte am 9. November Ausgang. Da bin ich mit ein paar Kumpels nach Berlin gefahren", erzählt er in seinem Studio gleich neben dem eigenen Haus, in dem gerade die neuen Songs für das Musical Snowy entstehen. Dass er irgendwann mal von Musik leben würde, damit konnte er in dieser Nacht im Jahr 1989 genausowenig rechnen wie mit der Grenzöffnung. "Ich hab e_SSRq bestimmt total ungläubig geschaut", sagt er. Aber mit Wehrdienstausweis in der Tasche sei der Westen für ihn eh Sperrzone gewesen und bis in die Nacht zu feiern, ging auch nicht. Der nächste Morgenappell wartete - trotz Maueröffnung. Titzki zuckt mit den Schultern, als wolle er sagen: Halb so schlimm.

"Im Januar war ich das erste Mal drüben." Und vom Begrüßungsgeld wurden lediglich ein paar D-Mark für sein Hobby Musik ausgegeben, für einen Walkman. So konnte er immer und überall Musik hören. All die Kassetten - voll mit Songs aus dem Westen, die er zuvor vom Radio aufgenommen hatte. "Aber ich fand auch die Ostmusik in den 80ern richtig spannend. Wir waren begeistert, und vor allem waren wir geübte Hinter-die-Zeilen-Gucker." Ja, das mit den Texten sei damals schwierig gewesen. "Schon wenn man von einem alten Baum gesungen hat, dem die Äste abgesägt wurden, war man ja verdächtig." Abschrecken konnte ihn das nicht von seinem Wunsch, selbst Musik zu machen. Auch wenn er hin und wieder die Auswirkungen der "Rotlichtbestrahlung" zu spüren bekam: sogar noch 1989. Da sollte er mit ein paar Soldaten zum 40. Jahrestag der DDR auftreten. Doch irgendwie war das Programm wohl zu heftig geraten, sagt er. Bis auf drei Volkslieder wurde es kurzerhand abgesagt. Doch bereits ein paar Wochen später gab es für Titzki und Co. von denen, die vorher die rote Karte gezeigt hatten, eine Urkunde für das nie aufgeführte Jahrestagsständchen. Einschüchtern ließ er sich von solchen Reglementierungen nicht, er schmunzelte darüber.

"Wir haben ja schon als Schüler Weltverbesserungssongs gesungen", erzählt Titzki, der 1983 in seiner ersten Band gespielt hat, und schaut auf ein Foto, auf dem er als ein Teenager mit einer riesigen Bassgitarre zu sehen ist. "Das war meine erste. 230 Mark hat die gekostet." Noch heute hängt das gute Stück in seinem Studio - und damit auch viele Erinnerungen: unter anderem an die Musikschule und seine Lehre als Maschinenanlagenmonteur, die offensichtlich nicht das Richtige für den jungen Mann war, der vor allem Musik im Kopf hatte und nicht schrauben, sondern singen und spielen wollte. Auf jeden Fall arbeitete er danach lieber als Hausmeister in einem Kindergarten. "Und ich glaube, ich war der schlechteste Hausmeister der Warschauer-Pakt-Staaten", sagt er mit einem schelmischen Grinsen. "Da hatte ich nämlich unendlich viel Zeit, um Musik zu machen."

Was aus dem singenden Hausmeister geworden wäre, wenn die Mauer nie oder später gefallen wäre? Das vermag er selbst nicht zu beantworten. Eins steht aber fest. Das Studio, in dem der zweifache Familienvater und Ehemann heute sitzt, hätte er sich zu DDR-Zeiten nicht leisten können. "Das war unbezahlbar." Aber von Musik zu leben, das sei noch immer verdammt schwer. "Und wenn mir meine Eltern in den 90ern nicht geholfen hätten, wer weiß " Verdient hat er mit seiner Nachwende-Band AT News jedenfalls nicht viel. Doch nach und nach kleckerten ein paar Aufträge herein. So produzierte Titzki die zwei ersten Alben von E-Craft, arbeitete mit Nik Page von den Blind Passengers zusammen, und 1997 begann die Erfolgsgeschichte der Friedrich-Wolf-Theater-Produktion "Schneemann Snowy", für die er bis heute die Musik komponiert und Texte schreibt.

"Nächstes Jahr hab e_SSRq ich schon Bergfest", betont der 41-Jährige und schaut erneut etwas ungläubig, so wie damals in der Nacht des Mauerfalls. "Dann habe ich genau so lange im vereinten Deutschland gelebt wie in der DDR. Historisch gesehen sind wir doch eine begnadete Generation. Wer hat denn schon eine Jahrtausendwende erlebt und kann zusätzlich von sich behaupten, dass er in zwei politischen Systemen gelebt hat?" fragt er. Für ihn sei die Wende jedenfalls zur richtigen Zeit gekommen. Er war jung genug, um neu zu starten, erinnert sich aber ebenso gern an seine Jugend zurück - wie alle, wenn es um die erste Liebe, das erste Auto und die erste eigene Wohnung geht. "Und das hat nichts mit Ostalgie zu tun", betont er.

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