Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

"Die Bohrer" von Groß Briesen

Jörg Kühl / 19.08.2009, 08:00 Uhr
Groß Briesen

Mit der Ankündigung des Landesbergbauamtes, dass in der Region zwischen Cottbus und Beeskow die Probebohrungen nach Erdöl wieder aufgenommen werden, erwachen in Groß Briesen, Klein Briesen und in anderen Orten in der Region 40 Jahre alte Erinnerungen.

Auch in Groß Briesen wurde in den sechziger Jahren nach Öl gesucht. In zwei Kampagnen, die von 1961 bis 1962 und von 1969 bis 1970 dauerten, versuchten die Fachleute, mit Hilfe großer Bohrtürme auf das schwarze Gold zu stoßen.

Im Gasthaus Rachlitz in Klein Briesen sitzen drei Damen und denken an früher, als die Region noch im Fokus der Rohstoffgewinnung stand: Hedwig Rachlitz (90) und Erika Brisch (80) sowie Brigitta Hupp, die die Dorfkneipe heute führt. 40 Jahre alte Erinnerungen werden wach, Details einer prägenden Episode in der Geschichte der Region erhalten Kontur:

"Die Bohrer", wie die Bewohner Groß Briesens und Klein Briesens die bis zu 30 Arbeiter nannten, campierten vor der Groß Briesener Kirche bei der Gaststätte Kanzler in großen Wohnwagen. Ihre Bohrtürme ragten hinter dem Bahnhof und auf einem Feld in Richtung Walkemühle in den Himmel.

Für Brigitta Hupp hatte die Erdölsuche in der Region ganz persönliche Folgen: "Ich traf durch die Ölbohrungen meinen Mann. Er kam 1969 mit den Bohrtrupps der VEB Erdgas und Erdölerkundung Mittenwalde nach Groß Briesen. Dort lernten wir uns kennen, heirateten bereits ein Jahr später." Ihre Mutter, Hedwig Rachlitz, damals Inhaberin der Dorfgaststätte, habe zu Beginn der ersten Bohrungen, Anfang der sechziger Jahre, die Ölfachleute versorgt, und zwar auf ausdrücklichen Wunsch der Männer. Brigitta Hupp erinnert sich daran, als Mädchen den Abwasch für ein Dutzend Männer erledigt haben zu müssen. Die Männer der zweiten Bohrkampagne hätten dann eine eigene Köchin dabei gehabt.

Untergebracht waren "die Bohrer" für damalige Verhältnisse eines Montageeinsatzes recht komfortabel: In langgestreckten mobilen Baracken, wie sie heute noch beispielsweise auf dem Campingplatz in Niewisch Verwendung finden: "Da kam man zum Eingang rein, und links und rechts waren je zwei Arbeiter in einer Kabine untergebracht", erinnert sich Brigitta Hupp. Für die Körperhygiene stand den Männern vom Bohrtrupp ein separater Duschwagen mit eingebauten Toiletten zur Verfügung.

Obwohl die Mannschaftsunterkünfte in Groß Briesen und damit in der Nähe der Bohrlöcher standen, hielten sich die Männer oft in Klein Briesen auf: "Da gab es mehr Mädchen als in Groß Briesen", behauptet Brigitta Hupp. Deshalb seien die Männer nach Dienstende gerne entlang der Bahntrasse von Groß Briesen nach Klein Briesen getrabt.

"Die Bohrer" standen offenbar vor allem bei den jungen Frauen in der Region hoch im Kurs, brachten sie doch frisches Blut in die Dörfer. Außerdem seien die jungen Männer mit ihren "Jawa"-Maschinen und mit ihren Strickjacken im Dorfbild aufgefallen. Es wurde wohl auch viel gefeiert: "Das Tonband ging ja nie aus", wie es Brigitta Hupp ausdrückt.

Auch für die weibliche Dorfbevölkerung von Groß und Klein Briesen müssen die Ölsucher eine Bereicherung und willkommene Abwechslung gewesen sein: "In jedem Jahr blieb einer bei uns im Dorf hängen", sagt Hedwig Rachlitz lachend. Das mag wohl etwas übertrieben sein, aber immerhin sind durch die Anwesenheit der Ölsucher zwei Ehen entstanden, aus denen vier Söhne hervorgegangen sind. Brigitta Hupps Söhne sind sogar in der Branche geblieben: Lars-Peter arbeitet heute als Bohrmeister, Alexander wurde Geologe.

Entgegen den üblichen dörflichen Gepflogenheiten verstanden sich die "Bohrer" mit den männlichen Dorfbewohnern recht gut, sie wurden offenbar nicht als Konkurrenten um die Damenwelt angesehen: "Die Dorfbewohner waren damals, auch durch die zugezogenen Flüchtlingsfamilien aus dem Osten, recht weltoffen", versucht Brigitta Hupp eine Erklärung. "Und viele von denen haben bei der Heuernte geholfen", ergänzt Erika Brisch.

Ob in Groß Briesen jemals Erdöl gefunden wurde, kann keine der drei Damen bestätigen. Nach Brigitta Hupps Erinnerung wurde in Groß Briesen kein Erdöl gefördert, sondern es fanden ausschließlich Probebohrungen statt: "Einen Förderkopf habe ich hier nie gesehen."

Heute sind alle Anlagen abgebaut, alle Spuren überwachsen. Geblieben sind Erinnerungen an eine spannende Zeit. Die Erdölerkundungen in Groß Briesen waren zwar nur eine relativ kurze Episode in der Geschichte der beteiligten Dörfer, doch nach den neuesten Entwicklungen könnte die Spezies des "Bohrers" wieder in der Region heimisch werden: Drei Ölfirmen haben angekündigt, altbekannte Öllagerstätten bei Reudnitz, bei Briescht, rund um den Schwielochsee sowie in der Lieberoser Heide zu sondieren.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG