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Ja! fer unseri Sproch - Elsässer pochen auf ihre Kultur

Isabelle Schoepfer, Leiterin des Elsassischen  Sprochamtes (Office pour la Langue et la Culture d'Alsace, kurz: Olca). Die Institution bemüht sich, das Elsässische als Alltagssprache zu bewahren.
Isabelle Schoepfer, Leiterin des Elsassischen Sprochamtes (Office pour la Langue et la Culture d'Alsace, kurz: Olca). Die Institution bemüht sich, das Elsässische als Alltagssprache zu bewahren. © Foto: dapd
dapd / 19.01.2012, 13:50 Uhr
Strassburg (dapd) Miss France 2012 ist eine Elsässerin. Das an sich ist keine Sensation. Aber dass die 20-jährige Delphine Wespiser aus Magstatt-le-Bas im Sundgau es gewagt hat, vor laufenden Kameras im französischen Fernsehen Elsässisch zu sprechen, hat für Aufregung gesorgt. Die Reaktionen waren nicht nur freundlich, denn Frankreich tut sich schwer mit dem deutschen Dialekt wie auch mit seinen anderen Regionalsprachen.

Rechtzeitig vor den Präsidentschaftswahlen Ende April rufen Unterstützerverbände für Bretonisch, Okzitanisch oder Baskisch am 31. März landesweit zu Demonstrationen auf. Gefordert werden eine größere politische Unterstützung sowie Gesetze zum Schutz der Regionalsprachen.

In Straßburg geht es an diesem Tag auf der "Place Kléber" um einen rechtlichen Rahmen für die deutschen Dialekte Elsässerditsch und Lothringer Platt. Die Politiker sollen sich erklären, denn staatliche Unterstützung gibt es bislang so gut wie nicht. Pessimisten gehen davon aus, dass die "Elsassische Sproch" über kurz oder lang verschwunden sein wird. Dagegen rührt sich Widerstand. Eltern bestehen auf zweisprachigem Unterricht und im Interesse der Wirtschaft ist der völlige Verlust der Mundart als Brücke zum Hochdeutschen auch nicht.

"Das Elsässische hat noch mehr Schwierigkeiten als beispielsweise das Bretonische oder das Katalanische", sagt Bénédicte Keck vom Elsassischen Sprochamt - Office pour la Langue et la Culture d'Alsace (Olca). Immerhin sei Deutsch die Sprache des Erzfeindes langer Jahre und davon sei bis heute etwas hängen geblieben. "Während ein südfranzösischer Akzent als nett empfunden wird, gilt der elsässische als hässlich, bäuerlich und ist verpönt", meint Keck. Es setze viel Mut voraus, offiziell Mundart zu sprechen. Im Sundgau, wo Hochalemannisch gesprochen wird, klingt der Tonfall fast wie Schweizerdeutsch, das Fränkische im Norden ist den Saarländern auf der anderen Seite des Rheins sehr vertraut.

Etwa ein Drittel der rund 1,8 Millionen Elsässer habe grundsätzlich die Kompetenz zu sprechen, benutze den Dialekt im Alltag aber häufig nicht, meint Olca-Direktorin Isabelle Schoepfer. Olca setzt sich unter dem Motto "Ja! fer unseri Sproch" mit Sprachkursen, Theater, Märchenerzählern und Musik auf Veranstaltungen für die Mundart ein, kooperiert mit Unternehmen, die "typisch Elsässisches" als Teil ihrer Vermarktungsstrategie sehen. Das Olca- Budget, das aus den Kassen der Region und der beiden Departements kommt, ist mit 750.000 Euro im Jahr nicht gerade üppig.

Nicht gut zu sprechen ist man im Sprochamt auf die Zentralregierung in Paris. "In Frankreich gibt es Paris und den Rest - die Provinz", sagt Schoepfer. Die Sprache der Republik ist verfassungsgemäß Französisch. Zwar sei 2008 ein Artikel aufgenommen worden, der die Regionalsprachen als nationales Kulturgut erwähnt, damit seien aber keinerlei Verpflichtungen verbunden. "Die Regionalsprachen werden toleriert, haben aber keine legale Existenz", betont sie.

Frankreich konnte sich bis heute als einziges EU-Land nicht entschließen, die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen des Europarats von 1992 zu ratifizieren. "Die Sprache ist aber die Kultur", sagt die Olca-Chefin. "Und das Elsass gehört zum germanischen Kulturkreis, auch wenn wir im Vergleich zu den Deutschen Romanen sind." Man sei schlicht eine Region "dazwischen" und könne sich so die Schönheiten zweier Kulturen aneignen. Olca versuche, bewusst zu machen, was für ein Plus das sei.

Die Zweisprachigkeit sei in den letzten 40 Jahren im Elsass extrem rückläufig, sagt Olaf Paschen vom Verein ABCM Zweisprachigkeit in Schweighouse-sur-Moder. "In Frankreich sieht man andere Sprachen neben dem Französischen grundsätzlich sehr ungern." Es gebe aber zunehmend Unternehmer, die den elsässischen Politikern auf die Füße träten, weil ihnen zweisprachige Mitarbeiter fehlten. Auf den Schulhöfen öffentlicher Einrichtungen werde der deutsche Dialekt aber zum Teil immer noch untersagt.

ABCM hat zehn Grundschulen unter seiner Regie, deren Verwaltungschef Paschen ist. Ziel der seit 20 Jahren privat organisierten Schulen ist, die derzeit 1.150 Kinder bis zum Alter von zwölf Jahren zur Zweisprachigkeit zu führen. Da es staatlicherseits nur Jahresverträge gibt, weiß Paschen nie, ob seine Schulen zum nächsten Schuljahresbeginn noch existieren können. Aufgrund der Kriegserfahrung habe sich Deutschland in der Vergangenheit gegenüber Frankreich zu Recht immer sehr zurückgehalten, sagt er. "Noch heute würde sich ein deutscher Politiker nie für die Zweisprachigkeit im Elsass einsetzten, aber jetzt bräuchte das Elsass dringend diese politische Unterstützung."

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