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Optische Erlebnisse

Die junge Dame aus der Renaissance darf mit: Der Künstler Jürgen Gerhard überlegt noch, welche Bilder er in der Ausstellung im Hohen Neuendorfer Rathaus zeigen will
Die junge Dame aus der Renaissance darf mit: Der Künstler Jürgen Gerhard überlegt noch, welche Bilder er in der Ausstellung im Hohen Neuendorfer Rathaus zeigen will © Foto: Weißapfel
Heike Weißapfel / 24.01.2012, 17:20 Uhr - Aktualisiert 24.01.2012, 18:06
Hohen Neuendorf (MZV) „Ausgangspunkt meiner Malerei ist ein optisches Erlebnis“, sagt Jürgen Gerhard. Der Hohen Neuendorfer Künstler steht in seinem Atelier und überlegt noch einmal, welche Bilder aus seinem reichen Fundus er ins Rathaus mitnehmen will. Die Auswahl ist groß. In hohen Regalen stehen Bilder wie Bücher aufgereiht, dem Betrachter verborgen. Manchmal hat er auch ein wenig Mühe, sich an alle zu erinnern, sagt er lachend.

Jürgen Gerhard folgt mit seiner Ausstellung auf die Bilder der Müllheimer Kollegen. Den Termin hat er sich selbst ausgesucht. Malerei, Zeichnungen und Grafiken aus vier Jahrzehnten will der Künstler zeigen, der im März 65Jahre alt wird.

1947 in Leipzig geboren, hat Jürgen Gerhard nach dem Abitur dort zunächst eine Schriftsetzerlehre absolviert und bis 1967 als solcher am Institut für Buchgestaltung der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig gearbeitet. Zwischen 1968 und 1973 hat er dort unter anderem bei Werner Tübke studiert.

Aus dieser Zeit stammt das älteste Bild, das Jürgen Gerhard in die Ausstellung mitbringt. Die Bleistiftzeichnung zeigt eine junge Französin der Renaissancezeit. „Wir sollten uns mit den alten Meistern beschäftigen. Die ersten Bilder hat uns Tübke damals um die Ohren gehauen. Denn er verlangte, dass die Kopie sollte so ähnlich wird, dass keiner merkt, dass es kein Original ist“, erzählt der Maler und lacht. So hat sich Jürgen Gerhard mit diesem Bild dann zwangsläufig viel Mühe gegeben – und es ist ihm anscheinend ans Herz gewachsen. „Vielleicht ist es doch nicht schlecht, wenn man mal getriezt wird“, ist er nachträglich dankbar für die Übung.

Zeichnungen stehen dennoch nicht im Vordergrund seines Schaffens. Dutzende von Pinseln stehen in Gerhards Atelier griffbereit. Aquarelle und Ölgemälde in beinahe jedem Format zeigen Landschaften, Stillleben, Figuren und Porträts. Manche Bilder sehen auch nur aus wie Aquarelle, die Farbe ist aber dünn auf Karton aufgetragen.

Seit 1975 ist Jürgen Gerhard mit der Keramikern Frauke Gerhard verheiratet, und seit 1979 sind die beiden in Hohen Neuendorf zuhause. Oft hat Jürgen Gerhard in der freien Natur gemalt, das südliche Licht hat er eingefangen. Viele Motive stammen von Reisen. Die großformatigen Bilder entstanden dann später im Atelier. In der Ausstellung werden aber auch Serien von Landschaftseindrücken zu sehen sein, die kaum größer sind als 10mal 15 Zentimeter. Zu allen könnte der Künstler eine Geschichte erzählen. „Immer einmal baden, einmal malen“, sagt er über eine Reihe von Küstenansichten.

Ausdrucksstarke große Porträts zeigen mehr als lebensgroße Gesichter einer Gruppe von sesshaften Sinti. Sie entstanden in den 80er Jahren in Bulgarien. Auch in Georgien ist Jürgen Gerhard noch kurz vor der Wende gewesen. Inzwischen haben sich längst Bilder von Naxos und Cornwall dazugesellt.

Als „nicht staatstreuer“ Künstler hat es Jürgen Gerhard nicht leicht gehabt, seine Werke zu verkaufen. Dass ein Bild vom Streik der Hennigsdorfer Arbeiter am 17.Juni 1953 in seinem Fundus blieb, verwundert nicht. Zwar wurde mal eine Grafikmappe zum 20-jährigen Bestehen der Mauer von ihm verlangt. Doch das Ergebnis – unter anderem eine Zeichnung des inzwischen gesprengten Sendemastes in Frohnau, den er von einem Atelierfenster aus sehen konnte – wurde dennoch nicht ausgestellt. „Willi Wiborny vom Kreismuseum hat als Einziger mal ein Bild für das Museum angekauft“, erinnert er sich. Verbittert wirkt Jürgen Gerhard aber keineswegs, sondern voller Schaffenskraft. Als Honorardozent sicherte sich der Künstler zumindest teilweise seinen Lebensunterhalt, an der Filmhochschule in Potsdam hat er fünf Jahre lang gearbeitet, und noch immer gibt er gerne Kurse.

Jürgen Gerhards Ausstellung wird ganz anderen Charakter haben als die zumeist abstrakten Bilder der Müllheimer. Grelllbuntes ist nicht zu erwarten, eher erdfarbene, sanfte Töne, Bilder, die mal Ruhe, mal Dynamik ausstrahlen. Bei einer Aquarell-Serie, die in Paris entstand, hat Gerhard sogar fast ganz auf Farben verzichtet. „Paris ist ja eine Stadt aus lichtem Grau“, ist der Eindruck, den die Gemälde auf zauberhafte Weise widerspiegeln.

Die Vernissage zur Ausstellung findet am Freitag, 3.Februar, um 17.30Uhr im Foyer des Rathauses statt. Zur Eröffnung spricht Astrid Volpert über die Kunst von Jürgen Gerhard. Die Bilder sind dann zu den Öffnungszeiten bis zum 6.März zu sehen.

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